November 25, 2020

A Grandmaster has to win Wijk aan Zee before he dies

Thomas Wessendorf berichtet vom Turnier in Wijk aan Zee
Ein Bericht von Dr. Thomas Wessendorf

„Normal people have to see Naples before they die, but a Chess Grandmaster has to win Wijk an Zee first.“ (Bent Larsen) So prangt es in überdimensional großen Lettern an der Seitenwand des Moriaan. Auf die normalen Amateure übertragen heißt das wohl, dass man zumindest einmal in Wijk teilgenommen haben muss?! Nun, bis dato war ich noch nicht einmal in Wijk gewesen, weder als Spieler noch als Zuschauer. Deswegen nahm ich die 82.(!) Auflage des Traditionsturniers zum Anlass, in das beschauliche Örtchen an Hollands Nordseeküste zu fahren.

Zunächst zu meinem Schach:

Folgende witzige Begebenheit ergab sich in meiner Partie in der 7. Runde gegen den zu diesem Zeitpunkt in unserer Gruppe noch mit 100% Führenden:

Weiß zieht zweimal mit verschiedenen Damen (!) in der Partie Dxf2, wobei er beide Male einen schwarzen Turm schlägt:

Wessendorf,Thomas – Beukema,Jasper
Wijk an Zee Amateure IB (7), 24.01.202

51.Dxf2 Txf2 52.d8D Le3 53.Dh4+ [ 53.Kh1 Wäre einfacher gewesen. Tf1+ 54.Kg2 Tf2+ 55.Kh1 Sf3 56.De7+ Kg8 57. De8+= ] 53…Kg8

54.Dxf2 [ 54.Kh1 Tf1+-+ ] 54…Lxf2+ 55.Kxf2 Sxg4+ und remis nach 72 Zügen.

Mein prägendstes Erlebnis aber war ein vermaledeiter 41. Zug: In der 6. Runde hatte ich mit Schwarz den Gegner positionell überspielt, in der etwas hektischeren Zeitnotphase einen Bauern eingesackt und lehnte mich, nachdem der 40 Zug geschafft war, zurück und betrachtete zufrieden meine Stellung:

Woudsma,Martijn – Wessendorf,Thomas [A47]
Wijk an Zee Amateure IB (6), 22.01.2020

Stellung nach dem 41. Zug von Weiß 41. Sg4:

Lt. Fritz -2,2. Seine Bauern sind auf 5 Inseln verteilt („stähen wie Käggel“ würde Hort sagen), Schwarz hat bereits einen mehr, der weisse König steht auf der Diagonale bedroht. Der Springer auf f5 dominiert schon seit mehreren Zügen die weisse Stellung. Weiß hat mit seinem letzten Zug zwar die Drohung Sxh6+ aufgestellt, aber die wollte ich mit der Dame locker parieren und gleichzeitig den Damentausch mit dem Vorrücken des d-Bauern vorbereiten.

41…Dc6?? Der verflixte 41. Zug! [ 41…Db6 42.Dxd5 Td8 43.De4 Td4-+ ] 42.Se3!!

Alles aus. Die Bewertung springt von + 2,2 (aus meiner Sicht) auf -2,1. Der Springer muss das Matt auf g7 decken. Schwarz schleppte dies noch bis zum 58.Zug. Nach so einem Zug ist Aufgeben doppelt schwer. Die Partie hat mir einen psychologischen Knacks versetzt. Die Dame zwei cm weiter nach rechts auf b6 wäre gewonnen gewesen.

Nun, tröstend ist, das auch den Super-GM’s so etwas passiert: Man sehe sich nur die Partie Caruana gegen Anand an, in der der spätere Sieger eigentlich hätte verlieren sollen.

Und die Großmeister?

Das Besondere an Wijk ist, das die Amateure (fast) direkt neben den Profis spielen, was dem Event einen besonderen Flair verleiht: Von meinem Brett konnte ich immer auf die Bretter der Masters schauen, zumindest auf dem Bildschirm: Da ich allerdings fast immer bis zum Schluss spielte (Durchschnittliche Zügeanzahl 51,7!), musste ich die Partien erst später im Netz verfolgen.

Das Resultat von Caruana ist mit plus 7 natürlich phänomenal! Glück wie gegen Anand gehört dazu. Wie er gegen die nominell „schwächeren“ Spieler (immerhin ja auch alle 2600er) die Stellung knetet und auf Gewinn spielt, ist imponierend.

Ein Wort zum Weltmeister: Ich finde es bewundernswert, welche Leistung Carlsen unter Druck vollbringt. In den ersten Runden sprachen alle von seiner Serie und der Möglichkeit, Tivjakovs Rekord von 110 ungeschlagenen Spielen zu brechen. Es muss ihn doch sehr belastet haben. Nach dem Remis in der 4. Runde gegen van Forrest (mit Glück!) hatte er es endlich geschafft. Magnus pflegt kurz vor dem Gong, der die Runde einläutet, zu erscheinen, woraufhin sich sämtliche Fotoreporter auf sein Brett stürzen.

Irgendwo dahinter ist Carlsen.

Seine Remis waren meistens ausgekämpft: Der Blick auf den Monitor in der letzten Runde mit Schwarz gegen So zeigt, dass die Kontrahenten die Stellung bis ins Turmendspiel gebracht haben. Man beachte die Zeiten nach dem Bonus von 50 Minuten!

Das Ambiente

Nach langer Zeit war dies für mich mal wieder ein Rundenturnier, so dass man sich richtig auf seinen Gegner vorbereiten kann: Na ja, viel hat es mir nicht genützt. Übrigens werden die Notationen nicht eingesammelt, d.h. die Züge werden nicht erfasst. Bei der Vorbereitung ist man daher auf die Datenbanken angewiesen.

Mit meinem Abschneiden bin ich nicht richtig zufrieden, wenn ich auch mein ELO-Niveau in etwa gehalten habe und zumindest den beiden ersten in unserer Gruppe ein Remis abtrotzen konnte. Natürlich habe ich wie immer die Anstrengung unterschätzt, die 9 Runden in 10 Tagen bedeuten. Nach über 40 Jahren Schacherfahrung sollte man eigentlich seine Kräfte besser einteilen können.

Was kann man sonst in Wijk an Zee machen: Nun ja, im Januar natürlich nicht viel, aber ein paar Strandspaziergänge habe ich mir schon gegönnt. Die ganz Harten machen auch im Januar Kitesurfing!

Einen Tag ist parallel zu den Grossmeistern auch für die Amateure ein Ruhetag, den ich zu einem Ausflug nach Amsterdam genutzt habe: Vielleicht hätte ich für die letzten Runden auf das Angebot links oben in diesem Schaufenster zurückgreifen sollen? Aber das hätte dem Dopingbeauftragten des DSB wohl doch schlecht zu Gesicht gestanden. (Anmerkung des Redakteurs: Der Deutsche Schachbund hat natürlich keinen Dopingbeauftragten sondern einen Beauftragten für Dopingbekämpfung!)

Mit freundlicher Genehmigung:

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