In unserem Rückblick auf “40 Jahre Schachbundesliga” lassen wir Timo Sträter zu Wort kommen. Der 55-jährige FIDE-Meister und Bruder des bekannten Kabarettisten Torsten Sträter, spielte jahrelang für den SV Wattenscheid in der Schachbundesliga und schrieb in seiner Kolumne über das Abschneiden seines Klubs. In einer mehrteiligen Reihe wärmt Sträter allerdings keine alten Geschichten auf, sondern lässt seinen Gedanken über das historische und aktuelle Geschehen sprichwörtlich freien Lauf.

Timo Sträter im Einsatz für den SV Wattenscheid bei der zentralen Endrunde in Eppingen 2014 | Foto: Georgios Souleidis

Von Timo Sträter

Eine Kamerafahrt über die Themse. Eine behaarte Hand wirft einen riesigen König um. Der Big Ben. Ein Mann reibt sich im Schattenriss den Ziegenbart. Alles untermalt von herrlich stimmungsvoller Synthie – Mucke. So und nicht anders muss man Schachpräsentieren. Die Rede ist, die älteren Semester werden sich noch erinnern, vom sogenannten Schach – Worldcup, ein vom englischen BBC veranstaltetes und gesponsertes GM–Rundenturnier. Neben den großen Namen dieser Zeit wurden stets auch ein paar Newbies und interessante Gesichter eingeladen, wie z. B. Anno’82 der Afrika – Meister Slim Bouaziz. Der Clou an der Sache: Die Partien wurden im Studio noch einmal nachgestellt, wobei die Akteure ihre Gedankengänge verbal erläutern mussten. Manch einer soll vor den Aufnahmen ein paar Drinks gekippt haben, um sich mental zu lockern. Hätte ich nicht anders gemacht. Denn ob es wirklich eine Freude ist, so eben erlittene Niederlagen noch einmal wortreich zu durchleiden, während ein innerlich grinsender Gegner seine überlegene Spielkunst zelebriert, wage ich zu bezweifeln. Aber Vertrag ist Vertrag. Die Resultate sind jedenfalls eine Schau. Literatur – Professor Robert Byrne erklärt in glasklarem Englisch kenntnisreich und luzide die Vorgänge auf dem Brett – ein Hochgenuss, nicht nur für Freunde der englischen Sprache. Spasski brummte im sonoren Bass, Karpow hingegen schien vom Grund eines sowjetischen Schuhkartons zu sprechen. Der eineo der andere hatte dezent mit der englischen Sprache zu kämpfen, die natürlich obligatorisch war. Aber das war völlig wurst, denn die Message kam an: Schach ist wichtig.

Das Geschehen auf dem Brett machte teilweise so richtig Laune. Ich erinnere mich an ein Finale Karpow – Spasski, in dem letzterer den Weltmeister in einem Endspiel Dame + Springer vs. Dame düpierte. Und sich nachher gemütlich eine ansteckte. „Jetzt erst mal eine Zigarette“! rief ein freudig erregter Helmut Pfleger, während Spasski behaglich schmauchte. Das Finale gewann dann trotzdem Karpow, war ja irgendwie auch klar.

Aber das eigentlich Großartige an dieser Veranstaltung sind nicht unbedingt die schachlichen Inhalte. Nein, es sind diese unverwechselbaren Gesichter, diese Typen. Donner, Byrne, Hort, der noch fast jugendliche Kortschnoi. Der ganz und gar jugendliche Lobron, nur echt mit ewigglimmender Zigarette, damals war es ja noch erlaubt.

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