An einem trüben Sonntag in München habe ich Zeit für einen Bericht gleich zu Beginn des neuesten Internet-Spektakels – täglich werde ich es im weiteren Turnierverlauf sicher nicht schaffen. Vor Bemerkungen zum Format erst eine kurze Zusammenfassung des ersten Tages, der Zwischenstand von zwei Matches steht ja bereits im Titelbild:

Carlsen liegt gegen Xiong knapp vorne, da er neben Schwächen auch seine bekannten Stärken zeigte – die Kunst des groben gegnerischen Fehlers, und zwar in allen Partiephasen. So liegt gegen Vachier-Lagrave klar vorne, obwohl oder weil der begnadete Remisspieler schwächelte: er konnte nur zwei Gewinnstellungen Remis halten. Ursachenforschung zu Vachier-Lagrave: siehe unten.

Zum Turnier: 265.000$ ist laut Eigenwerbung “der größte Preisfonds, der jemals für ein Online-Schachereignis angeboten wurde”. Es ist etwas mehr als die 250.000$, die Carlsen bei seinem ersten Turnier an sich selbst und andere verteilte. Beim aktuell laufenden Turnier stammt das Geld wohl aus der Privatschatulle von Rex $inquefield, beim Magnus Carlsen Invitational war es dem Vernehmen nach crowd funding – Beiträge von chess24 Mitgliedern (die dazu nicht befragt wurden). Beim von Kramnik organisierten “Play for Russia” Benefizturnier wurde allerdings noch etwas mehr Geld verteilt – in Rubel ausgedrückt knapp 25 Millionen, und das waren gut 300.000$. Das Geld landete jedoch nicht auf den Konten der Teilnehmer, sondern da wo es dringender gebraucht wird – aber in den USA gibt es laut Donald Trump keinen Handlungsbedarf zu COVID-19, passt schon.

Dass Clutch Chess ohne Chinesen stattfindet, gefällt Donald Trump vielleicht auch, es hat aber wohl auch logistische Gründe: Man kann den Amerikanern nicht zumuten, morgens zu spielen – Chinesen (oder auch Inder oder Russen östlich von Moskau) müssten demnach bis weit nach Mitternacht am Computer sitzen und könnten sich dafür wohl nicht begeistern. Das Paarungsschema haben sie prima hinbekommen: sehr wahrscheinlich, dass ein Amerikaner das Finale erreichen wird – So, Dominguez und Caruana müssen in der unteren Hälfte nur den derzeit formschwachen Vachier-Lagrave loswerden. Vielleicht schafft es sogar ein gebürtiger US-Amerikaner – das wäre Caruana, dessen viele Jahre in Europa mit Förderung aus Italien von amerikanischen Quellen nicht mehr erwähnt werden.

Dieses Paarungsschema entstand aber eher zufällig, Absicht kann man den Organisatoren nicht unterstellen. Zum einen lag es an klitzekleinen Elounterschieden zwischen Dominguez, Grischuk, Aronian und Caruana – ein oder zwei andere Schnellschach-Ergebnisse in der jüngsten Vergangenheit und andere Paarungen wären entstanden. Zum anderen lag es daran, dass Nakamura seine Einladung ablehnte. Dadurch darf Jeffery Xiong mitspielen – immerhin ein Spieler, der das verteilte Geld tatsächlich braucht. Was Xiong gegen Carlsen anstellte (und umgekehrt), da muss der Leser sich immer noch etwas gedulden – erst erkläre ich “clutch”:

