Von Ralf Mulde – Die Bremer Rheumadecke am Blitzbrett. Senioren : Sie scheint es gar nicht zu geben. In Bremen wurde einmal die Senioren-Meisterschaft parallel zur “Offenen” angeboten – organisatorischer Erfolg: Drei Senioren -Teilnehmer. Der gesamte Rest meldete sich für die Offene, darunter durchaus eine Menge, in deren Jugend die Erfindung des Radios, des Pfirsichs Melba und die Entdeckung des Kongo geschehen sein mochte, sie ALLE also ließen ihren Versehrten-Ausweis für die Straßenbahn verschwinden und machten mit im offenen Turnier.

Es liegt schon ein paar Jährchen zurück und einer meiner langjährigen Wegbegleiter war so gefühllos, mir zu sagen: “Du bist doch Jahrgang 1962, Ralf – möchtest Du nicht auch mitmischen…?” Ich erlangte rasch meine Fassung zurück und sagte mit belegter Stimme, aber doch, wie ich glaubte, noch vital wirkend, dass wir doch froh sein könnten, einen “Sport” zu betreiben, der von Männern & Frauen, von Arabern & Bolivianern (oder so) und eben von Kindern & Rentnern zwischen a1 und h8 mit völlig gleichen Chancen auf gleiche Weise betrieben werden könne, das solle man nicht durch ganz überflüssige Unterteilungen in Kinder-, katholische Frauen-Wettbewerbe, rätoromanische Friseur-Championate- oder eben Senioren-Turniere aufgeben. Ist im Schach ja sowieso immer schlecht, das mit dem Aufgeben. Open wie die DSAM zeigten doch, dass Turniere in kultivierte, Rahmen ohne Alters-Einteilungen, also mit “Alt gegen Jung”, eine riesige Nachfrage beinhalteten.

Was ist nun aber Senior im Schach? In welchem Alter geht’s los’? “Wann ist ein Mann ein Maaaann??” knödelt hin und wieder der Bochumer. “An der Europ. Seniorenmeisterschaft 2019 vom 5. bis 15. April auf … Rhodos können alle Spieler teilnehmen, … die im Jahr 1969 oder früher geboren wurden”, schrieb Ticker-Chef Franz Jittenmeier am 6-April-2019, der sich mit Jahrgang 40 bereits sicher qualifizieren konnte. Die FIDE sieht das für die dritte World Senior-Ch auch so: “There shall be two categories; age 50 and age 65 with separate events for women …” Also ab fuffzich ist man eine Art “Jung-Senior,” wie es im Tennis heißt, ab 65 startet man – endlich! – bei den richtigen Senioren-Turnieren.

Ein freundlicher Mensch rammte auch das in die Wikipedia: “The World Senior Chess Ch … Originally, the age limit was 60 years for the men, and 50 for the women. Since 2014, the Senior Championship is split in two different age categories with consequently two male and two female titles: 50+ and 65+, which require the participants to reach the age of 50 and 65 years …” Einschlägig ist gegenüber der FIDE stets Lukas 23:34.

Der Deutsche (olympische) Sportbund DOSB, heimlicher Sehnsuchtsort so manches Schach-Funktionärs, weist für das Jahr 2018 bei dessen eigener Gesamtzahl von 27,4 Mio. registrierten Sportlern 89.931 Schachspieler aus, von denen 19.230 (Männer) und 560 (Damen) älter als 60 Jahre sind; 25.363 (Männer) 1.360 (Damen) sind zwischen 41 – 60 Jahre. https://www.dosb.de/medien-service/statistiken/
Man muss bedenken, dass die Ziffern, die der DSB seinem Dachverband DOSB übermitteln kann, zahlreichen “zeitlichen Unschärfen” unterliegt, die vor allem mit den Meldefristen der Landesverbände zusammenhängen. Investigativ wie Ferrari-Magnum stieß ich nach. Na gut, meine Figur erinnert eher an Magnum-Eiscreme. Die Wahrheit kam ans Licht: Knapp, also…: sehr knapp 40.000 Mitglieder im “Senioren”-Bereich. Das ergibt mit allen Unschärfen rund 42%. Jeder Wahlkämpfer wird Dir zujubeln: “Das ist der Weg zur Mehrheit! Und in den Turniersälen haben wir sie schon optisch.”

Dass genau dieser große Anteil der Erfahreneren für den DSB ein erhebliches Problem darstellen könnte, ist offenbar.

Aber nochmals: Vier von zehn im deutschen Schach sind Senioren, Tendenz: unbekannt. Gefühlt sind in den Turniersälen weitere vier von zehn unter 16 Jahre jung, was sehr gut ist. Direkte Reaktionen, was den Beginn, die Ausstattung, die Lage etc. von Turnieren angeht, haben sich daraus anscheinend noch nicht überall ergeben; nur die Organisatoren sind zumeist um die 40.

