April 16, 2024

Ein Turnier der Superlative für 150 Millionen Fans

Der Technikraum in einem modernen Musikstudio: Von hier werden die Nutzer in aller Welt erreicht. © Thomas Machatzke

Von: Thomas Machatzke – Es ist ein Schach-Event der Superlative. Ein Turnier, so gut besetzt wie lange keines mehr in Deutschland. Weltmeister Ding Liren ist da, Magnus Carlsen auch. Und Vincent Keymer, die große deutsche Hoffnung. Rund 150 Millionen Fans erreicht die Veranstaltung online – ein Spitzenwert. Turnierdirektor in Weissenhaus, einem Luxusresort an der Ostsee, ist Sebastian Siebrecht. Der Essener Großmeister, Mitglied und Trainer des MS Halver-Schalksmühle und Vater der Lüdenscheider Schachtage, hat alles im Griff. Thomas Machatzke hat Siebrecht einen Tag lang begleitet.

Weissenhaus – Am Dienstag, dem ersten Halbfinaltag der Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge, strahlt die Sonne. Dass ist im Februar keine Selbstverständlichkeit. Wenn die Sonne scheint, beginnt aber auch dieser ganz besondere Ort ganz besonders zu strahlen. Ein verfallenes Dorf rund um ein altes Schloss ist Weissenhaus gewesen, bis es der Hamburger Unternehmer Jan Henric Buettner gekauft und daraus ein Luxusresort gemacht hat, das bei allem Luxus den Charme des dörflichen Norddeutschlands behalten hat. 2022 haben sich hier die Außenminister der G7 mit Annalena Baerbock als Gastgeberin getroffen. Und nun, in diesem Februar, sind besten Schachspieler der Welt zu Gast in der Hohwachter Bucht. Nicht alle, aber so viele wie selten an einem Ort.

Schulterblick: MSHS-Trainer und Turnierchef Sebastian Siebrecht (hinten) und Magnus Carlsen, in den Köpfen vieler Schachfreunde noch immer die Nummer 1 in der Welt. © Thomas Machatzke

Buettner ist selbst Schachliebhaber. Er hat Magnus Carlsen für seine Idee gewonnen und ins Boot geholt. Carlsen, der Weltmeister, der es irgendwann leid war, seinen Titel zu verteidigen und ungeschlagen abtrat. Nun ist der Chinese Ding Liren Weltmeister, doch die Schachwelt versteht den Weltmeister seitdem als Nummer zwei der Welt. Die Nummer eins in den Köpfen bleibt Magnus Carlsen. Oder, wenn man so will, und so steht es nun auch im Turniernamen, der Norweger ist eben schlicht der „G.O.A.T.“ – the „Greatest of all times“…

Carlsens Idee ist es gewesen, Freestyle-Chess mit diesem Feld zu spielen, also Fischer- oder 960-Schach – eine Spielart, bei der die Figuren auf der Grundreihe ausgelost werden vor jeder Partie. Kein Eröffnungswissen hilft weiter, 960 Möglichkeiten für einen Partieaufbau gibt es. Und Buettners Idee ist es gewesen, Schach ganz anders zu präsentieren. Mit mehr Glamour, in perfektem Ambiente. Der Hamburger Herrenausstatter Frank Rudolf hat für jeden Teilnehmer eigens ein Turniersakko gestellt: Acht Spieler, acht Farben. Gespielt wird in der Reetscheune, in der früher einmal das Jungvieh zu Hause war. Heute hat die Scheune Fußbodenheizung und ein Glasdach, eine spektakuläre Rundbalkenkonstruktion. In der zweiten Etage sitzen der Ungar Peter Leko, Niclas Huschenbeth und Tania Sachdev aus Indien, die die Züge aus dem Erdgeschoss live übers Internet in alle Welt kommentieren. In einem Musikstudio sitzen sie, das eigentlich die besten Musiker der Welt anlocken soll. Buettner hat es frisch eingerichtet, es fehlt an nichts.

Wir haben uns erstmal gemeinsam angeguckt, wie Schachturniere in der Öffentlichkeit präsentiert werden. Ich fand das ganz traurig. Zuletzt bin ich öfters in der Formel 1 zu Gast gewesen. 95 Prozent der Berichterstattung betreffen nicht das Rennen selbst, sondern das Drumherum. Im Schach ist da viel mehr drin. Ich möchte Schach aus der Turnhalle rausbringen und ein angemessenes Umfeld für die Topspieler der Welt schaffen. Ich sorge für die Inszenierung, und die Spieler für das Schach.

