Es ist schon wieder langes Wochenende, jedenfalls in Bayern, daher wieder ein Bericht zum mitunter absurden Schnellschach-Spektakel “in Saint Louis” – wobei der Austragungsort nur Teilnehmerfeld und Zeitpunkt der Runden (normal für Amerikaner, abends bis nachts für Europäer) beeinflusst hat. Am spätesten wurde es für die beiden Osteuropäer, dafür bekommen Aronian und Grischuk mildernde Umstände.

Drei Matches waren an mindestens einem der beiden Tage relativ einseitig, nur zwischen den bereits erwähnten Spielern war es bis zum Ende spannend – und nicht nur künstlich erzeugte “Clutch Chess” Spannung. Die Ergebnisse stehen ja wieder auf dem Titelbild, und nun ist für vier von acht Spielern bereits Schluss – wofür sie mit mindestens 15.000$ für zwei Tage Schach zu Hause recht gut entlohnt wurden.

Bei zwei Matches hatte ich den ersten Tag bereits, eines verlief am zweiten Tag ähnlich:

Carlsen-Xiong 11.5-6.5 (insgesamt): Auch am zweiten Tag wurde Carlsen einmal überspielt, und Xiong patzte dreimal – nur die Chronologie innerhalb der Tage war anders. Bei perfektem Timing hätte Xiong mit zwei Siegen und sechs Niederlagen das Match ja sogar gewinnen können: Niederlagen zu Beginn der jeweiligen Tage, und Siege in den beiden letzten Partien. Die zählen dreifach, und Clutch Chess kann nicht nur Gleichstand erzeugen sondern ist danach auch Tiebreaker. So kam es aber nicht.

Xiong gewann am zweiten Tag gleich die erste Partie, und die zweite endete remis. Damit war Carlsen fünfmal nacheinander sieglos und hatte zwei dieser Partien verloren, aber im weiteren Verlauf machte Xiong wieder das was man gegen Carlsen eben macht: patzen. An Tag eins war es im 33., 66. und 16. Zug und ich wagte keine Prognose, wann es an Tag zwei der Fall sein würde. 44 würde passen, aber sie hatten in einem Najdorf-Sizilianer die mitunter vorkommende Zugwiederholung 6.Le3 Sg4 7.Lc1 Sf6 vergessen, daher war es im 42. Zug. Spass beiseite, man patzt eben wenn sich die Gelegenheit ergibt – aus einem remislichen Turmendspiel machte Xiong ein elementar verlorenes Bauernendspiel. Damit war alles, was zuvor geschah, irrelevant: Carlsen hatte für ein sizilianisches Qualitätsopfer auf c3 ausreichende Kompensation, dann eigentlich nicht mehr, dann wieder und dann gab Xiong die Qualität zurück.

Die nächste Partie war kürzer und für den Amerikaner schmerzhaft – selber schuld, 14.-e5?????? (nach 2 1/2 Minuten!) war der vielleicht absurdeste Bock aller Zeiten von einem Großmeister. Darauf ein Ave Carlsen Halleluja! Auch hier war quasi irrelevant, was zuvor geschah – eine Fantasie-Eröffnung des Norwegers. Schon war es clutchtime. Die erste Partie zeigte mal wieder, dass Sveshnikov-Hauptvarianten heutzutage eben remis sind – Carlsen folgte bis zum 23. Zug einer eigenen Partie gegen den russischen Jungstar Alexey Sarana. In der letzten Partie musste Xiong mit Schwarz gewinnen, 1.e4 c5 2.Sf3 e6 hatte zwei Tage zuvor prima funktioniert – aber nun sagte Carlsen 3.c3 Dynamik nein danke. Man könnte sogar sagen, dass er seinen Gegner diesmal tatsächlich überspielte – das lag dann aber daran, dass Xiong unbedingt gewinnen musste.

So – Vachier-Lagrave 13-5 (insgesamt) – vom Ergebnis her deutlich wurde es am Ende wieder. Ich rechnete mit sechs Remisen am zweiten Tag, das stimmte zunächst fast – nur einmal konnte MVL seinen so soliden Gegner im Turmendspiel überlisten. Angesichts zweier Niederlagen am ersten Tag hatte der Franzose noch Nachholbedarf. In der ersten Clutchpartie stand er auch vielversprechend, wobei wohl nur Engines die Konsequenzen von 19.g3! mit fast +2 richtig beurteilen konnten. Wenig später entglitt ihm die Partie dann komplett, So gewann und das Match war entschieden. MVL konnte seinen Gegner nur noch richtig ärgern: So spielt am liebsten Remis – aber die letzte Partie musste er in 15 Zügen gewinnen, da der Franzose extrem provokativ-riskant-schlecht spielte.

