Juni 13, 2024

Von null auf 2300

Der elfjährige Christian Glöckler hat es in zwei Jahren bis zum FIDE-Meister geschafft
Wann genau sein Vater Christian die Schachregeln beigebracht hat, weiß in der Familie Glöckler niemand mehr so genau – wahrscheinlich irgendwann im Jahr 2019. Christians Interesse war aber anfangs sehr gering. Andere Beschäftigungen interessierten ihn mehr, wie viele Kinder hat er verschiedene Hobbys ausprobiert, wie z.B. Handball oder die Mitarbeit in der Kinderfeuerwehr.

Mehrere Jahre spielte Christian Handball.
Später begann er zusätzlich mit Zweierprellball.

Anfang 2020 fielen mit Beginn der COVID-19-Pandemie fast alle Freizeitaktivitäten aus – so wurden andere Beschäftigungen gesucht. Christians Vater versuchte erneut, bei seinem Sohn das Interesse für Schach zu wecken und legte ihm einen Account bei Lichess an. Dort fand Christian vor allem Spaß an Atomschach („Atomic“), bei dem geschlagene Steine auf dem Brett „explodieren“ und herumstehende Figuren mit vernichten. Mit normalem Schach hatte das noch relativ wenig zu tun. Sein Vater wollte Christians Schachkenntnisse weiter fördern, konnte aber selbst nicht viel mehr als die grundlegenden Regeln vermitteln. Deshalb meldete er sich Mitte 2020 mit Christian und seinen beiden jüngeren Geschwistern im nahegelegenen Verein SC Königsflügel Lindenholzhausen an. Doch im Verein wollte niemand mit Christian so richtig Atomschach spielen. Ein älterer und geduldiger Vereinskollege namens Rudi machte mitunter eine Ausnahme. Letztendlich war er es, der Christian dann doch noch zum normalen Schach überreden konnte.

Kurz vor dem neunten Geburtstag stieg Christians Interesse am Schach von Tag zu Tag und er beschäftigte sich täglich mit dem königlichen Spiel. Die Eltern dachten darüber nach, wie sie Christian weiter fördern könnten. Der klassische Weg mit Schachbüchern schien ihnen aussichtslos, diese würden nur ungelesen in der Ecke liegen bleiben. Durch YouTube-Videos auf Großmeister Niclas Huschenbeth aufmerksam geworden, schauten sie sich dessen Schachschule Chessence näher an und kauften dort Kurse ein. So lernte Christian fortan per Video-Kurs (andere Aktivitäten waren aufgrund der Pandemie weiterhin kaum möglich), absolvierte online Taktikaufgaben und spielte viele Blitzpartien.

Im Juli 2021 stellte sich Christian erstmals der Herausforderung, Langschachpartien zu spielen und nahm am hessischen Qualifikationsturnier zur Deutschen Jugendeinzelmeisterschaft teil. Dazu musste er erst einmal die Notation erlernen und das Mitschreiben der Partien üben. Christians erstes Langschachturnier verlief sehr erfolgreich und so war sein zweites großes Turnier gleich die Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft U10 in Willingen, die er überraschend als Vizemeister beenden konnte.

Von da an ging es Schlag auf Schlag: Aufnahme in den hessischen Nachwuchskader, Teilnahme an der Jugendeuropameisterschaft und zum Jahreswechsel 2021/2022 sogar die Aufnahme in den DC-Kader des Deutschen Schachbundes. Bei der als Hybrid-Turnier an verschiedenen Orten ausgetragenen Jugendeuropameisterschaft wurde schließlich eine wichtige Weiche für Christians weiteren schachlichen Werdegang gestellt. Ihm wurde in Apolda Großmeister Thomas Pähtz als Trainer zugeordnet, mit dem er sich sofort gut verstand. Thomas Pähtz war von Christians Talent beeindruckt und man verständigte sich darauf, dass er Christians (erster) Heimtrainer wird. Einen Trainer für Christian zu engagieren war überfällig und die Familie freute sich sehr, gleich einen Großmeister und so erfahrenen Trainer gewinnen zu können. Später begann sogar seine Tochter GM Elisabeth Pähtz, Christian Unterricht zu geben und mit ihm als Sparringspartner Blitzpartien zu spielen.