Jan Henric Buettner im Interview bei „Schachgeflüster“

Auf der Bühne im Erdgeschoss steht ein Automat mit 960 Kugeln. Eine Viertelstunde vor dem Partiestart wird hier die Startstellung ausgelost. Der Vorhang dahinter ist rot, die erste Kugel des Tages darf die Miss Angola ziehen, mit Königskrone. Schach als Showevent in Reinkultur. Buettners Gattin Holly stellt am zweiten Halbfinaltag den Siegerpokal vor und spricht von Entertainment und „Schach in einer neuen Dimension“. Das trifft es. Zumindest von der Außendarstellung. Dazu gehört auch die „Confession Booth“. „Der Beichtstuhl“, sagt der Essener Großmeister Sebastian Siebrecht und lacht. Es ist eine kleine Zelle, in der ein Rechner steht mit einer Webcam. Die Spieler kommen während der Partien in diese Box und geben eine Einschätzung zur Partie aus ihrer Sicht. Diese Kommentare gehen live in alle Welt, auch das ist neu bei diesem Turnierformat.
400 Quadratmeter Wohnfläche für Magnus Carlsen

Sebastian Siebrecht hat am Gesamtkonzept dieses Formats sehr intensiv mitgearbeitet. Der Großmeister aus Essen ist Turnierdirektor in Weissenhaus, hat im Oktober gemeinsam mit Jan Henric Buettner alles im Detail geplant. Für Magnus Carlsen hat das Duo die Signature-Villa reserviert. Der Norweger ist mit seiner Familie da und mit seinem Trainer Peter Heine Nielsen. Die Villa ist eines der neueren Gebäude im Resort, hat 400 Quadratmeter Wohnfläche. Daneben steht die alte Stellmacherei, in der das deutsche Toptalent Vincent Keymer und sein Trainer, der Ungar Peter Leko, Quartier bezogen haben.

Trauriger Weltmeister: Für Ding Liren läuft es in Weissenhaus nicht. © Thomas Machatzke

Und damit ist man schon mitten im Feld. Weltmeister Ding Liren ist dabei, aber auch der Weltranglistenzweite und ehemalige Vizeweltmeister Fabiano Caruana (USA) und der Weltranglistensechste Alireza Firouzja. Dazu kommen drei der besten vier U23-Spieler der Welt: der in der Turnierwoche extrem stark auftrumpfende Usbeke Nodirbek Abdusattorov, der Inder Gukesh Dommaraju und natürlich das deutsche Toptalent Vincent Keymer. Komplettiert wird dieses Feld von Levon Aronian. Der Armenier, der lange in Berlin lebte, spielt inzwischen für die USA und gilt starker Freestyle-Spieler. Diesem Ruf macht er in Weissenhaus alle Ehre.

Am zweiten Halbfinaltag steht Aronian kurz davor, als nominell schwächster Spieler des Feldes ins große Finale einzuziehen. Das erste Halbfinale gegen Caruana hat er gewonnen. Er braucht noch ein Remis, dann wäre die Überraschung perfekt. Magnus Carlsen hat das andere erste Halbfinale gewonnen gegen Abdusattorov. Für den Usbeken ist es die erste Niederlage im Turnier gewesen. Carlsen derweil ist erst richtig in Schwung gekommen. Im Viertelfinale gegen Firouzja hat der Norweger einen Rückstand im Stile eines G.O.A.T. gedreht. Drei eindrucksvolle Siegpartien an einem Tag gegen den Wahlfranzosen mit iranischen Wurzeln. Carlsen, der Beeindruckende. Auch gegen Abdusattorov setzt er sich an diesem Nachmittag durch, sichert nach dem Sieg am Vortag mit einem Remis den Finaleinzug ab.

Spannung vorm Armageddonmatch: Levon Aronian (links), Schiedsrichter Gregor Johann und Fabiano Caruana (rechts). © Thomas Machatzke

Und Weltmeister Ding Liren? – Der lacht dieser Tage nur auf seinem Foto, das in der Reetscheune neben seinem kleinen Rückzugsbereich während der Runden hängt. Der Karo-König ist Ding Liren da, die älteren Spieler gehen beim Turnier als die Könige durch, die jüngeren als die Buben, die Herausforderer. Und Vincent Keymer ist natürlich der Herzbube, der Liebling der Deutschen in diesem königlichen Spiel. Alles optisch perfekt umgesetzt.

