Im letzten Bericht hatte ich Vishy Anand eher “der Vollständigkeit halber” bzw. aus Respekt für seine Lebensleistung über Jahrzehnte abgebildet, nun hat er sich das Titelbild verdient. Schuld daran auch sein alter Rivale, Freund, Kumpel, Weggefährte usw. Vladimir Kramnik – nun alleine oben in der Tabelle wenn man sie umdreht. Das lag auch daran, dass Radjabov zwar in Runde 7 plötzlich nicht Remis spielte, aber in Runde 8 wieder und ausgerechnet gegen den zuvor remislosen Jorden van Foreest.

Bei den Masters ist es aus meiner Sicht weiterhin ein Fünfkampf um den Turniersieg, auch wenn Carlsen-Fans ihren Liebling vielleicht als klaren Favoriten bezeichnen. Bei den Challengers ist es dagegen inzwischen voraussichtlich ein Dreikampf, und nur einer dieser drei zählte vor dem Turnier zu den drei Favoriten. Das ist der jeweilige Stand nach acht von dreizehn Runden – Restprogramm überschaubar genug, dass ich es am Ende kurz erwähne:

Masters Carlsen und Anand 5.5/8, Nepomniachtchi, Ding Liren, Giri 5, Radjabov 4.5, Vidit und Duda 4, Fedoseev und Shankland 3.5, Mamedyarov und Rapport 3, Jorden van Foreest 2.5, Kramnik 2. Carlsen hat da wohl die Sonneborn-Berger Nase vorn, da sein Sieg gegen Rapport diesbezüglich mehr wert ist als Anands Sieg gegen Kramnik. Beide besiegten außerdem Jorden van Foreest und Mamedyarov – Shak hat kein gutes Turnier, noch eine Niederlage und er ist gar raus aus dem Club 2800+.

Challengers Chigaev 6/8, Kovalev und Esipenko 5.5, Gledura, Lucas van Foreest, l’Ami, Korobov 4.5, Bareev, Maghsoodloo, Keymer 4, Praggnanandhaa 3.5, Paehtz 2.5, Saduakassova 2, Kuipers 1.5. Neben Kovalev waren vor dem Turnier Korobov und Maghsoodloo favorisiert, aber der Ukrainer ist immer für einen Ausrutscher gut und der Iraner hat kein gutes Turnier – mit 50% ist er relativ gut bedient. Vincent Keymer in guter Gesellschaft – der ehemalige Weltklassespieler Bareev und der aktuelle Junioren-Weltmeister. Die IMs brauchen für eine GM-Norm wohl alle am Ende +1 – für Stefan Kuipers ist dieser Zug bereits abgefahren, Paehtz und Saduakassova bräuchten nun einen Turbo-ICE.

Fotos wieder von Alina l’Ami ab Turnierseite auf Facebook, derzeit nur für Runde 7 verfügbar.

Fedoseev-Carlsen wurde als Chance für den Norweger bezeichnet, einen weiteren Sieg zu erzielen – schliesslich war der junge Russe zuvor formschwach. Es kam anders, am Ende ein Plusremis für Fedoseev.

Quasi dasselbe Foto mit Schwerpunkt Fotografen.

Und hier vier der fünf Spieler, die den Turniersieg wohl unter sich ausmachen werden. Carlsen grübelt am Brett, ein weisser Bauer steht auf h4 – chon seit dem fünften Zug, so spielte Fedoseev gegen Grünfeld (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.h4!?) und kannte das dann viel besser als sein Gegner. Es führte allerdings nur zu Vorteil auf der Uhr sowie einem Turmendspiel mit Mehrbauer, das letztlich remis endete.

Ding Liren grübelt auch, aber seine Partie gegen Giri wurde relativ geräuschlos remis – Giri hatte ja den (in diesem Turnier für ihn) Weißnachteil.

