Aus der russischen Schachszene: Predke, Sarana, Tomilova, Shafigullina und andere in Yaroslavl, Oparin in Saint Louis

Yaroslavl, 250km mordöstlich von Moskau, war Austragungsort der Russian Higher League – Turniere nach Schweizer System, die jeweils fünf Besten qualifizierten sich für das Superfinale der Herren und Damen. Einer, der zuvor mehrfach erfolgreich war, spielte diesmal stattdessen in Saint Louis – das kommt später.

Zunächst der Endstand der beiden Turniere, nur fünf Namen bzw. bei den Damen sieben, da zwei nach Buchholz-Wertung “Pech” hatten – es war allerdings recht deutlich. Herren: Predke und Sarana 6.5/9, Dreev, Motylev und Alekseenko 6, usw. . Sie waren an 12, 10, 4, 5 und 6 gesetzt – einige elobessere Spieler und jedenfalls ein wohl bekannterer Name gingen also leer aus. Damen: Tomilova 7.5/9, Shafigullina 7, Charochkina und Potapova 6.5, Shuvalova, Galliamova, Bykova 6 – die letzten beiden nicht fett gedruckt, da eben nicht qualifiziert. Hier gewannen die Nummern 19, 29, 11, 24 und 3 der Setzliste – Hauptziel ist ja Qualifikation für das Superfinale, also gibt es fünf Siegerinnen und fünf Sieger. Warum es für die an eins gesetzte Galliamova und die an zwei gesetzte Bodnaruk nicht reichte, siehe unten – aber nun erst zu den Herren.

Da der russische Schachverband kein passendes Foto von Alexandr Predke hat, gebe ich das Titelbild Alexey Sarana. Um ein Haar hätte er das Halbfinale zum zweiten Mal nacheinander gewonnen. Das Haar war die dritte Wertung Anzahl Siege (Buchholz und Reserve-Buchholz identisch!), dabei profitierte Predke von seiner Niederlage im direkten Duell gegen Sarana. Alex war in Yaroslavl ja sehr erfolgreich – dahinter Aleksey Dreev, Alexander Motylev und der etwas aus der Reihe tanzende Kirill Alekseenko.

Bevor ich mich den Siegern zuwende, erst ein Favoriten-Unfall aus der allerersten Runde:

Iljiushenok-Fedoseev 1-0 nach 22 Zügen. Dass das Najdorf-Sizilianisch war kann man vielleicht noch ahnen – jedenfalls hängen hier beiderseits diverse Figuren, wobei der freche weisse Ld5 doppelt indirekt gedeckt ist. Vladimir Fedoseev muss ich wohl nicht vorstellen – der Elofavorit berappelte sich später im Turnier, aber dann kam Alex Predke. Ilia Iljiushenok, diesen Namen hatte ich schon einmal gehört: bei der EM 2015 hatte er sich für den Weltcup qualifiziert und schied da in Runde eins gegen Landsmann Jakovenko erst nach langem Stichkampf aus. Nach dem an eins gesetzten Fedoseev besiegte er später auch den an zwei gesetzten Najer und verlor bei durchweg nominell überlegenen Gegnern nur eine Partie.

Noch ein Mitfavorit verunfallte in Runde eins, aber konnte das letztendlich reparieren – wieder greife ich den Ereignissen voraus: etwas Glück hatte er dabei in der allerletzten Runde.

GM Alekseenko – IM Triapishko nach 35.-e3+, was tun? 36.Kf3 war offenbar noch OK, 36.Ke1? Sb4! usw. nicht, kurz danach 0-1.

Das nächste (und zu diesem Turnier letzte) Diagramm bekommt Alexandr Predke:

Predke-Timofeev 24.Sh7 1-0 – Springer am Rand (und fast in der Ecke) brachte Kummer und Schand für den Gegner. Vorangegangen war ein klassisches Läuferopfer auf h7 mit etwas untypischer Fortsetzung. Schon damit, und schon nach Runde 3 übernahm Predke die alleinige Führung im Turnier, nur er behielt 100%. Die Remisquote war für Schweizer System recht hoch – es lag wohl am ziemlich dichten Feld und vielleicht auch daran, dass manchmal taktiert wurde.

In der nächsten Runde spielte Predke 23 Züge, und dann war das Remis gegen Chigaev unterschriftsreif – auch wenn man erst nach dem 40. Zug Remis anbieten durfte. Eben Dauerschach kurz nach dem Ende bekannter schottischer Theorie. Da seine engsten Verfolger Paravyan, Iljiushenok und Esipenko ebenfalls remisierten, blieb Predke alleine vorne. Daraus wurde gar ein voller Punkt Vorsprung nach Sieg gegen Paravyan, diesmal im Endspiel. Paravyan gilt in russischen Schachkreisen offenbar als sehr talentiert, aber wirklich durchgebrochen ist er noch nicht.

Tags darauf ein Schwarzremis in 14 Zügen gegen Sjugirov – so schnell kann man nur selten ein Dauerschach aufs Brett zaubern, aber eine andere Zugwiederholung (Dauerangriff auf die schwarze Dame) geht auch. Tendenziell hat für mich eher Weiß eine “Bringschuld”, womöglich auch wegen Turniersituation war Predke einverstanden.