Caruana-Dominguez 10.5-7.5 – knapper als zuvor beim rein amerikanischen Clutch Chess Turnier, aber insgesamt zeigte sich, dass der Ex-Kubaner auf höchstem Niveau doch nicht mithalten kann. Dabei begann es prima für ihn, mit (1.e4) 1.-c6 erlitt der Italo-Amerikaner ebenso Schiffbruch wie MVL mit (1.d4 d5 2.c4) 2.-c6. Caro-Kann ist nicht Caruanas übliches Repertoire, er wollte seinen WM-Sekundanten wohl überraschen. In der zweiten Partie überzeugten Caruanas Gewinnversuche mit Turm und Läufer gegen Turm nicht: einen Zug nachdem er den letzten gegnerischen Bauern schlug stellte er seinen Läufer ein!

Weiterhin Vorteil Dominguez, aber das änderte sich nun: Einen Tag vor Jeffery Xiong sagte Dominguez “das kann ich auch” und machte aus einem Remisendspiel (hier Türme und Läufer) ein verlorenes Bauernendspiel. Zutiefst von diesem Lapsus beeindruckt verlor er dann auch die beiden nächsten Partien – da die zweite (insgesamt fünfte) doppelt zählte hatte er nun 3 Punkte Rückstand.

Bei dieser Differenz blieb es am zweiten Tag, ein schwarzer für beide Spieler – zunächst vier Schwarzsiege in Serie. Generell hat dabei Schwarz nicht einmal besonders gut gespielt, aber Weiß hat eben schlecht gespielt. In den Clutchpartien war damit noch alles möglich – eine Möglichkeit auch zwei recht geräuschlose Remisen, so kam es.

Aronian-Grischuk 10-8 war das turbulenteste Match. Zwei Faktoren waren quasi matchentscheidend: Grischuk nutzte diverse Chancen nicht, und das russische Wort für Zeitnot ist “Grischuk” (das wussten wir ja schon zuvor). Auf alle Partien kann ich da nicht eingehen, nur ein paar: In den Clutchpartien des ersten Tages zeigten sie gemeinsam, wie man Turmendspiele nicht behandeln sollte – wie eingangs erwähnt: für beide war es da bereits nach Mitternacht. Einmal vergab Aronian den möglichen Sieg, danach gewann er auf erheblichen Umwegen. Zuvor hatten beide je eine der normalen Partien gewonnen, demnach zwei Clutchpunkte Vorsprung für Aronian.

Dasselbe zunächst am zweiten Tag, wieder gewann zuerst Grischuk und dann Aronian. Clutchtime und zunächst gewann Grischuk, unter anderem (aber nur unter anderem) weil Aronian 14.-e5?? entkorkte. Gab es das in diesem Turnier bereits? Ja, Carlsen-Xiong tags zuvor. Der Unterschied zwischen einem mehrfachen Weltmeister und einem Spieler, der (wie sein Gegner) nie ein Kandidatenturnier gewann: Carlsen hatte den gegnerischen Fehler 14.-e5???? 15.Sxd5 bereits mit (1.d4 Sf6) 2.Sc3!!! vorbereitet, Grischuk kann nicht so weit voraus rechnen. 14.-De8 war die richtige Antwort auf 14.Tg1 mit Gruß an die schwarze Dg6. Bei Carlsen sah es danach einfach aus, weil es einfach war. Bei Grischuk-Aronian blieb es kompliziert: Weiß verpasste die stärkste Fortsetzung, Schwarz auch. Im späteren Endspiel war Aronian mit Minusqualität scheinbar nahe am Remis, aber Grischuk fand nun ein taktisches Motiv und gewann am Ende doch.

Aronian musste nun mit Weiß gewinnen, was machte er? 1.e4 c5 (schon das Geschmackssache, wenn Schwarz ein Remis reicht) 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4!? Sc6 5.De3!? – objektiv nicht so vielversprechend, aber schon überlegte Grischuk und bereitete seine spätere Zeitnot vor. Objektiv stand Schwarz später eher besser als schlechter, aber er übersah einen gegnerischen taktischen Schlag – Spiel, Satz und Matchsieg für Aronian.

Die Halbfinalpaarungen lauten nun Carlsen-Aronian und Caruana-So – deja vu für Caruana, der schon beim rein amerikanischen Clutch Chess erst gegen Dominguez und dann gegen So spielte. Ich weiß nicht, ob und wieviel er Fernsehen guckt, im Schach gefällt ihm Wiederholung nicht – schon wieder ein Match über 12 Partien und voraussichtlich wieder dieselben Eröffnungen gegen denselben Gegner. Im Finale des ersten Turniers hatte übrigens mit Wesley So der schlechtere Spieler gewonnen: 5-3 für Caruana aber So gewann drei der vier Clutch Games – Endstand 9-9 Vorteil So. Für ein eventuelles Finale wünscht sich Caruana nun wohl Aronian – auch gegen Carlsen hat er ja schon ein Match über zwölf Partien gespielt (damals gab es dann nach Gleichstand Verlängerung).

Heute (Mittwoch) durften sich die Spieler ausruhen, vom 11.-14.6. wird wieder gespielt und voraussichtlich gepatzt.

 

Print Friendly, PDF & Email