Juni 23, 2024

Endspielschlachten (Runde 6)

Erster gegen Zweiten: Es hätte die Partie sein können, die den Ausgang des Turniers wieder gänzlich ungewiss macht. Wesley So musste nichts weiter tun, als mit den weißen Steinen den um einen Punkt enteilten Levon Aronian zu besiegen. Dann wären beide wieder gleichauf gewesen und das Feld dicht zusammengerückt. Aber die Partie endete remis – wie die anderen vier Partien der sechsten Runde, teils nach über sechsstündigen Endspielschlachten. Der Tabellenstand ist nach diesem Tag der Unentschieden unverändert.

WR Chess Masters 2023 – Runde 6
Wesley So ließ sich auf eine Kampfpartie ein, musste aber froh sein, mit einem halben Punkt davonzukommen. | Foto: Lennart Ootes

Aronian stand sogar kurz davor, das Turnier so gut wie vorzeitig zu entscheiden. Es hätte allerdings einer computerhaften Lösung bedurft, die So entgangen war und die auch Aronian verpasste. Anstatt des Computermanövers spielte er ein sehr menschliches: den Springer vom Rande zurück in die Partie überführen. Im Zug danach verpasste Aronian eine ganz ähnliche Gelegenheit. Danach gab So das dynamische Gleichgewicht der scharfen Stellung nicht mehr aus den Händen. Am Ende erzwang Aronian Remis durch Dauerschach.

Mit „plus drei“ weiterhin in einer komfortablen Situation, zeigte sich Aronian nach der Partie nicht übermäßig enttäuscht. „Ich habe eine kämpferische Partie gespielt, und wenn du kämpfst, bekommst du Chancen“, erklärte Aronian im Interview. „Aber es lässt sich im Lauf eines Turniers auch kaum vermeiden, dass du Chancen verpasst. Die Gegner sind stark, das passiert.“

Nach dem Remis gegen So führt weiterhin Levon Aronian mit einem Punkt Vorsprung das Feld an, gefolgt von Wesley So und Gukesh mit jeweils 3,5 Punkten. Der junge Inder vermochte die Gelegenheit, in seiner Weißpartie einen halben Punkt zur Spitze aufzuholen, nicht zu nutzen.

WR Chess Masters 2023 – Runde 6
Gukesh und Nodirbek Abdusattorov spielten, bis das Brett fast abgeräumt war. | Foto: Lennart Ootes

Nach einer englischen Eröffnung landeten Gukesh und Nodirbek Abdusattorov bald in einem ausgeglichenen Endspiel, in dem die beiden weißen Läufer den beiden schwarzen Springern nicht überlegen waren. Wer von den beiden die ausgeglichene Stellung auf Gewinn spielt, fragten sich wahrscheinlich nicht nur die Kommentatoren Yasser Seirawan und Elisabeth Pähtz. Sicher ist: Sie spielten, bis das Brett fast abgeräumt und das Remis unausweichlich war.

Ian Nepomniachtchi hätte mit einem Sieg mit den beiden Zweitplatzierten gleichgezogen. Nach seiner Remisserie wollte er diesen Sieg nun gegen Andrey Esipenko erwzingen, nicht nur am Brett, auch mit psychologischen Mitteln. Als Esipenko nach mehr als sechs Stunden und knapp 80 Zügen ausgerechnet hatte, wie er seinen Springer opfern, aber dafür alle weißen Bauern eliminieren und ein Remis erzwingen kann, habe bei Nepo plötzlich ein intensives Mimik eingesetzt.

„Er hat ein Gesicht gezogen, wie er es zieht, wenn sein Gegner einen Fehler gemacht hat“, berichtete Andrey Esipenko hinterher. Und er erzählte von seiner Angst im Angesicht von Nepomniachtchis Grimassen, ihm sei ein Fehler unterlaufen. Esipenko: „Ich bin in dieser Partie zehn Jahre gealtert.“

WR Chess Masters 2023 – Runde 3
Andrey Esipenko (bevor er zehn Jahre alterte). | Foto: Lennart Ootes

Jan-Krzysztof Duda und Vincent Keymer spielten einen spanischen Anti-Marshall, in dem Keymer nach einem originellen Qualitätsopfer zunächst gutes Spiel bekam. Später gab er die Qualität zurück, vielleicht voreilig. Es entstand eine für Schwarz stabile, aber gedrückte Position, in der der Pole lange auf zwei Ergebnisse spielen konnte. Duda versuchte gut sechs Stunden lang sein Möglichstes, Keymer hielt.

Praggnanandhaa war gegen Anish Giri aus der Eröffnung heraus am Drücker. Den Druck hielt er bis tief ins Endspiel aufrecht, in dem nur der Inder trotz einer glatten Minusqualität dank seines zentralen Freibauernduos auf Gewinn spielte. Giri gelang es schließlich, per Rückopfer der Qualität die beiden Freibauern vom Brett zu nehmen. Die Partie mündete in ein blutleeres Damenendspiel, in dem für beide Seiten nichts mehr zu holen war.

Nach der zweiten Zeitkontrolle waren einige Beobachter irritiert, als sie sahen, dass Hauptschiedsrichter Gregor Johann die Uhr angehalten hatte. Ist es etwa vorbei? Nein, das war es nicht. Die Spieler hatten ihre Züge in Zeitnot nicht mehr mitgeschrieben. Während Giri und Pragg ihre Formulare aktualisierten, stoppte Johann die Uhr gemäß FIDE-Regel 8.5.1.

WR Chess Masters 2023 – Runde 6
Elo 2800, wenn es ums Reglement geht: Hauptschiedsrichter Gregor Johann. | Foto: Lennart Ootes

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