März 3, 2024

Menschenbilder (IV): Der Mensch als Ganzheitliches Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem / Ein einheitliches Menschenbild der Psychologie

Menschenbilder der Psychologie (IV)

Der Mensch als Ganzheitliches Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem (GI&HS)

DIe flexible Basis-Einheit zur Einbindung verschiedener Menschenbilder

Vorschlag für ein einheitliches Menschenbild der Psychologie

 

„Ich bin ein Schachspieler. Wünschen Sie Unterricht über den Aufbau der Persönlichkeit?‘ … Es ist Ihnen bekannt, daß der Mensch aus einer Menge von
Seelen, aus sehr vielen Ichs besteht… Wir zeigen daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen und daß er damit eine unendliche Mannigfaltigkeit des Lebensspieles erzielen kann. Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft, so bauen wir aus den Figuren unsres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situationen’” (Hermann Hesse, Der Steppenwolf, 1927 / 1974, S. 208-210).

Die Basis-Einheit

Ein wichtiger Fortschritt war die Erstellung eines gemeinsamen Menschenbildes für Kognitive Psychologie und Handlungspsychologie (Munzert 1988 a, b, 1990, 1993, 1996, 1999 usw., Literatur siehe unten).

Aus der Verbindung der Menschenbilder dieser Ansätze kann meines Erachtens eine zutreffende, nahezu umfassende – und in aktueller psychologischer Terminologie beschreibbare -Vorstellung vom menschlichen Wesen entstehen. Deshalb möchte ich ein psychologisches Menschenbild vorschlagen, welches den Menschen primär als Ganzheitlliches Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem (GI&HS) betrachtet. 


Die flexible Basis-Einheit zur Einbindung verschiedener Menschenbilder

Es gibt Dutzende – wie wir gesehen haben – ja Hunderte von Aussagen der Psychologie über den Menschen. Betrachtet man die Vielzahl von Kernannahmen, so stellt sich die Frage, ob man die relevanten Aspekte überhaupt zu einer angemessenen und dennoch übersichtlichen Vorstellung vom Menschen verbinden kann. Ich sehe die folgende Möglichkeit: Mit Hilfe der obigen Konzeption ist man in der Lage, wesentliche Aspekte anderer Menschenbilder integrativ aufzunehmen. Auf der Grundlage dieser flexibel ergänzbaren Basis-Einheit sind zahlreiche Erweiterungen möglich, beispielsweise:

Der Mensch als
o lernendes und sich entwickelndes GI&HS
o lustsuchendes und unlustvermeidendes GI&HS
o motiv- und emotionsaktiviertes GI&HS 
o intelligentes, kreativ-intuitives GI&HS

○ inneres Reden und bildhafte Vorstellungen / Mustererkennung durchführendes GI&HS

o zeitweise/teilweise irrationales und ambivalentes GI&HS
o Normen berücksichtigendes GI&HS
o kontextsensitives, aktiv-adaptives GI&HS

○ chaotisches“ (non-lineares) GI&HS

o sich selbst organisierendes, dynamisches GI&HS


Vorschlag für ein erstes einheitliches Menschenbild der Psychologie

Zudem kann die Basis-Einheit als Grundlage für ein erstes gemeinsames Menschenbild der Hauptströmungen dienen. Ich möchte ein einheitliches, übergreifendes und dennoch übersichtliches Menschenbild der Psychologie zur Diskussion stellen: Der Mensch als lernendes, kreatives, Befriedigung anstrebendes, ganzheitliches Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem. 

Wer die Bezeichnung “Informationsverarbeitungs- und Handlungssystem“ zu technisch findet, dem gefällt vielleicht folgende Beschreibung besser:

Der Mensch als denkendes, lernendes, kreatives, emotionales, Befriedigung anstrebendes, handelndes Wesen.

Diese Sichtweise erscheint mir auch für Schach, quantentheoretische und  sportpsychologische Belange geeignet.


Man kann also, wenn man eine zusammenfassende und möglichst umfassende Darstellung anstrebt, auf diese – immerhin in weniger als einem Dutzend Wörtern beschreibbare – Konzeption des Menschen zurückzugreifen. Dies dürfte bislang der beste Weg sein, zwischen der verwirrenden Vielfalt der Menschenbilder und Kernaussagen einerseits und der einäugigen Auswahl eines reduzierten Menschenbildes andererseits. Dieses Menschenbild wird auch der Komplexität und Gegensätze menschlicher Persönlichkeiten gerecht.

Wird fortgesetzt

Literatur / Quellen

Hesse, H. : Der Steppenwolf, 1927 / 1974.

Munzert, R.: Schachpsychologie, 1988a /  3.Aufl. 1993.

Munzert, R.: The Grand Unification Theory – Nur ein Traum für Physiker? Diskussionspapier, vorgelegt am handlungspsychologischen Symposium in Gerolstein, 1988b.

Munzert, R.: The „SCHACH-Process-Model“ of Human Chess Playing. Paper presented at the First International Symposium on the Psychology of Skilled Chess. Helsinki, 1990.

Munzert, R.: Grand Unification Perspective of Psychology – Outlined on Sports Psychology. In Nitsch, J.R. & Seiler, R. (Eds.): Movement and Sport. Vol. 1. Sankt Augustin bei Bonn: Academica, 1993.

Munzert, R. :Kognitive und Handlungspsychologie als Basis für eine Vereinheitlichung der (Sport)Psychologie (S. 102-111). In J. R. Nitsch & H. Allmer (Hrsg.), Handeln im Sport . Köln: bps, 1996.

Munzert, R. (1998). Sport und die Vereinheitlichung der Psychologie. Neue Entwicklungen der Grand Unification Perspective of Psychology. Sportonomics, Vol. 4, No. 2, S. 97-104, 1998.

Munzert, R.: Der Steppenwolf und die moderne Psychologie (1999). Hesse-Archiv, University Santa Barbara, USA. 1999.

https://hesse.projects.gss.ucsb.edu/papers/munzert.pdf


Munzert, R.: Auf dem Weg zu einer einheitlichen Psychologie. Umfangreiches Manuskript, 2000  – 2023.unveröffentlicht.

Munzert, R.: Schach und Quantenphysik, darin einzelne Beiträge zu obigen Thema, Schach-Ticker, 2022-2023. Zum Einstieg in die Thematik eignen sich diese Beiträge:

https://www.chess-international.com/?p=62634

https://www.chess-international.com/?p=62748

Schmidt, S.: Menschenbilder der Psychologie. Diplomarbeit, Universität Erlangen-Nürnberg, 1985.

Dr. Reinhard Munzert 2023

Copyright Dr. R. Munzert 2023.