Auf Deutsch übersetzt heißt das “Kupplung” oder auch “enge Umklammerung”, nicht verwechseln mit crutch (Krücke). Sie haben eine Carlsen-Idee modifiziert: eventuell kann der insgesamt klar schlechtere Spieler doch ein Match gewinnen. Die letzten beiden Partien des ersten Tages zählen doppelt, die letzten beiden am zweiten Tag gar dreifach – extra $$$ gibt es auch. Auf Fussball übertragen: Nach 80 Minuten führt eine Mannschaft 2-0 und kassiert dann noch ein Gegentor, schon haben sie 2-3 verloren. Selbst 3-0 reicht nicht, da “clutch games” erst Gleichstand erzeugen und dann als Tiebreaker dienen – nach 3-3 nicht etwa Elfmeterschiessen (im Schach Armageddon), sondern ein Team (und zwar das bessere) scheidet aus. Oder beim Marathonlauf: Kurz vor dem Ziel liegt ein Läufer im Prinzip uneinholbar vorne, und dann: Kampfrichter greifen ein – “warte auf deinen Konkurrenten und dann Entscheidung im Zielsprint”. Das ist das Tolle an unserem Schachsport: man kann Ideen ausprobieren, über die man in anderen Sportarten nur den Kopf schütteln würde! Nun aber zum Geschehen an den Monitoren:

Carlsen-Xiong 4.5-3.5 – den Zahlen nach knapp, dabei dominierte eigentlich der Norweger. Bei der ersten Partie dachte ich “hoppla”: es war Caro-Kann Panov auf Umwegen, ausgehend von 1.c4 c5. 5.-d5 wurde in genau dieser Stellung etwa 50-mal gespielt, und schon haben wir wieder über 3000 Datenbank-Partien. Hier war es ein bekanntes und korrektes Bauernopfer, und Xiong legte noch einen drauf: 9.-b5!? bietet noch einen Bauern an. So spielt einer meiner Vereinskollegen, nach mehreren Blitzpartien weiß ich inzwischen, dass man diesen Bauern eher nicht nehmen sollte. Es gibt auch 10 hochkarätigere Datenbank-Partien, darunter aus deutscher Sicht von Liviu-Dieter Nisipeanu (der aber 2013 noch kein Deutscher war) und Rasmus Svane. Das war jeweils gegen klar schwächere Gegner, nun waren die Vorzeichen umgekehrt.

Carlsen hat wohl nicht bei Lichess-Vereinsturnieren von Tarrasch München gekibitzt, denn zwei Züge später nahm er den b-Bauern – Konsequenz Figurenverlust. Beide spielten suboptimal weiter, z.B. 17.-Tb8?! (17.-Ta6, und Weiß bekommt keine Schummelchancen mit seinem a-Freibauern der in der Partie a7 erreichte). Carlsen verweigerte gar eine dreifache Zugwiederholung – “der wird schon noch einen Fehler machen”, und so kam es letztendlich. Darauf ein erstes Ave Carlsen Halleluja!

Und das zweite folgt sogleich, denn in der nächsten Partie fand Xiong einen studienartigen Verlustweg im Remisendspiel. Fehlt noch ein Fehler früh in der Partie: in der dritten Partie schwächte 16.-g6? diverse Felder am Königsflügel, und schon war ein Carlsen-typischer Königsangriff siegbringend – nichts riskieren, eben ein paar Figuren vor dem gegnerischen Monarchen hinstellen. 16.-Lf8, und es wäre nur eine harmlose weisse Demonstration gewesen.

In den “clutch games” wurde Carlsen dann an seine WM-Matches gegen Anand erinnert. Erst entkorkte Xiong den Kan-Sizilianer, wieder auf leichten Umwegen (1.Sf3 c5 2.e4 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 a6!?). Das kannte Carlsen aus seinem zweiten Match gegen Anand. Damals profitierte er vom Austragungsort Sotschi – nachdem er, seine PR-Truppe und der damalige Möchtegern FIDE-Präsident Kasparov (Teil von Carlsens PR-Truppe?) wild dagegen protestiert hatten: Nepomniachtchi und Potkin waren für ein Blitzturnier vor Ort und gaben Carlsen Eröffungstipps. Im Prinzip hatte Carlsen die Partie danach selbst vergeigt, aber sein Patzer hatte keine Folgen – das zeichnet Weltmeister aus! Nun lief es nicht nach Wunsch, da der schwarze Igel seine Stacheln zeigte und Carlsen darauf falsch reagierte. Eventuell hatte Carlsen im Endspiel noch Remischancen, das müsste man näher untersuchen – mangels Erfahrungen zeigt der Norweger oft Schwächen beim Verteidigen schlechterer Stellungen.

