April 20, 2024

Ein Usbeke, ein Grieche und drei giftige a-Bauern (5. Spieltag)

Conrad Schormann – Großmeisterversammlung in Hamburg, trotzdem stand ein IM im Mittelpunkt des Zuschauerinteresses. In Remagen sahen Zuschauer derweil einen angehenden Superstar des Schachs bei seinem Bundesligadebüt: Nodirbek Abdusattorov. Und in Baden-Baden sahen die Zuschauer jemanden, der im 14. Versuch seine erste klassische Partie des Jahres zu gewinnen vermochte.

Tabellarisch ist nach diesem fünften Spieltag bemerkenswert, dass die SG Solingen gegen Aufsteiger SC Remagen Sinzig ihre weiße Weste befleckt hat. Ohne Verlustpunkt verbleiben mit der OSG Baden-Baden und dem SC Viernheim die beiden Hauptfavoriten auf die Meisterschaft.

Der fünfte Spieltag:

Meistermaterial? Nodirbek Abdusattorov (l.) bei seinem Bundesligadebüt für Viernheim, rechts: Shakhriyar Mamedyarov. | Foto: Stefan Spiegel/SC Viernheim

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Neulich in Wijk an Zee war Vincent Keymer als Marathonmann auffällig geworden. Während die Weltklassespieler um ihn herum nach und nach den Arbeitstag beendeten, saß Keymer Stunde um Stunde, um gute Endspiele zu kneten oder schlechte zu verteidigen.

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Mit 31.Txg7+! nebst Matt in 7 sicherte sich Michael Adams den Punkt. Richard Rapport brauchte etwas länger, um sein sehenswertes königsindisches Gefecht am ersten Brett gegen Matthias Blübaum zu gewinnen. Aber nach 36…Sxg4+! (nebst 37…f3) schlug das Pendel deutlich zugunsten von Schwarz aus.

So war es jetzt auch in Baden. Nachdem er am Vorabend den Auftakt der online ausgespielten Champions Chess Tour absolviert hatte, war er beim Heimspiel seiner OSG wieder der Letzte. Die 14 Kollegen um ihn herum hatten beim Stande von 5:2 für den Deutschen Meister Feierabend, Keymer knetete sein günstiges Endspiel gegen Andreas Heimann. Anders als in Wijk gelang es ihm, den vollen Punkt zum deutlichen Endstand einzufahren – im 14. Versuch Keymer erster Sieg in einer klassischen Partie anno 2023:

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Mutmaßlicher Geschwindigkeitsrekord für die Schachbundesliga: 30 Sekunden nach Keymers Tweet hatte ihm die höchste deutsche Spielklasse schon zum ersten klassischen Sieg 2023 gratuliert.

 

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Das ließ sich gut an für den Aufsteiger. Auf Seiten der Bayern war am achten Brett Martin Lokander einer Verlockung erlegen, der er besser widerstanden hätte, und so führte Schönaich bald 1:0. Dass der Weg zum ersten Punktgewinn der Saison aber noch weit sein würde, ließ sich ohne Blick auf die Bretter allein an der Münchner Aufstellung ablesen.

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Martin Lokander erlag der Verlockung, 11…e4? zu spielen. Aber nach 12.dxc6 exf3 13.gxf3 ist alles bestens beim Weißen, der via f4 seinen Schwarzfelder nach g3 fährt, am Königsflügel sicher steht und vor allem viel aktiver.

Die bajuwarische Legionärstruppe (plus FCB-Urgestein Klaus Bischoff) hatte an den ersten vier Brettern ihre iranisch-spanische Vierfachspitze ins Gefecht geschickt. Aber trotz der nominell deutlichen Überlegenheit speziell an den oberen Brettern blieb es knapp. Neben einer Reihe von Punkteteilungen steuerten Amin Tabatabaei und Miguel Santos Ruiz ganze Punkte für die Bayern bei, sodass es 3:4 stand, als noch eine Partie lief – die Chance für Schönaichs Jaroslaw Krassowizkij, seinem Wochenende eine zweite Krone aufzusetzen.

