Duell der Hoffnungsträger

Louis Paulsen

Im Jahre 1857 gewann der US-Amerikaner Paul Morphy das Einladungsturnier in New York nicht nur überlegen, sondern auch stilistisch überzeugend. Dabei verlor er in diesem Turnier nur eine einzige Partie, diese gegen seinen deutschen Hauptrivalen Louis Paulsen, welcher am Ende den zweiten Platz belegte. Historiker stufen diese Partie hinsichtlich der Details, der Partieanlage, Taktik und Endphase, als durchaus modern ein. Diese Partie, so das übereinstimmende Urteil, zeige Ideen, die der damaligen Zeit weit voraus waren.

Insgesamt soll diese Partie, bei unbegrenzter Bedenkzeit, mehr als 11 Stunden gedauert haben, nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbares Szenario. Einheitliche Bedenkzeit-Regelungen waren zur damaligen nicht bekannt und wurden von Turnier zu Turnier unterschiedlich gehandhabt. So waren zum Beispiel in einem Turnier 10 Züge in einer halben Stunde bis zur Zeitkontrolle gefordert, während es beim nächsten Turnier hingegen 30 Züge in 2 Stunden zu bewältigen galt.

Gleiches galt für die Folgen der Zeitüberschreitung. In manchen Turnieren führte dies zum sofortigen Verlust, gelegentlich gab es Turniere, wo die Überschreitung mit einer Geldstrafe geahndet wurde, die von dem Einem oder Anderem aber nicht immer beglichen wurde. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es Usus, dass eine Partie als verloren gewertet wurde, wenn man die Zeit überschritt. Fortan spielte es keine Rolle mehr, wie gut oder schlecht man stand.

Ich wünsche viel Spaß beim Studium der Partie.

Tipp von Ralf Mulde:

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1 Antwort

  1. Ralf Mulde sagt:

    Sehr schön, Uwe! Einmal mehr eine präzise kommentierte Partie. Über den nicht unvermögenden Morphy, wohl der beste Schachspieler aller Zeiten, ist Vieles bekannt. Über Louis Paulsen und seinen Bruder Wilfried eigentlich auch, nur wird deren wahre Leistung heute kaum noch gewürdigt – immerhin die Rettung eines Teils von Europa vor dem Hungertod.

    Die Brüder waren Kartoffelzüchter und zwar nicht als Ackerbauern (wogegen nichts zu sagen wäre!), sondern eher als Forscher, um dieses Lebensmittel, das Ernährungsgrundlage quasi für ganz Europa geworden war – halbwegs sicher anbauen und ernten zu können. Diese heut so genannte Monostruktur hatte mit der (irischen) Kartoffelfäule furchtbare Folgen, die Millionen (!) Menschen verhungern ließ.

    1857 jedenfalls hatten die Meister hatten noch Muße, die eine oder andere Show-Einlage zu veranstalten, so hier in einer Begegnung, die von beiden (!) blind bestritten wurde:

    [Event “Double blindfold game”]
    [Site “New York”]
    [Date “1857.10.20”]
    [Result “1-0”]
    [White “Morphy, Paul”]
    [Black “Paulsen, Louis”]
    [ECO “C40”]
    [PlyCount “107”]

    1.e4 e5 2.Nf3 d5 3.exd5 e4 4.Qe2 f5 5.d3 Bb4+ 6.c3 Be7 7.dxe4
    fxe4 8.Qxe4 Nf6 9.Bb5+ Bd7 10.Qe2 Nxd5 11.Bc4 c6 12.Bg5 Bg4
    13.Nbd2 Nd7 14.O-O N7b6 15.Rfe1 Bxf3 16.Nxf3 Nxc4 17.Qxc4 Qc7
    18.Bxe7 Nxe7 19.Rxe7+ Qxe7 20.Re1 Qxe1+ 21.Nxe1 O-O-O 22.Qg4+
    Rd7 23.Nd3 h5 24.Qe6 Rh6 25.Qe4 Rhd6 26.Ne1 Rd1 27.g3 Kd8
    28.Qe5 Re7 29.Qb8+ Kd7 30.Qxb7+ Kd6 31.Qb8+ Kd7 32.Qxa7+ Kd6
    33.Qb8+ Kd7 34.Kg2 Rdxe1 35.a4 Ra1 36.Qb7+ Kd6 37.Qb4+ Kd7
    38.a5 g6 39.a6 g5 40.Qb7+ Kd6 41.Qb8+ Ke6 42.b4 g4 43.c4 Kf7
    44.Qb7 Kf8 45.h3 Ree1 46.hxg4 hxg4 47.Qc8+ Ke7 48.Qxg4 Rg1+
    49.Kf3 Rxa6 50.Qg7+ Ke6 51.Qc7 Rga1 52.Kg4 R1a4 53.Kg5 Ra2
    54.f4 1-0

    Paulsens Eröffnungs-Wahl mit dem “Elefanten-Gambit” wäre auch unter heutigen Amateuren aussichtsreich, wie der barbadische (also aus Barbados) Arzt FM Dr. Philip Corbin immer wieder beweist – obwohl es auf Barbados doch gar keine Elefanten gibt … http://www.chessgames.com/player/philip_corbin.html

    Über Morphy / Paulsen gibt es sogar ein Video:
    https://www.youtube.com/watch?v=j76E2WFQSro

    (Ralf Mulde)

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