Februar 1, 2023

Interview mit Mirko Eichstaedt

Im Gespräch mit dem Meisterkandidat Mirko Eichstaedt
(von Mario Oberling, Landesschachbund Brandenburd)

In loser Folge stellen wir unsere Brandenburger Titelträger/-innen vor.

Der begabte 24-jährige Mirko Eichstaedt gehört zu den ganz großen Talenten in Brandenburg. Für den Potsdamer Schachverein Mitte e.V. spielt er am ersten Brett in der

Mirko Eichstaedt (by Gerhard Dyballa)

ersten Mannschaft. Mirko trägt den Titel eines Fide Candidate Master und hat eine aktuelle DWZ von 2180. Aufgrund seiner angeborenen Sehbehinderung ist er Mitglied beim Deutschen Blinden- und Sehbehinderten- Schachbund (DBSB). Mirko ist der amtierende DBSB-Meister.

Stell Dich bitte kurz vor! Was machst Du eigentlich, wenn Du mal nicht über Schach nachdenkst?

Ich bin Mirko Eichstaedt, 24 Jahre und wohne jetzt in Potsdam. Derzeit investiere ich viel Zeit ins Mathestudium, weswegen Schach nicht nur wegen Corona etwas nach hinten gerutscht ist.

Wie hast Du den Weg zum Schach gefunden? Hast Du den Weg zum „Sitzsport“ vielleicht sogar gerade wegen Deiner angeborenen Sehbehinderung gefunden.

Als Vierjähriger war ich recht zappelig. Mein Opa brachte mir Schach bei, weil er beim Rennen im Garten nicht mehr mithalten konnte. Zunächst begann ich in der ersten Klasse mit Schulschach bei Herrn Rudi Triegel in Wilhelmshorst. Einige Monate später riet er mir, einen Verein zu suchen. Ich begann beim USV Potsdam und verbrachte dort meine Jugendzeit. Seit 2019 bin ich nun Mitglied beim Potsdamer SV Mitte.

Siehst Du deine Sehbehinderung als großen Nachteil an (beim Training, bei der Stellungsbeurteilung, aber auch bei wichtigen Turnieren)?

Im Schach wie auch z.B. in der Uni muss man mit einer Sehbehinderung davon ausgehen, dass man mehr Zeit benötigt, um die gleichen Ergebnisse wie die anderen zu erzielen. In den reinen Schachpartien wurde mir bereits mehrfach gesagt, dass ich vergleichsweise mehr leiste. Aber ich sehe das so, dass man gerade in höheren Wertungsbereichen ohnehin in der Lage sein muss, Stellungen in höherer Tiefe zu berechnen oder sich das Schachbrett jederzeit geistig vorstellen zu können.

Wie und wann wurdest du Meisterkandidat (CM)?

2015 belegte ich erstmals bei der Jugendweltmeisterschaft der IBCA (International Braille Chess Association) den dritten Platz. Damit hatte ich die Möglichkeit, den CM-Titel zu erhalten.

Wäre für Dich ein Leben ohne Schach eine Katastrophe? Hat Schach für Dich Suchtpotential? Was genau ist Schach für Dich? Kunst, Wissenschaft und Mathematik oder eher ein großes Abenteuer? Ist Schach vielleicht wirklich nur ein Spiel?

Schach nimmt für mich mental die Hälfte meines Lebens ein. Somit hatten in meiner früheren Kinderzeit und Jugend andere Hobbys, wie Gesellschaftstanz und Akkordeon, eine zweitrangige Bedeutung, obwohl ich auch hier mehrere Jahre aktiv tätig war. Seit etwa Beginn des Studiums stellt Schach für mich das einzige wirkliche Hobby dar.

Am Ende des Tages ist Schach aber nur ein Hobby und wird nicht meinen Lebensunterhalt sicherstellen.

Wirst Du als Schachspieler von Nichtschachspielern manchmal belächelt? Siehst Du Dich selbst als Nerd? ?

Von Nichtschachspielern generell und auch im Freundeskreis hatte und habe ich nie wirklich Leute gehabt, die Schach als Sport belächelt haben. Es ist und war eher ein Nichtinteresse.

Wie ehrgeizig bist Du? Trainierst Du regelmäßig? Wie kann man sich Deinen Trainingsalltag vorstellen?

Zum Trainieren spiele ich so gut wie täglich Online-Partien. Je nach Zeit beschäftige ich mich selbst oder mit einem Trainer per Telefon zu bestimmten Themen. Außerdem gibt es jährlich auch mal einen Trainingslehrgang für Kader innerhalb des DBSB. Man kann sich einen solchen Lehrgang so vorstellen, dass jeder Teilnehmer an seinem Blindenschachbrett sitzt und der Trainer die Positionen oder Partien von Beginn an ansagt und wir die Züge entsprechend ausführen und über die Stellungen diskutieren. Außerdem gehe ich auch regelmäßig zu den Vereinsabenden des PSV.

