Juni 20, 2021

Roulette im Cyberschach!

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Von GM Hertneck, München

Es war einmal Ende des Jahres 2020, da trugen viele Schachfreunde ihre Partien online aus, da sie das am Brett aus bekannten Gründen nicht mehr tun konnten. Und zu diesem Zweck hatte Ihnen der Herr ein Haus geschenkt, in dem sie sich treffen und Schach spielen konnten, ohne dort vor Ort zu sein. Jeder bekam zu Hause auf seinem Bildschirm ein Brett mit Figuren zugeteilt, auf dem er gegen Andere spielen konnte, die paradoxerweise sowohl da als auch nicht da waren.

GM Hertneck rechts im Foto

Und so geschah es, dass sich 30 Spieler und Spielerinnen in trauter Eintracht einfanden, um ein weihnachtliches Turnier auszutragen. Zunächst begann es ganz ordentlich, alle Partien fingen gleichzeitig an, und nebenbei konnte man sich sogar noch ein bisschen unterhalten. Fast alle waren friedlich gestimmt, und so wurde Runde um Runde gespielt. Als Gesamtdauer waren zwei Stunden angesetzt. Alle freuten sich auf ein schönes Turnier.

Doch dann passierten seltsame Dinge, die das Christkind, das an seinem Ehrentag ebenfalls das Turnier mitspielte, von einem Erstaunen in das andere versetzte. Zunächst fiel auf, dass die Punktwertung kreativ war: statt 0, 1 oder 2 Punkten pro Partie konnten sogar auch 3 Punkte erzielt werden. Das Christkind wurde alsbald gewahr, dass es sich bei den 3 Punkten um den nicht näher definierten „Berserker-Modus“ handelte, was doch gerade zu Weihnachten ein sehr unchristliches Unterfangen war!

Doch das war noch nicht das Ende vom Lied. Als nächstes fiel dem Christkind auf, dass es mehrfach gegen denselben Gegner gepaart wurde, und zwar im Lauf des Turniers ganze vier Mal gegen das Spitzenbrett! Ungläubig schüttelte das Christkind sein Haupt: es hatte noch nie erlebt, dass es mehr als einmal gegen einen Gegner antreten musste (außer natürlich in einem doppelrundigen Turnier).

Und noch immer kam Überraschung auf Überraschung: da jeder nach dem Ende seiner Partie relativ schnell gegen einen neuen Gegner gepaart wurde, die Partien aber unterschiedlich lang dauerten, stellte sich schnell heraus, dass die Spieler im Turnier zu jedem Zeitpunkt unterschiedlich viele Partien gespielt hatten. Kurz vor Turnierende ergab sich dann folgender Stand:

Rd.

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

Su.

Anz

A

0

2

2

2

2

2

2

1

2

2

2

2

2

2

2

2

1

2

2

 

 

 

 

 

34

19

B

0

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

2

 

 

 

 

 

 

 

32

17

C

2

2

2

2

2

1

2

0

2

2

0

2

2

2

2

2

  2

 

 

 

 

 

 

 

29

17

D

2

2

0

2

0

2

0

3

2

2

3

2

0

0

2

0

2

0

2

 

 

 

 

 

26

19

E

2

2

2

2

2

2

0

2

2

0

2

2

2

2

1

0

2

 0

 

 

 

 

 

 

27

18

F

0

2

0

2

0

2

2

3

2

2

0

2

2

2

1

1

2

 2 

 

 

 

 

 

 

27

18

G

0

2

2

2

1

2

2

0

2

0

1

3

0

2

2

2

0

 3

 

 

 

 

 

 

26

18

H

0

0

0

3

0

2

2

0

0

0

2

2

0

2

2

0

2

0

2

0

2

0

2

0

23

24

I

0

2

2

2

2

2

2

2

2

0

2

2

0

1

2

 0

 

 

 

 

 

 

 

 

23

16

K

2

2

2

3

3

0

1

2

0

2

0

2

0

1

3

0

0

 

 

 

 

 

 

 

23

17

Links die bestplatzierten Spieler (anonymisiert von A bis K). Ganz rechts die Anzahl der bis dahin gespielten Partien und in der Spalte davor die erzielte Punktesumme. Im Endeffekt hatten die meisten Spieler entweder 17, 18 oder 19 Runden gespielt, Spieler H schoss mit 24 gespielten Partien (in derselben Zeit wie alle anderen Turnierteilnehmer!) sogar den Vogel ab. Wie hat er das nur geschafft? Hatte er vielleicht wie Paulchen Panther an der Uhr gedreht?

Das Christkind war nun völlig verwirrt: in einem Turnier, egal ob nach Schweizer System oder im Vollrundensystem ausgetragen, haben doch immer alle Spieler dieselbe Anzahl der Runden bzw. Gegner. So wie die Tabelle sich gestaltet, wurden offensichtlich mehrere Turniere in einem gespielt: Spieler I und H spielten jeweils ein Turnier außer Konkurrenz. Bei den restlichen könnte man bei großzügiger Betrachtung noch von einem gemeinsamen Turnier mit kleiner Abweichung ausgehen.

Doch noch ein letztes Mal an diesem denkwürdigen Abend musste unser Christkind ungläubig die Augenbrauen hochziehen, als es beim Blick auf die Tabelle feststellte, dass der auf dem zweiten Platz gelandete Spieler B alle Partien gewonnen hatte bis auf die erste. Und diese Partie konnte er nicht gegen A verloren haben, denn A hatte ebenfalls seine Partie in der Startrunde verloren. Da A sonst keine Partie verloren hatte, folgt daraus, dass A im gesamten Turnier nicht gegen B gelost wurde! Noch einmal: ein Turnier, das zwei Stunden dauert, und in dem im Schnitt 18 Partien gespielt werden, schafft es nicht, den Ersten und Zweiten gegeneinander zu losen! Ja wie krass ist das denn? Ist denn der Erfinder des Paarungssystems mit Blindheit und Dummheit geschlagen?
Das Christkind zählte somit in der Nachbetrachtung noch mal im Geiste alle Punkte des seltsamen Turniersystems auf:

  • Irreguläre Punktewertung
  • Unmögliche Auslosung
  • Keine faire Platzierung
  • Keine Chancengleichheit
  • Quasi Würfelschach oder Roulette im Gewand unseres edlen königlichen Spiels!

Und so schließen wir unsere Analyse des seltsamen Geschehens mit einem kleinen Gedicht:

Wer hat nur dieses kranke System erfunden?
Anscheinend kam er damit gut über die Runden!
Er brauchte dafür wohl nicht viele Stunden,
sondern hatte es in ein paar Minuten gefunden.
Jedoch wird das Ergebnis Vielen nicht munden!

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