Damit hatte er nur noch einen halben Punkt Vorsprung und tags darauf den Weißnachteil gegen Sarana – der gewann nämlich mit Schwarz (bis auf die letzte Runde) immer und spielte mit Weiß immer remis. Die Entscheidung im Endspiel, in dem Sarana langsam Oberwasser bekam, Predke hatte das “Restpotential” in der Stellung vielleicht unterschätzt. Tags zuvor hatte Sarana Khismatullin im Endspiel besiegt, eher im Stil von Magnus Carlsen – der Gegner patzte plötzlich in ausgeglichener Stellung.

Tags darauf war bei Sarana-Alekseenko eher wenig los – aber mangels Zugwiederholung oder Dauerschach konnten sie erst pünktlich nach 40 Zügen Remis vereinbaren. So konnte Predke wieder aufschließen – Schwarzsieg im Damenendspiel gegen Fedoseev, dessen Turnier damit definitiv hinüber war.

Stand vor der letzten Runde: Predke und Sarana 6/8, Dreev, Alekseenko, Motylev 5.5, usw. . Predke und Sarana trafen auf Dreev und Motylev, die vielleicht nicht unbedingt Turniersieger werden wollten – Qualifikation absichern reicht. Jeweils wurden 40 Züge gespielt, das Remis zeichnete sich schon lange zuvor ab. Predke und Motylev wiederholten sicherheitshalber viermal, damit war auch der 40. Zug erreicht. Alekseenko war sich vielleicht nicht sicher, ob seine aufgrund des Fehlstarts (nach Niederlage in Runde eins noch zwei Remisen) relativ schlechte Wertung reichen würde. Er überzog ein ausgeglichenes Endspiel gegen Sjugirov und hatte danach Stellungsglück bzw. gegnerische Hilfe, dass es trotz Minusfigur remis wurde.

Dahinter wurde durchaus gekämpft, aber alle drei Partien zwischen Spielern mit zuvor 5/8 wurden Remis. So spielte Buchholz bei der Qualifikation für das Superfinale keine Rolle.

Wie schafften es die Spieler auf Platz drei bis fünf? Dreev gewann zu Beginn und dann erst wieder in Runde sieben und acht – Lysyj und Khismatullin waren durchaus respektable Gegner/Opfer. Motylev erzielte seine drei Siege in Runde 4, 5 und 8. Alekseenko holte in Runde 4-7 auf, vier Siege in Serie.

Noch kurz zum Schicksal einiger bekannter Namen: Najer erwischte ein ganz schlechtes Turnier, zwei Siege zum Schluß änderten das auch nicht mehr. Zuvor hatte er nur ein galaktisches Ergebnis/Erlebnis – aber sein Gegner Artem Galaktionov in Runde 4 ist nur FM. Es folgten zunächst zwei Niederlagen gegen titellose Spieler. Khismatullin verlor viermal – zweimal gegen GMs (Sarana und Dreev) sowie gegen einen IM und einen titellosen Spieler, wobei Tagir Salemgareev (Elo 2412) insgesamt eine GM-Norm erzielte.

Vor dem noch überraschenderen Ergebnis bei den Damen erst eine Bildergalerie, auch mit den besten zwei von fünf Siegerinnen:

Tendenziell bekannte Namen, auch der Knirps Volodar Murzin (*2006) hat bereits einen, auch er erzielte wohl eine GM-Norm.

Die Damen sind dagegen international wohl relativ unbekannt, auch wenn Elena Tomilova (*1986) sich schon letztes Jahr für das Superfinale qualifiziert hatte, Zarina Shafigullina (*2001) war damals vielleicht noch zu jung. Sie spielten gegeneinander remis und gewannen sonst fast immer, schon eine Runde vor Schluss war nicht nur die Qualifikation, sondern auch Platz eins oder zwei in trockenen Tüchern. Tomilova remisierte dann mit Weiß in zehn (10) Zügen gegen Galliamova, die dadurch dann den undankbaren sechsten Platz belegte. Potapova hatte eine noch schlechtere Wertung, brauchte einen Schwarzsieg gegen Shafigullina und bekam ihn. Charochkina hatte eine relativ gute Wertung und gewann trotzdem, sicher ist sicher. Der letzte Qualiplatz wurde im Duell zweier Favoritinnen vergeben; bei Bodnaruk-Shuvalova reichte Schwarz (wahrscheinlich und so war es dann auch) ein Remis, Weiß musste auf jeden Fall gewinnen und es wurde remis.

Und nun noch nach Saint Louis, aus gegebenem russischem Anlass erst die B-Gruppe des Summer Chess Classic, Endstand: Oparin 6.5/10, Kovalenko und Gabuzyan 5, Sevian, Fridman, Ganguly 4.5. Was ist das denn für eine Tabelle? Ein einsamer Sieger und ein kuscheliges Beieinander auf Platz zwei bis sechs. Warum gewann Grigoriy Oparin? Weil kein Alex mitspielte, weil er drei Partien gewann (aber das schafften Kovalenko und Gabuzyan auch) und weil er als einziger ungeschlagen blieb.