Wie kann man sich das Online-Spielen praktisch vorstellen? Welche Schach Engine bevorzugst Du bei der Analyse Deiner Partien?

Da ich einen Sehrest von 10 % auf einem Auge habe, ist es mir noch möglich, mit einem großen Bildschirm normal online Partien zu spielen. Bei Analysen nutze ich auch häufiger eine Bildschirmlupe.

Für die Engine nutze ich derzeit Kommodo, ansonsten Stockfish.

Analysierst bzw. denkst du auch weiterhin intensiv über die Stellung nach, wenn du nicht am Zug bist?

Innerhalb einer Partie beschäftige ich mich mit der Stellung nicht nur in der eigenen Zeit, sondern auch sehr stark in der Zeit des Gegners. Klar laufe ich auch mal im Turniersaal umher und versuche, Stellungen der Mannschaft zu erkennen (was optisch nicht immer funktioniert), aber meist bin ich an meinem Platz und vertieft in die Stellung.

Gibt es eine besondere Empathie für herausragende Schachpersönlichkeiten?

Zu meiner Jugendzeit habe ich mich stark für Karpow interessiert, nicht nur zum Thema Schach, sondern auch für sein Leben. Er schloss sein Mathematikstudium übrigens nicht ab, wechselte in das Fach VWL, da der Aufwand im Mathematikstudium nicht mit einer Schachprofi-Karriere in Einklang zu bringen war.

Gibt es schachliche Stärken, aber auch Schwächen, über die Du reden möchtest? Bist du auf ein Endspiel mit Läufer und Springer vorbereitet? Könntest du damit deinen Gegner mattsetzen?

Wenn ich eine Stärke von mir nennen müsste, dann würde ich sagen, dass ich recht sicher spiele und in wichtigen Momenten nach langem Kampf recht nervenstark bin. Dazu kommt, dass theoretische Endspiele, z.B. das Mattsetzen mit Springer und Läufer, vielleicht nicht in großer Zeitnot, aber generell sitzen.

Deine erfolgreiche Teilnahme an der Junioren-Weltmeisterschaft war sicherlich für Dich eine große Freude. Was waren für Dich bislang die wichtigsten Turniere? War es vielleicht sogar die Junioren-Weltmeisterschaft?

Die wichtigsten Turniere in meiner Schachlaufbahn waren in der Jugend die erste Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft in Willingen. Es war beeindruckend zu sehen, wie ca. 500 Kinder und Jugendliche in einem Raum Schach spielten. Zudem war der dritte Platz in der Jugendweltmeisterschaft der IBCA ein großer persönlicher Meilenstein. Bei der folgenden für mich letztmöglichen Jugend-WM wurde ich ebenfalls Dritter. Hier war ich aber eher unzufrieden, da ich nach meinem Remis gegen den späteren Turniersieger Czajkowski die zwischenzeitliche Führung mit einem Punkt Vorsprung nicht bis zum Schluss halten konnte.

Außerdem haben für mich Mannschaftsturniere immer einen besonderen Reiz. Leider haben wir sowohl in der Jugend als auch jetzt mit der Auswahlmannschaft des DBSB überregional bzw. international noch keinen Treppchenplatz erringen können. Ein vierter Platz war jeweils die bislang beste Ausbeute.

Welche schachlichen Ziele möchtest Du persönlich, aber auch mit Deiner Mannschaft, gerne noch erreichen?

Mit der ersten PSV-Mannschaft würde ich gern in die Oberliga aufsteigen und optimalerweise dort festsetzen. Mit der Mannschaft des DBSB ist die Zielstellung ein Podestplatz bei einer internationalen Meisterschaft, Weltcup oder Olympiade. Persönlich möchte ich den FM-Titel erreichen.

Was unterscheidet aus Deiner Sicht starke und schwächere Spieler voneinander?

Ein starker Spieler ist in meinen Augen ein Spieler, der häufiger in den entscheidenden Situationen den halben Punkt mehr herausholt, als es von der Stellung zu erwarten war.

Vermutlich haben wir im Gespräch etwas Wichtiges vergessen. Hier ist Deine Chance: Liegt Dir noch etwas am Herzen?

Im DBSB sind blinde und sehbehinderte Schachspieler aller Spielstärken gern gesehen. Man kann dort u.a. erfahren, wo man am besten Hilfsmittel, aber auch ein Blindenschachbrett und/oder eine spezielle Schachuhr erhält. Außerdem werden persönliche Erfahrungen ausgetauscht. Aber auch ohne Mitgliedschaft ist ein Kontakt möglich, z.B. bei der nächsten Auflage des Telefonturniers, das am 17.10.2022 beginnt. Hier ist der Link: https://www.dbsb.de/6telefonaus.htm.

Eine DBSB-Mitgliedschaft ist unabhängig von einer Vereinsmitgliedschaft möglich und bietet u.a. die Teilnahme an Turnieren und Meisterschaften innerhalb des DBSB.

Das Gespräch führte Mario Oberling, im Auftrag des Präsidiums des Landesschachbundes Brandenburg.
April 2022

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