Zurück zum Weltmeister: Sportlich läuft es für Ding Liren überhaupt nicht. Fast wirkt er mit seinem Auftritt fremd in diesem Feld, Letzter nach dem Schnellschachturnier, bei dem die Viertelfinal-Konstellation ausgespielt worden ist. Dann keine Chance gegen Abdusattorov. Weissenhaus, wo er in der Turnierwoche Quartier in der Orangerie bezogen hat, ist sein Freestyle-Waterloo. Auch in der Runde um die Plätze fünf bis acht verliert er gegen Firouzja 0,5:1,5. Verkehrte Schachwelt.

Spielort: Die Reetscheune in Weissenhaus. © Thomas Machatzke

Sebastian Siebrecht hat in der Turnierwoche auch den traurigen Weltmeister wieder aufbauen müssen. Daneben muss er zahlreiche Interviewanfragen aus aller Welt bedienen. Chessbase India hat einen eigenen Berichterstatter geschickt, weil Gukesh dabei ist. Die Medien vor Ort sind international, vor allem aber wird die Challenge live in alle Welt gesendet. Siebrecht berichtet, dass in der ersten Wochenhälfte über die verschiedenen Kanäle und Seite im Internet 150 Millionen Menschen erreicht worden sein sollen.

Für deutsche Schachfans bereitet Georgios Souleidis das Geschehen täglich mit zwei aktuellen Videos auf. Souleidis, der aus Wetter stammt und im südwestfälischen Verband groß geworden ist, lebt inzwischen als Youtuber in Hamburg. Als „Big Greek“ hat er auf seinem Kanal 145.000 Follower. Einen erfolgreicheren Schach-Youtuber gibt es in Deutschland nicht. Natürlich darf Souleidis, der mit Siebrecht schon zusammen in der Jugend erfolgreich Schach gespielt hat, in Weissenhaus nicht fehlen. Nur an diesem Mittag ist Souleidis etwas geschafft, hat sich am Vormittag beim Training fürs Chessboxing mit den Größen dieser Spielart verausgabt.

Männer in Turniersakkos bei der Analyse der Startstellung: Vincent Keymer (links) und Nodirbek Abdusattorov (in grün). © Thomas Machatzke

Neben der Reetscheune steht in Weissenhaus das Gebäude, in dem die besonderen Gäste und auch die Medienvertreter die Liveübertragung verfolgen dürfen. Während Magnus Carlsen hier nach seinem Weiterkommen im Interview Rede und Antwort steht, flimmert über den Bildschirm, wie erst Aronian gegen Caruana seine Führung verspielt, dann auch Keymer gegen Gukesh. Für die Zuschauer ist das schön, denn es gibt in diesen Matches einen Tiebreak, eine Entscheidung in zwei Schnellschachpartien, eine Zugabe so wie es Zugaben gibt bei einem guten Konzert.

Ein neuer Ort auf der Schachweltkarte

Und diese Zugabe hat es diesmal in sich. Keymer muss sich zwar im Schnellschach Gukesh 0,5:1,5 beugen, doch auf dem Weg ins große Finale gegen Carlsen schenken sich Caruana und Aronian nichts. Es ist das US-Duell des Tages – Caruana, der mit den italienischen Wurzeln. Aronian, der mit den armenischen Wurzeln. Schnellschach 1:1, Blitzschach 1:1. Vor jeder Partie wird die Startaufstellung neu ausgelost und, und nun auch noch dies: „Armageddon“ – Aronian bekommt eine Minute mehr und die weißen Figuren und den Auftrag zu gewinnen, doch er findet keinen Gewinnweg, auch die Zeit hilft ihm nicht. Am Ende gewinnt der Weltranglistenzweite und zieht ins Endspiel ein. Die Uhr zeigt inzwischen bald 20 Uhr, die Show hat fast sieben Stunden gedauert, die Sonne ist längst untergegangen. Doch Caruana strahlt nun auch ohne sie, und mit ihm der sichtlich ergriffene Schachmäzen Buettner. Der Turniermittwoch ist einer, der bleiben wird in der Erinnerung. Auch bei Sebastian Siebrecht. Wie die ganze Turnierwoche. Schach in einer neuen Dimension eben. Irgendwo im holsteinischen Nirgendwo. Weissenhaus. Ein neuer Ort auf der Schachweltkarte.

Quelle: https://www.come-on.de/