Giri schaute nochmals auf seine “andere” Stellung – wobei Carlsen das Mätzchen, in jeder Runde gegen Giri zu spielen, offenbar abgelegt hat. Nach dieser Partie gab er gar kein Interview. Dafür keine Kritik von seinem Adjutanten Tarjei Svensen, dafür Kritik an Fedoseev, der in seinem Interview zu auskunftsfreudig war. Einsilbige oder gar keine Antworten à la Carlsen sind für Carlsen-Fans offenbar das Mass aller Dinge, ich sehe das anders.

Zu den spektakulär-entschiedenen Partien der Runde offenbar keine Fotos. Bei Kramnik-Anand 0-1 randalierte Weiß früh (14.g4, 15.Kf1, 16.h4), stand schlecht und entwischte – da Anand unnötig die Damen tauschte – in ein dynamisch-ausgeglichenes Endspiel. Mit Läuferpaar gegen Vishys geliebtes Springerpaar hatte er genug Kompensation für einen Minusbauern. Dann unternahm er allerdings erneute und nun erfolgreiche Verlustversuche.

Radjabov-Vidit 1-0 unter ähnlichen und doch anderen Vorzeichen. Hier war g4 korrekt oder jedenfalls spielbar – nicht weil es bereits im dreizehnten Zug geschah, sondern weil es eine andere Stellung war. Mit den Komplikationen, die beide danach im Pressebereich lange analysierten, kam Radjabov besser zurecht und erzielte einen Sturmsieg.

Die Partie zwischen dem Spieler mit langem (oft abgekürztem) Nachnamen und dem mit kurzem Nach-, dafür kompliziertem Vornamen zeige ich, da Nepo auch noch Sicht auf Platz eins hat. Er stand durchgehend besser, aber Russisch ist eben oft Remis. Nach 65 Zügen war es soweit.

Jorden van Foreest war schon in dieser Runde nahe an seinem ersten Remis, früh in der Partie war eventuell sogar mehr drin: er konnte das weisse Dreireihenschach anscheinend mit 15.-f4!!? bestrafen. Später entstand ein ausgeglichenes Endspiel, in dem Jorden dann einen Bauern verdaddelte und nun war es nicht mehr ausgeglichen – statt dem ersten Remis oder vielleicht gar dem dritten Sieg die fünfte Niederlage für ihn. Und der erste Sieg für Shankland, der zuvor auch bessere Stellungen sicher in den Remishafen steuerte (und einmal gegen Ding Liren mit Weiß chancenlos war).

An diesem Tag war “Ladies Day” in Wijk aan Zee, deshalb posiert Turnierdirektor Jeroen van den Berg mit Dinara Saduakassova. Außerdem durften Anna Rudolf und Sopiko Guramishvili gemeinsam kommentieren (ich blieb beim chess24-Herrenduo Svidler-Gustafsson), gab Marleen van Amerongen, Präsidentin des niederländischen Schachverbands, ein Interview, usw. .

Erwin l’Ami wollte seinen Beitrag zum Ladies Day leisten, aber die Kasachin konnte ein Endspiel mit Mehrfigur nicht gewinnen. Mit reduziertem Material war es nicht trivial, die letzte Chance verpasste sie im 58. und letzten Zug der Partie. Erwin hat ohnehin mitunter Probleme mit schachspielenden Damen – meines Wissens nicht mit der, die er geheiratet hat aber am Brett in Wijk aan Zee: auch 2015 gegen Anne Haast und 2017 gegen Harika stand er jeweils ziemlich verdächtig, auch da wurde es am Ende remis.

Bareev-Kovalev wurde geräuschlos, schnell und korrekt remis, dagegen war auch Maghsoodloo mit einem Schwarzremis gegen Lucas van Foreest gut bedient. So erzielte Weiß statt möglichen 6.5/7 nur 5.5/7, also Weißsiege in den noch nicht erwähnten Partien. Dummerweise aus deutscher Sicht hatten Keymer (gegen Gledura) und Paehtz (gegen Chigaev) Schwarz. Kuipers verliert sowieso meistens, heute konnte Praggnanandhaa profitieren – schon nach 23 Zügen war Schluss: 23.c3 fragte den schwarzen Sb4 “where do you go to my lovely?” und der hatte darauf keine Antwort.