Wie ist denn das im Bewegungssport? Irgendwer beklagte sich unlängst, dass ich oft auf Tennis zu sprechen käme. Kein Wunder, da war ich in einem früheren Leben aktiv. Also: Im Tennis gibt es längst die WM der 85jährigen. “Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die über 90-Jährigen in einer eigenen Altersklasse ihren WM-Titel ausspielen. In den USA gibt es bereits die „Herren 90“, wie das Tennismagazin schrieb [https://www.tennismagazin.de/news/seniorentennis-aufschlag-in-den-besten-jahren/ ]

Gerade schlug ich die frei zugänglichen Daten des von mir bewunderten Freiburgers Gerhard Hund nach: 87 Jahre [https://chess-db.com/public/pinfo.jsp?id=4645936 ]. Und auch für ihn gilt, was uns schon diverse Sänger zuraunten: “Du bist nicht allein…!”. Zur Auswahl: Roy Black, Jule Neigel, Gabi Hösel, Roger “ist schon wieder Weihnachten?” Whittacker, Hein Rudolf Kunze, …

Wie alt ist Senior im Schach?

Christian Eichner erläuterte das im Landesverband Sachsen: “Durch den Bundeskongress vom 27.05.2017 wurden die Altersgrenzen neu festgelegt. Seit einigen Jahren werden Welt- und Europameisterschaften im Seniorenbereich sowohl als Einzel- als auch Mannschaftswettbewerbe für die Altersgruppen 50+ und 65+ angeboten.”
https://www.schachverband-sachsen.de/seniorenschach/2068-neues-zeitalter-im-seniorenschach-50-und-65.html

Der im DSB als Referent kompetente Gerhard Meiwald fächerte das ein wenig auf; offenbar sind in den Regionen andere Regeln möglich: “Auf Ebene der Bundesländer ist die Handhabung uneinheitlich.” [Waaas??? So was gibt’s in unserem Land der millimetergenau manikürten Vorgärtenhalme, der stündlich gewienerten Autolacke, in dem die schwäbische Kehrwoche doch nur das krönende Dessert des Ganzen ist? Revolution! Chaos! Klasse …!] https://www.schachverband-sachsen.de/seniorenschach/2068-neues-zeitalter-im-seniorenschach-50-und-65.html

Also zwei Gruppen, fuffzich plus und fünfundsechzig. Wieso eigentlich spielen Senioren eigene Turniere? Der Wunsch nach gleichen Chancen führte dazu: “Die Senioren spielen ihre eigenen Meisterschaften aus. Zuständig ist die Seniorenkommission: Gerhard Meiwald, Kolpingstr. 20, 86316 Friedberg, 0177/736 12 19, senioren@schachbund.de, gerhardmeiwald@gmx.de”. Das nur, damit der Ansprechpartner bekannt ist.

Der formale Widerspruch zwischen dem besonders von Öff.-Arbeitern geschätzten Satz, dass im Schach jede und jeder egal welchen Alters, welchen Geschlechts etc. mit gleichen Erfolgs-Chancen am schachlichen Wettkampf teilnehmen könnten und andererseits, dass eben diese Chancen anscheinend schon für 40jährige zurückgehen, lässt sich hier nicht lösen. Der vom DSB entschlossen beschrittene Ausweg ist eben, so wie jetzt, Sonderturniere für Ältere anzubieten und zugleich Open “für alle” wie die rasend erfolgreiche DSAM zu veranstalten.

Es gibt seit wohl 2008 den heiteren Wettkampf der “Veteranen” gegen die “Schneeflöckchen”. Letztere sind regelmäßig himmelstürmende, junge, völlig zufällig sehr fotogene Damen, Erstere sind ehemalige Weltklasse-Meister, inzwischen durchweg zu gütigen, kultivierten Herren gereift. Das steht z.B. bei Grischuk und Radjabow ja noch aus. Die folgende Begegnung fiel mir auch wegen der spaßig-symmetrischen Eröffnung auf.

Und sonst? Der letzte Fußball-Senior, der auf “Weltniveau” spielte, war womöglich Sir Stanley Matthews, CBE, 1915-2000. Er wetzte zuletzt am 6-Feb-1965, kurz nach seinem 50. Geburtstag für Stoke City (hey! das war Premier League!) als Rechtsaußen die Linie entlang. Und sogar der erst 1990 geborene Sitzsportler Magnus Carlsen fühlt sich alt und lässt schon jetzt sein Karriere-Ende andeuten … während aber andere voll im Saft stehen, man denke an den 1943 geborenen Tanz-Gymnasten und Sänger Mick Jagger: Satt über 70. Erst recht sollte der Leser alle vielleicht noch bestehenden Hemmungen der Turnier-Anmeldung abstreifen, sich im Inland oder Ausland ein schönes Open suchen, es vielleicht mit einer kleinen Städtetour verknüpfen … Genieße Dein Leben!

Print Friendly, PDF & Email