Schon hatte Xiong nur noch einen Punkt Rückstand – am zweiten Tag wäre das gar Ausgleich im Match mit besserem Tiebreak. In der letzten Partie des Tages bekam Carlsen seine eigene Medizin verpasst: nach 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 c6 4.e4 dxe4 5.Sxe4 Lb4+ nicht das wilde 6.Ld2, sondern 6.Sc3. So spielte er im ersten WM-Match gegen Anand mit Weiß, Vishy machte später das was er und andere gegen Carlsen gerne machen: ein Remisendspiel vergeigen. Da Carlsen sich gegen Xiong im weiteren Verlauf etwas dumm anstellte landete er in einer schlechten Stellung, aber dann spielte Xiong wie sein Landsmann Wesley So: in besserer Stellung den Weg zu Ausgleich suchen und finden. Das wurde also Remis.

In weiteren WM-Matches war Carlsen dann ja mit klassischer Bedenkzeit nicht besser als seine Gegner Karjakin und Caruana, deshalb will er nun klassische Bedenkzeit in WM-Matches abschaffen. Das schafft er vielleicht “nach Corona” und “dank Corona”.

So – Vachier-Lagrave 5.5-2.5 etwas pauschaler aus Sicht der beiden beteiligten Spieler: Wie bereits erwähnt konnte So nur zwei von vier Gewinnstellungen Remis halten. Das erste Mal scheiterte er in der vierten Partie: vom Gegner angezettelte Komplikationen waren plötzlich klar vorteilhaft für ihn. Verlieren wollte er auch nicht, also musste er gewinnen – zu Unrecht hoffte er noch auf den Remisfaktor ungleichfarbige Läufer. Dann hatte er in der ersten Clutch-Partie eine Qualität mehr, da gab es keinen Remisweg. In der zweiten Clutch-Partie stand er wieder aus Versehen klar besser: selbst tat er wenig bis nichts, der Gegner schwächte seine Stellung freiwillig. So erlaubte dann den Übergang ins Turmendspiel, Turmendspiele sind bekanntlich immer remis. Es gibt, wie bei ungleichfarbigen Läufern, Ausnahmen zur Regel, diese Stellung war keine.

Aus Sicht von Vachier-Lagrave: Sein neues Eröffnungshobby Slawisch passt offenbar gar nicht zu seinem Stil, aber er versucht es weiterhin. Vielleicht hat er ja einen Masterplan: Grünfeld-Ideen aufheben für das was langfristig wirklich zählt – Fortsetzung des Kandidatenturniers “irgendwann”. Mit Weiß ist es schwer, gegen einen Remisspieler etwas zu erreichen – mitunter überspannt man dann auch den Bogen.

Amerikaner loben im Livekommentar gerne Amerikaner. Jennifer Shahade meinte, dass sich Wesley Sos Siege prima zu Lehr- und Trainingszwecken eignen. Da ist durchaus was dran: oft ist sonnenklar, warum So gewonnen hat – weil der Gegner unbedingt verlieren wollte.

Wie geht es weiter? Carlsen-Xiong kann aus zwei Gründen spannend werden oder bleiben: Wann wird Xiong als nächstes patzen? Am ersten Tag griff er im 33., 66. und 16. Zug daneben – wie diese Zahlenreihe weitergeht, da bin ich überfragt. Man hat auch den Eindruck, dass Carlsen in einem potentiell einseitigen Match Spannung erzeugen will. So war es beim Banter Blitz Finale gegen Firouzja – noch wissen wir nicht, ob sich die Internet-Schachgeschichte anno 2020 (komplett) wiederholen wird.

Bei So-MVL rechne ich nun mit sechs Remisen und einem danach strahlenden Matchsieger Wesley So. Diese Strategie kann allerdings scheitern: wenn MVL eines der beiden clutch games gewinnt, herrscht Gleichstand bei besserem Tiebreak für den Franzosen.

Zuvor beginnen heute die beiden anderen Matches – nachmittags Dominguez-Caruana, abends Grischuk-Aronian, dabei jeweils ab 20:00 mitteleuropäischer Sommerzeit.

 

Print Friendly, PDF & Email