Überraschend und turnierrelevant war Esipenko-Korobov 1-0. In der etwas aus der Mode gekommenen Anti-Moskau Variante knallte es im 12. Zug: 12.Sxf7!? – knapp elf Jahre zuvor spielte so erstmals Topalov gegen Kramnik an gleicher Stelle (bzw. an einem anderen Tisch auf derselben Bühne), sporadisch tauchte es wieder auf. 16.a4 war quasi die Berliner Subvariante (nicht mit dem von Kramnik bevorzugten Berliner verwechseln), bekannt nur aus Grischuk-Ding Liren, Kandidatenturnier 2018. Korobovs Reaktion war suboptimal, dadurch schwanden seine Chancen auf den Turniersieg während der junge Russe ebendiese nun hatte.

Runde 8 war in der A-Gruppe ein weisser Tag. Die Challengers wussten dagegen nicht so recht, was besser ist – Weiß oder Schwarz – aber das kommt später. Am turnierrelevantesten Carlsen-Rapport 1-0 und Anand-Mamedyarov 1-0. Carlsen hatte gegen den jungen Ungarn leichtes Spiel, so sah er es selbst im anschliessenden Interview: “keine Meisterleistung, es war zu einfach”. “Masterpiece” stammt u.a. von seinem Fan Jon Ludvig Hammer, Tarjei Svensen tweetete schon zuvor gleich mehrfach, zum Schluss so: “What. A. Game. If I hadn’t known who is playing white here, I would’ve accused him of playing with computer assistance. Carlsen has a completely winning position while being material down.” [Was für eine Partie. Wenn ich nicht wüsste wer spielt würde ich ihm Computerhilfe während der Partie vorwerfen. Carlsen steht total gewonnen trotz materiellem Nachteil.”

Materieller Nachteil war ein Bauer, kann wirklich nur Carlsen ein siegreiches Bauernopfer selbst finden? Und womöglich war es doch mit Computerhilfe – natürlich nicht während sondern vor der Partie. Sie folgten zunächst einer WM-Blitzpartie Firouzja-Svidler, in der Weiß 18.e5 verpasste (aber Computer sehen es), später griff Schwarz nochmals daneben und Weiß gewann. Wenn man weiß, dass es in dieser Struktur gehen könnte, erwägt und berechnet man es auch dann, wenn man sonst kaum mal was opfert. Über WM-Vorbereitung wurde auch spekuliert, das könnte dann heissen, dass Firouzja auch Teil von Team Carlsen war?! Er sagte mal, dass ihm mehrere neue junge Spieler helfen, bisher wurde nur Dubov erwähnt-enttarnt. Was machte Rapport falsch? Vielleicht ist 10.-Tb8 zurecht selten, und 23.-exf4 war wohl naiv-kooperativ.

Mamedyarov war nach seiner dummen Niederlage gegen Carlsen so fair, auch gegen Anand zu verlieren. Diesmal übersah er im 19. Zug ein taktisches Motiv, Anand konnte danach gleich zweimal Txd5 (Scheinopfer) spielen – im 21. und 28. Zug. Das zweite Opfer musste Shak annehmen und einen Zug danach aufgeben.

Duda-Kramnik 1-0: Wieder überspannte Kramnik den Bogen, wieder konnte er zunächst wieder (zumindest fast) ausgleichen und verlor dann doch. Fedoseev-Shankland 1-0 war ebenfalls ein Massaker.

Bleiben die Remispartien: die Spitzenpaarung Ding Liren-Nepomniachtchi schnell (17 Züge) nach kurzem Schlagabtausch. Giri hatte zwar den Schwarzvorteil, aber er und Sekundant Vidit trennten sich erwartungsgemäss friedlich. Bleibt noch Van Foreest-Radjabov, die für ihre 17 Züge etwas länger brauchten als Ding und Nepo. In einem Italiener neuerte Weiß mit 14.Tb1 (Vorgängerpartien neben van Foreest (Lucas) – Jenni u.a. Carlsen-Kramnik, Anand-So, Aronian-Mamedyarov, Karjakin-Mamedyarov, Karjakin-Anand), Schwarz reagierte a tempo und Weiß grübelte. Für die nächsten drei Züge (17.b6 mit Remisangebot) brauchte er zusammen 40 Minuten.

