Juli 21, 2024

Vitaly Kunin deutscher Meister im Chess960

Teilnehmerzahl auf 158 Spieler verdoppelt / 42 Titelträger werten Jubiläums-Turnier von Frakfurt-West auf

 Von Hartmut Metz

Chess960 befindet sich im Vormarsch, was seine Beliebtheit anlangt.  Das zeigte sich auch bei dem Jubiläumsverein, der den Schach-Ableger als Erster wesentlich gepuscht hat: Der SC Frankfurt-West feierte sein 100-jähriges Gründungsdatum und kehrte zu seinen Chess960-Wurzeln zurück. 1924 wurde der älteste Vorläufer des Clubs ins Leben gerufen, 1989 fusionierten dann der SK Unterliederbach und der SC Sindlingen zur „innovativen Schachmacht im Frankfurter Westen“, wie Vereinsmotor Hans-Walter Schmitt sein Baby nennt. Unter den lauten Boxen-Klängen der allgegenwärtigen Vereinshymne „Go West“ der Pet Shop Boys erbebte wieder die Stadthalle in Frankfurt-Zeilsheim. Dort begann der Siegeslauf von Schnellschach-Events und vor allem auch später der von Chess960. Die Frankfurt Chess Classic (FCC) hatten auch rasch auf Fischer Random Chess (FRC) gesetzt. Schmitt gefiel die Idee seines Schach-Helden Bobby Fischer, die Grundstellung unter 960 Start-Möglichkeiten auszulosen, um der ausufernden Eröffnungstheorie-Flut Herr zu werden. Nach der Premiere am 9. Juni 1996 im Gasthaus „Zur Sonne“ in Schollbrunn wurde Chess960, wie der Organisator es später eingängiger nannte, fester Bestandteil des alljährlichen Turnier-Höhepunkts in Deutschland. 17 Jahre später endete 2010 in der Mainzer Rheingoldhalle die Ära als Chess Classic Mainz.

371 Teilnehmer dank hoher Jugend-Beteiligung

Jetzt kehrte der 100 Jahre alte Verein zu den Wurzeln seines Erfolgs zurück. Zusammen mit den Chess Tigers luden die Westler zur 9. Offenen Deutschen Schnellschach-Meisterschaft im Chess960 ein. Die Teilnehmerzahl explodierte dabei förmlich: Gegenüber 2023 in Bad Soden, als 78 Spieler an die Bretter gingen, verdoppelte sich die Teilnehmerzahl auf jetzt 158! Das sind immer noch beachtliche 60 mehr als beim bisherigen Rekord vor Corona, 2019 in Wiesbaden. Zudem gingen bei den Kindern (U10), in der Jugend (U14) und bei den Junioren (U18) weitere 213 Teilnehmern an den Start. Somit erhöhte sich die Gesamtzahl auf stolze 371. Vor allem aber: Neben den zahlreichen Amateuren ging nicht nur Masse am Start, sondern auch Klasse: 42 Titelträger nahmen die Herausforderungen im Chess960 an, darunter zwölf Großmeister und zwölf Internationale Meister.

Anna Zatonskih gewinnt Damenpreis

Turnierfavorit Daniel Fridman (2591 Elo) begann mit vier Siegen furios, ehe ihn nur ein Remis und zwei Niederlagen bis auf Platz 31 zurückwarfen – damit landete er sogar in der innerfamiliären Wertung nur auf Rang zwei hinter seiner Gattin, Anna Zatonskih. Die US-Nationalspielerin gewann mit 5/7 knapp den Damenpreis vor Inna Agrest. Fridmans Lauf hatte vor allem Michael Prusikin in Runde sechs gestoppt. Der Großmeister kam so auf sechs Punkte. Ein Remis gegen den starken Heusenstammer FM Igor Zuyev verhinderte seinen Sieg nach Wertung.

Kunin gibt nur ein Remis ab

Den Platz an der Sonne sicherte sich so Vitaly Kunin. Der Mörlenbacher zeigte eine überzeugende Leistung. Der an Position vier gesetzte Großmeister remisierte nur im fünften Durchgang mit Fridman. Mit Erfolgen über die GM-Kollegen Gleb Dudin (Deggendorf) und den Niederländer Erik van den Doel, die beide so bei 5,5/7 landeten, verteidigte Kunin die Spitze und kürte sich mit 6,5 Punkten zum Chess960-Champion.

Legende Jussupow auf Platz zwei

Sein schärfster Verfolger Artur Jussupow hatte durch Friedensschlüsse mit Dudin und Zuyev in den runden fünf und sechs Gold verpasst. Dank der besten Wertung blieb die Trainer-Legende mit sechs Zählern knapp vor Prusikin und  Kevin Haack. Der junge Hofheimer FM musste in der dritten Runde dem einstigen WM-Kandidaten gratulieren. Ansonsten gewann der viertplatzierte Haack alle anderen Partien. Trotz seiner starken Performance mit 2495 Elo zeigt das Ergebnis die einzige Schwäche des Turniers: Spitzenpaarungen blieben nahezu in den sieben Runden aus. Die Top drei mussten nicht gegeneinander antreten. Neun Runden hätten dieses Dilemma beseitigt.

DSB-Präsidentin Ingrid Lauterbach sichert sich Bronze

In der Damenwertung sicherte sich die Präsidentin des Deutschen Schachbundes (DSB), Ingrid Lauterbach, Bronze. Die langjährige englische Nationalspielerin verbuchte vier Zähler.

Teamwertung erneut eine klare Sache für die Chess Tigers

Die Teamwertung ging einmal mehr souverän an die von Jussupow und Prusikin angeführten Chess Tigers. 22 Punkte brachten die beiden zusammen mit FM Bennet Hagner  und Großmeister Klaus Bischoff, die auf jeweils fünf Zähler kamen, in die Scheuer. Deutlich dahinter reihte sich der SV 1920 Hofheim ein. Die 19 Punkte trugen Haack, FM Patrick Burkart (5), Lloyd Shang Burkart und FM Reinhard Zunker (beide 4) bei. Das reichte hauchdünn für Silber vor der SG Leipzig. Deren 18,5 Zähler holten FM Henrik Hofmann (5), IM Alex Dac-Vuang Nguyen, Leonard Richter und Laurin Haufe (alle 4,5).

Peter Steinbrenner in der U10 überragend

Das Kids Open (U10) sicherte sich der Kaiserslauterner Peter Steinbrenner mit 6,5/7. Er weist im zarten Alter bereits eine Elo von 1979 auf. In der U14 gab der Hofheimer Lloyd Shang Burkart nur ein Remis ab. In der U18 gab die bessere Buchholz-Wertung zugunsten von FM Bennet Hagner (Chess Tigers) den Ausschlag. Der Wiesbadener Christian Glöckler kam ebenso auf sechs Zähler – verlor aber das direkte Duell in der Vorschlussrunde. So konnte sich Hagner gegen den drittplatzierten Hofheimer Mitfavoriten Kevin Haack (5,5) ins Ziel remisieren. Haack hielt sich dafür bei den ganz „Großen“ mit Platz vier schadlos.

Die Ergebnisse finden sich unter:

https://chess-results.com/tnr919756.aspx?lan=0

Die Resultate beim Jugendturnier stehen unter:

https://chess-results.com/tnr919538.aspx?lan=0

 

https://www.flickr.com/photos/199836980@N03/albums/72177720318471091/

YC24:

https://www.flickr.com/photos/199836980@N03/albums/72177720318471816/

C960:

https://www.flickr.com/photos/199836980@N03/albums/72177720318471986/