Partieanalyse bei der Jugendeuropameisterschaft (Foto: Bernd Vökler)

Da Christian zwischenzeitlich großen Gefallen an Turnieren am Brett gefunden hatte, wurden fortan Open-Turniere gebucht. Das Sparkassen Open 2021 in Heusenstamm, ein von Trainern des Hessenkaders betreutes Turnier, machte den Anfang.

Vorbereitung mit Kadertrainer Uwe Kersten; ChessBase ist inzwischen natürlich auch zu Hause unverzichtbar geworden.

Seitdem reiste Christian begleitet von Vater oder Mutter zu sehr vielen Turnieren im In- und Ausland. Die Familie investierte jährlich über 10.000 Euro für Fahrten, Flüge, Unterkünfte, Trainer etc. Denn Christian kann nicht genug vom Schach bekommen. Üblicherweise dauert es nach einem Turnier höchstens zwei Tage, bis er seine Eltern fragt, wann denn endlich das nächste Turnier ansteht.

Turniere im Ausland (mit den schönsten Bannern)

Obwohl Christian aufgrund seiner außerordentlichen schulischen Leistungen bereits eine Klasse übersprungen hat, achten die Eltern stets darauf, dass die Schule nicht vernachlässigt wird.
Die Entwicklung von Christians Wertungszahlen geht bisher ziemlich ungebremst nach oben: Sein FIDE-Rating überschritt mit der September-Elo 2022 erstmals 2000, im März 2023 die Marke von 2200 und im April (während der DSAM in Darmstadt) erstmals die 2300, worauf im Mai der FM-Titel beantragt werden konnte. Die Juni-Elo war dann die erste veröffentlichte Wertungszahl über 2300.

Christians Elo-Entwicklung (Quelle: https://ratings.fide.com/profile/34608966/chart)

Anfang Juni wurde Christian in Willingen Deutscher Meister U12. Am Tag nach der Siegerehrung folgte dann gleich die Hessische Meisterschaft im Zweierprellball, an der Christian auch unbedingt teilnehmen wollte – Langeweile kommt im Hause Glöckler selten auf …

Siegerehrung DJEM U12 2023 (Foto: Paul Meyer-Dunker)

Inzwischen erregt Christian auch internationale Aufmerksamkeit: Für Anfang Juli 2023 wurde er zu einem Trainingslager der Kasparov Chess Foundation in Wien eingeladen und qualifizierte sich weiter für einen anschließenden Besuch des „SuperUnited Rapid & Blitz“-Turniers der Grand Chess Tour in Zagreb. Dort durfte er eine Simultanpartie gegen die zehn Teilnehmer der Grand Chess Tour sowie Garri Kasparow spielen, wobei jeder der Großmeister drei Züge machte und an den nächsten übergab. Christian konnte seine Partie überraschenderweise gewinnen und durfte dafür am ersten Tag des Rapid-Turniers (mit Kasparow und anderen Simultangewinnern) einen der Eröffnungszüge ausführen. Als absoluten Höhepunkt gab es an zwei Vormittagen noch Training mit Garri Kasparow höchstpersönlich. Ein unvergessliches Erlebnis für Christian.

(Foto: ©Familie Glöckler) (Foto Mitte/rechts: Lennart Ootes, Grand Chess Tour)

Aufgrund der finanziellen Situation des DSB im Leistungssport, insbesondere die Streichung von Mitteln in Höhe von 40.000 Euro, ist der DSB derzeit nicht in der Lage, Christian eine größere finanzielle Förderung zu gewähren. Deshalb hoffen wir, auf diesem Weg Sponsoren zu finden, um Christians Talent weiterhin optimal fördern zu können.

Thomas Pähtz mit Informationen von Familie Glöckler
(Alle Fotos ©Familie Glöckler, falls nicht abweichend angegeben.)