Bei den Challengers jede Menge “action”, im Ko-Duell Korobov-Kovalev allerdings etwas ‘fake’: in flottem Tempo opferten beide munter drauflos, am Ende Dauerschach. Beide hatten offenbar ihre Hausaufgaben gemacht, neu war das alles nämlich nicht. Maghsoodloo war auch mit dem Weißremis gegen Gledura gut bedient, ansonsten gewannen beide Farben mal. Am turnierrelevantesten: Kuipers stand gegen Chigaev früh schlechter und verlor mit Weiß. Praggnanandhaa stand mit Schwarz gegen Esipenko in einem Sizilianer lange jedenfalls nicht schlechter, und dann ging es doch rapide bergab.

Aus deutscher Sicht relevant: Keymer besiegte Saduakassova im zweiten Anlauf, zwischendurch war sein Vorteil wieder komplett dahin. Elisabeth Paehtz hatte wie Keymer Weiß, ansonsten war es unter umgekehrten Vorzeichen. Sie stand plötzlich schlecht, Gegner Lucas van Foreest nutzte seine erste Chance nicht und nun traf Paehtz die richtige Wahl mit falscher Fortsetzung: für die investierte/abhanden gekommene Figur musste sie sich einen starken Freibauern sichern, dann sagen Engines 0.00 aber stattdessen gab sie ein nicht vorhandenes Dauerschach. Heraus kam aus ihrer Sicht Dame und zwei Bauern gegen Dame, Läufer und Bauer. Auf die Frage nach einem schwarzen Gewinnweg sagten Svidler/Gustafsson “es gibt keinen”, aber Paehtz fand später den Verlustweg. Nun bräuchte sie für eine GM-Norm aus den verbleibenden Runden 4.5/5.

Zwischendurch zur Auflockerung zwei Fotos aus dem Amateurbereich:

Zum Restprogramm: Bei den Masters in den verbleibenden Runden diverse Spitzenduelle, und zwar Runde 9 Kramnik-Ding Liren, Runde 10 Carlsen-Anand, Runde 12 Ding Liren-Anand und zum Schluss (Trommelwirbel) Giri-Carlsen, da muss Giri endlich mal nur eine Partie spielen. Einmal habe ich mich vertan, Kramnik kann nur noch indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Da derlei Duelle zuvor immer remis endeten (Ausnahme Giri-Nepo 0-1) zählt vielleicht auch das komplette Restprogramm. Nepomniachtchi hat ein relativ oder nominell leichtes und noch dreimal Weiß. Das hat sonst nur Giri, aber der gewinnt ja nur mit Schwarz, oder ändert sich das schon am Dienstag (Montag Ruhetag) mit Weiß gegen Jorden van Foreest?

Bei den Challengers hat Chigaev momentan die Nase vorn, aber er hat schon gegen die beiden Damen und den Herrn vom Tabellenende gespielt (3/3 aus diesen Partien). In womöglich kritischen Partien (Runde 9 gegen Esipenko, Runde 11 gegen Korobov) hat er Weiß. Kovalev gewann schon gegen Saduakassova und trifft erst zum Schluss auf Paehtz und Kuipers. Zuvor hat er Weiß gegen Maghsoodloo, der sein Turnier vielleicht noch etwas reparieren will. Esipenko bereut vielleicht am Ende seine Remisen gegen Paehtz und Kuipers, er hat ein relativ schweres Restprogramm. Wen “das Publikum” nächstes Jahr bei den Masters sehen will ist ja egal, die Entscheidung fällt am Brett – bei Punktgleichheit zum Schluss wohl wieder nach Wertung ohne Stichkampf, dann hätte Chigaev, wenn er eingeholt wird, wohl schlechte Karten.

 

 

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