Die erste hatte er sich beim vorgezogenen Siebtrundenmatch am Freitag mit einem Sieg über Michael Adams gesichert. Die zweite blieb ihm verwehrt. In einem etwa ausgeglichenen Turmendspiel leistete sich auf Münchner Seite Valentin Dragnev keinen Wackler, führte die Partie ins Remis und sicherte seiner Mannschaft den Sieg.

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In Hamburg war eine Menge los, schließlich hatte der gastgebende HSK ein langes Wochenende des Schachs ausgerufen. Allerdings mussten die Eloriesen an den Bundesligabrettern feststellen, dass speziell die jungen Zuschauer sich viel mehr für das parallel laufende Zweitligamatch der Hamburger Zweitvertretung interessierten als für HSK I vs. MSC. Beim HSK II nämlich spielt ein gewisser Grieche, der speziell dem auf YouTube und Twitch Schach verfolgenden Publikum viel eher bekannt ist als Spitzengroßmeister wie Nihal Sarin, Gawain Jones oder Pavel Eljanov.

Schachlich waren die Hamburger um Nihal Sarin (r.) eine Nummer größer. Im Zwiegespräch des jungen Inders mit Pavel Eljanov sah es andersherum aus. | Foto: Michael Reiß/MSC 1836
Schachlich waren die Hamburger um Nihal Sarin (r.) eine Nummer größer. Im Zwiegespräch des jungen Inders mit Pavel Eljanov sah es andersherum aus. | Foto: Michael Reiß/MSC 1836

Jones hin, Eljanov her, übermäßige Spannung kam beim Erstligamatch nicht auf. Zu groß war die Hamburger Überlegenheit. Auf Münchner Seite musste Supertalent Leonardo Costa feststellen, dass er noch nicht da ist, wo das Ex-Supertalent Luis Engel angekommen ist. Nikola Radovanovic musste derweil feststellen, dass Frederik Svane zumindest an diesem Tag wieder so spielte, wie es vor Monaten während seiner Phase der Seriensiege getan hatte. Vielleicht eine Inspiration für seinen großen Bruder?

Bauernopfer, Läuferopfer, Turmopfer, Matt: Würden Frederik Svanes beste Zeiten nicht noch vor ihm liegen, würde es angesichts der Sequenz 20.De5! und 22.f7+! nebst Matt hier "wie in besten Zeiten" heißen.
Giftiger a-Bauer I – Bauernopfer, Läuferopfer, Turmopfer, matt: Würden Frederik Svanes beste Zeiten nicht noch vor ihm liegen, würde es angesichts der Sequenz 20.De5! und 22.f7+! nebst Matt hier „wie in seinen besten Zeiten“ heißen.

Auch Rasmus Svane siegte, nachdem sich auf der anderen Seite des Brettes Königsindisch-Fachmann Gawain Jones nicht hatte zeigen lassen wollen, was Hamburgs Lübecker gegen Königsindisch vorbereitet hatte. Jones spielte Grünfeld und verlor trotzdem abermals gegen Svane. Der hatte den Engländer schon 2013 als 15-Jähriger in der Bundesliga bezwungen in seiner, wie Rasmus Svane sagt, „schönsten Partie jemals“.

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Ob außer einem Münchner Mannschaftsführer jemand in Hamburg Fotos gemacht hat, ist nicht bekannt. Trotzdem erscheint es gesichert, dass in Hamburg nicht die Super-GM, sondern in erster Linie IM Georgios Souleidis im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

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Giftiger a-Bauer II: Schwarz zog cool …Kg6, da stand er sicher, und bald triumphierte das vielköpfige schwarze Figurenheer.

