November 28, 2020

London calling: „Wir sehnen uns nach den Brettern und werden dahin zurückkehren“

Sollte sich irgendwann einmal die Badische Zeitung oder der Südkurier für Schach interessieren, es wäre kein Wunder, würden sie am Bodensee anrufen, um mehr zu erfahren. Aber ein internationales Leitmedium wie der Guardian? Als jetzt dessen Anfrage in Sachen „Schach und Cheating“ hier eintrudelte, kam das überraschend.

Im Zuge der Affäre um Tigran Petrosian und die Pro Chess League war Guardian-Redakteur Archie Bland auf das Thema aufmerksam geworden. Er wollte mehr wissen, befragte ein halbes Dutzend Autoritäten – und den Schreiber dieser Zeilen. Aus unserem 35-minütigen Gespräch blieb in Blands Artikel genau ein zitierter Satz übrig. Der Austausch diente ihm eher, um sich für weitere Gespräche Hintergrundwissen anzueignen.

Weil die Fragen interessant waren, weil der Schreiber dieser Zeilen sich Sachen sagen hörte, die er nie geschrieben hat, sei das Gespräch hier wiedergegeben.

Conrad, gibt es beim Schach mehr Cheating als noch vor ein paar Monaten? Und wenn ja, liegt das daran, dass sich Schach zu einem großen Teil ins Internet verschoben hat?

Es hat sich nicht nur verschoben, es ist auch gewachsen. Im Lauf der Pandemie sind viele, viele neue Spieler dazugekommen, die Schach nur online kennen und noch nie einen Turniersaal von innen gesehen haben. Und die repräsentieren eine Gruppe, die für Cheating besonders anfällig ist: Der Anfänger, der wie jeder Anfänger viel verliert, aber gerne mal gewinnen möchte. Die andere anfällige Gruppe sind Profis unterhalb des Elitelevels, die in Ermangelung von Alternativen online nach Einnahmequellen suchen. Wenn wie neulich bei der PCL 5.000 Dollar pro Spieler zu gewinnen sind, mehr als das durchschnittliche Jahreseinkommen in Armenien, dann bedeutet das für jemanden aus so einem Land eine enorme Versuchung. Im schachlichen Mittelbau, unter Vereinsspielern mit Online-Erfahrung, ist Cheating existent, aber ich würde das nicht so hoch hängen.

 
 
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