Wegbereiter war zunächst Daniel Fridman, nach 40 Zügen stand es bei Oparin-Fridman in Runde drei so:

Hier hätten sie auch in Yaroslavl Remis vereinbaren können, da Turmendspiele ja immer remis sind. Aber da Weiß einen Mehrbauern hatte, ging es weiter – nächstes Diagramm nach 64.-h5:

Und ein paar Züge mit Zeichensetzung: 65.Kd6?! Tb1 66.Ta8+ Kh7 67.e6? (67.Td8!) 67.-Tb6+ 68.Ke7 Txe6+ 69.Kxf7 Te4?? (69.-Tb6 oder 69.-Tc6 war Remis, das sagen allwissende Lomonosov-Tablebases also stimmt es), später 1-0.

Oparin äusserte sich auf Anfrage zu seinem Turnier, ich kopiere das mal (aus dem Englischen übersetzt) hinein:

“Hi Thomas, Danke! [für die Gratulationen]. Ja, es ist etwas ungewöhnlich, aber derlei passiert manchmal in Rundenturnieren. Wohl das beste Beispiel ist Linares 2001, Sieger Kasparov mit 7.5/10 und 3 Punkten Vorsprung auf das restliche Feld. Nun, es ist offensichtlich eines meiner besten Turnier, wobei ich es niedriger einordne als die mit more sporting value (wie Russian Higher League oder Europameisterschaft). Natürlich hätte ich gerne in der Russian Higher League gespielt, aber da ich demnächst in den USA studiere dachte ich, es ist gut, da ein Turnier zu spielen. [Die erste Twitter-Gratulation kam vom Schachteam der Universitõt Missouri ‘to our future graduate student’].
Wir haben das Turmendspiel ziemlich schlecht behandelt. Ja, 67.Td8 gewann, aber es war mir nicht klar. Der wichtigste Punkt ist, dass Schwarz nach 67.-Tb5 68.Ke7 Txe5+ 69.Kxf7 keine Zeit hat, seinen Turm richtig zu plazieren. Aber während der Partie dachte ich, dass 67.e6 gut genug sein sollte. Ich dachte, dass die Bauern auf h4 und h5 sehr wichtig sind, da Weiß irgendwann Tg5+ hat. Aber das ändert nichts am Stellungsurteil – Schwarz hält trotzdem remis. Übrigens konnte ich viel schneller gewinnen. Ich hatte 65.Ta8+ Kh7 66.e6 fxe6+ 67.Kd6 und aus.”

Danach gewann Oparin mit Schwarz gegen Kovalenko – wobei er zunächst schlecht und einen halben Zug lang offenbar verloren stand. Sein Angriffskonzept war objektiv inkorrekt aber funktionierte wunderbar, das will ich nun nicht näher untersuchen. Der dritte Sieg gegen Sam Sevian war relativ glatt.

Daniel Friedlichman spielte oft remis, Niederlagen setzte es gegen Oparin (siehe oben) und Sevian – da hatte er wohl eigene Möglichkeiten über- bzw. gegnerische unterschätzt, wollte mehr als Remis und bekam weniger. Ein Erfolgserlebnis hatte er in einer chaotischen Partie gegen Gabuzyan. Schon vor dem Diagramm war einiges passiert: Mit Schwarz stand Fridman früh blendend – 14.-Lxg2 war ebenso frech oder mutig wie korrekt. Aber dann übersah oder unterschätzte er einen gegnerischen Trick, und plötzlich stand Weiß besser – bis zum Diagramm:

Nun kam 28.Sb5? (droht zwar vielleicht mal Sd6+, aber) 28.-Tc2 musste aus weisser Sicht nicht sein. Und nun 29.Td2? Txb2! 30.Txb2 Dc1+ 31.Dd1 Dxb2 – nochmals kippte die Partie nicht, später 0-1. Engines haben 29.Df3 Txb2 30.Txg7 Se5 31.Df6 Lxg7 32.Dxg7 Sf3+ im Angebot – soweit beiderseits einzige Züge und das ist 0.00 (irgendwann Dauerschach). Oder auch 29.Dh5 g6 30.Txg6 fxg6 31.Dh3 Dc6 32.Lxh8 usw. .

Für ein komplettes Bild müsste man sich auch noch die Remispartien von Oparin und Fridman anschauen, und die anderen Partien des Turniers. Aber das sprengt den Rahmen dieses Beitrags, Saint Louis war ja eher Zugabe.

Zum A-Turnier mal nur der Endstand: Le Quang Liem 6/10, Howell und Xiong 5.5, Shankland 5, Swiercz 4.5, Jones 3.5. Unter anderem wurde da ermittelt, wer denn in England die Nummer eins ist: nach neuestem Stand David Howell mit 2697, also fast 2700 – Jones hat wieder weniger, Adams hat auch weniger.

Und auch das noch kurz erwähnt: Nummer 1 in Israel ist tatsächlich wieder ein gewisser Boris Gelfand – die andere Belohnung für seinen Sieg in Netanya ist, dass er beim FIDE Grand Prix in Tel Aviv mitspielen darf.

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