4:3 für Kiel stand es, es ging gegen 21 Uhr, und bei den in Hamburg gastierenden Kielern und Deggendorfern lief die letzte Partie des Spieltags. Der Kieler Sieg stand indes nicht in Frage. Die Frage war stattdessen, ob es Kiels Ex-Europameister Anton Demchenko gelingen würde, Turm+Läufer versus Turm zu gewinnen und die Führung auf 5:3 auszubauen.

Die beiden Kieler Spitzenbretter Andrey Esipenko und Ivan Cheparinov hatten vorgelegt. Als dann Deggendorfs Boban Bogosavljevic gegen Jonas Buhl Bjerre den Anschluss erzielte, war die Hoffnung auf Seiten des Aufsteigers trotzdem nicht allzu groß. Drei etwa ausgeglichene und vor allem für Kiel unverlierbare Endspiele liefen noch. Eines nach dem anderen wurde remis, schließlich auch das von Anton Demchenko.

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Es ging zwar ausgeglichen los, aber beim Stand von 2,5:2,5 schien dennoch ausgemacht, dass nur Dresden gewinnen kann. Eigentlich stand der Kampf angesichts von (mehr oder weniger) Gewinnstellungen von Jergus Pechac, Maximilian Neef und Uwe Bönsch sogar auf 5,5:2,5, aber Neef ließ den sich mit einer Minusqualität hartnäckig verteidigenden Bremer Youngster Jari Reuker ins Remis entkommen.

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Giftiger a-Bauer III: den hätte Lara Schulze besser nicht genommen, wie ihr nach 22.Sxg6 hxg6 23.Db1! bald aufging. Es droht garstig c3, und sollte der Sb4 ziehen, liegt auch noch Lb5 mit Damenfang in der Luft.

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Dritter Saisonsieg für Aufsteiger Kirchweyhe, der jetzt schon eher dem sicheren Mittelfeld als der Abstiegszone zuzuordnen ist. Mit nun sechs Punkten dürfte für die serbisch-kroatische Auswahl aus dem Bremer Umland kaum noch etwas anbrennen.

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Die Überraschung deutete sich an, als am achten Brett Florians Handke künstelte, anstatt geradeaus zu spielen, und sich gegen Steven Geirnaert bald eine Null einhandelte. Würde diese frühe Remagener Führung halten?

Beim Stande von 3:2 für Remagen ließ sich die Frage präzisieren: Würden die drei Remagener 2500er an den Brettern 1, 3 und 5 ihre Schwarzpartien gegen die Solinger 2600er halten? Möglich wäre das gewesen, aber als sich am ersten Brett Mircea-Emilian Parligras tief im Endspiel gegen Jorden van Foreest verkalkulierte, hatte der hohe Favorit zumindest einen Punkt gerettet.

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Besser wäre 37…gxh3ep geschehen. Jetzt schmeißt Weiß erst mit 38.Kf1! den Se2 raus, danach kommt der Td1 via a1 und a7 kräftig ins Spiel.

Bundesligadebüt für einen angehenden Superstar des Schachs. Nach seiner Galavorstellung in Wijk aan Zee saß Nodirbek Abdusattorov nun zum ersten Mal für den SC Viernheim am Brett – am zweiten. Das erste besetzt in Viernheim traditionell Shakhriyar Mamedyarov. Abdusattorov führte sich gegen Thai Dai Van Nguyen prächtig ein, musste aber hart arbeiten und präzise zu Werke gehen.

Dass der Favoritensieg ein wenig zu hoch ausfiel, lag an Daniel Fridman beziehungsweise dessen Mobiltelefon. Auf dem Brett stand der Mülheimer auf Gewinn, aber dem Vernehmen nach veranlasste sein zwar ausgeschaltetes, aber eben im Spielbereich befindliches Telefon in seiner Tasche die Unparteiischen dazu, den vollen Punkt Yuriy Kryvoruchko zuzuschreiben.