Mai 17, 2021

Viel trainieren und Spaß haben

Tatiana hat die Schachspielerin Lara Schulze, die zurzeit auf Platz 1 der deutschen Juniorinnen ist, für LizzyNet interviewt

FM (FIDE Master) Lara Schulze ist 18 Jahre jung und momentan auf Platz 7 der Weltrangliste der deutschen Frauen und Platz 1 der deutschen Juniorinnen. In einem Interview beantwortet sie mir verschiedene Fragen rund um ihr Schachleben!

Was gefällt Ihnen am Leben als professionelle Schachspielerin am meisten?
Das sind viele Dinge: Zum einen, dass ich den größten Teil meiner Zeit mit meiner Leidenschaft, dem Schachspielen verbringen kann. Daran fasziniert mich am meisten, dass es unendlich viele Kombinationen an Zügen gibt, obwohl das Spiel an sich starre Regeln hat. Man kann dabei sehr kreativ werden, Strategien und Pläne entwickeln und sich über mehrere Stunden hinweg konzentrieren. Die Schachturniere dauern meistens 5 bis 10 Tage mit 1 bis 2 Spielen pro Tag, wovon jedes Spiel 4 bis 5 Stunden dauert; so hat man gut 10 Stunden Schach am Tag! Das gefällt mir sehr.
Alles Weitere, was mit dem Schach zusammenhängt, genieße ich auch. Das Reisen zu den Turnieren zum Beispiel. Ich reise zu vielen Turnieren sowohl in Deutschland als auch im Ausland, und dort treffe ich immer viele interessante Bekannte und Freunde und lerne auch viele neue internationale Leute kennen und somit auch andere Kulturen. Das ist sehr schön.
Der Wettbewerb an sich gefällt mir natürlich auch, sowie das Trainieren, damit man Erfolg hat. Ich war schon fünf Mal Deutsche Meisterin und habe an sechs Weltmeisterschaften teilgenommen, bei denen ich mich in den letzten drei Jahren jeweils in den Top 10 platziert habe.
Für die WMs war ich schon in Südafrika, Russland (Sibirien), Griechenland, Uruguay und letztes Jahr in Indien. Das wären wahrscheinlich sonst Länder und Kulturen, die ich ohne das Schachspielen nicht alle kennengelernt hätte. Das finde ich auf jeden Fall auch ganz toll.

Wie viele Stunden Schach trainieren Sie am Tag durchschnittlich?
Zu Schulzeiten, – ich bin gerade im Abiturjahrgang – trainiere ich ungefähr drei Stunden Schach am Tag alleine (mit Büchern und am Computer) und drei Mal die Woche mit einem Trainer zusammen. An Wochenenden und in den Ferien sind es dann fast doppelt so viele Stunden, also ca. sechs Stunden täglich.
Wenn ich nicht selbst trainiere, dann gebe ich auch Training: Ich habe sechs feste Schüler, denen ich jeweils Einzeltraining gebe. So beschäftige ich mich auch nebenbei mit Schach.
In meiner restlichen Freizeit reise ich zu den Turnieren oder Bundesligaspielen und spiele auch in der Nationalmannschaft. Dadurch könnte man sagen, dass ich schachlich ganz ausgelastet bin! Ich verbringe damit definitiv sehr viel Zeit.

Wie gelingt es Ihnen, Ihre Schachkarriere mit Ihrer Schule, Freunden, Familie usw. zu vereinbaren?
Ich glaube, ich schaffe das grundsätzlich ganz gut; es ist aber auch häufig eine große Herausforderung. Wie man an meinen Antworten gerade gemerkt hat, nimmt das professionelle Schachspielen viel Zeit in Anspruch. Die Schule leidet aber keinesfalls darunter, ich habe gute Noten. Meine Freunde aus der Schule, die keine Schachspieler oder Schachspielerinnen sind, sind es mittlerweile ebenfalls gewohnt, dass ich nicht so viel Zeit habe, um mich zu treffen oder auf Geburtstagspartys zu gehen. Mit ihnen stehe ich aber über Whatsapp, Skype und Co. ständig in Kontakt, sodass wir das auch gut hinbekommen. Nichtsdestotrotz bleibt es nicht immer einfach.
Meine Schachspielerfreundinnen und -freunde treffe ich auf den Turnieren, das lässt sich gut vereinbaren und freut mich immer sehr. Hier habe ich – dank meines Sports – sehr wertvolle Freundschaften geschlossen, die auch über den schachlichen Bereich hinausgehen.
Wann immer es möglich ist, reist auch meine Familie gerne mit zu meinen Turnieren, sodass wir auch dort ein wenig Zeit miteinander verbringen können.

Sie haben in der dritten Klasse mit dem Schachspielen angefangen. Muss man Ihrer Meinung nach unbedingt mit dem Training in der Kindheit oder Jugend anfangen, um erfolgreich in diesem Sport zu werden?
Ich würde sagen, das kommt auf den Anspruch des Einzelnen an. Wenn man leistungssportlich erfolgreich sein will, um deutsche Meisterschaften zu gewinnen und auch auf internationaler Ebene Erfolge zu erzielen, denke ich, dass es auf jeden Fall hilfreich ist, in der Kindheit oder Jugend mit dem Sport zu beginnen. Dort erst als Erwachsene einzusteigen und beispielsweise eine deutsche Meisterschaft zu gewinnen, ist sehr schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Mit genügend Fleiß ist es auf jeden Fall auch machbar.
Ich finde gerade Schach ist ein Sport, den man auch als Erwachsener anfangen kann, um Erfolge auf vielen Ebenen zu erreichen. Man kann in jedem Alter beginnen, Schach zu trainieren und sich so zu steigern; das sehe ich selbst an meinen Schülern, die alle Erwachsene im Alter zwischen 19 und 45 Jahren sind. Durch regelmäßiges Training und Fleiß kann man einiges erreichen und so beispielsweise seine Wertungszahl steigern.
Ich glaube also, es ist auf jeden Fall hilfreich, aber beim Schach nicht unbedingt notwendig, um Erfolge zu erzielen. Das kann man gut in jedem Alter.

Gab es je einen Moment in Ihrem Leben, wo Sie es bereut haben, eine professionelle Schachspielerin geworden zu sein und daran dachten, aufzugeben?
Diesen Gedanken hatte ich eigentlich nie; es gibt natürlich Momente, in denen man beginnt zu zweifeln, vor allem, wenn ich trotz viel Vorbereitung und Training eine Schachpartie nach vier oder fünf Stunden durch einen einzigen Fehler dann doch noch verliere. Das kommt aber zum Glück nicht allzu häufig vor, und Zweifel oder schlechte Laune halten bei mir nicht allzu lange an! Das sind die schlimmsten Augenblicke, die dann doch sehr hart sind. Ich habe aber in der Tat niemals wirklich daran gedacht, das professionelle Schachspielen aufzugeben, und ich habe es auch niemals bereut. Dafür liebe ich das Schachspielen viel zu sehr.

Was sind die nächsten Ziele in Ihrer Karriere?
Nach meinem Abitur mache ich ein Schachjahr, also ein Jahr, in dem ich nichts anderes mache als Schach. In dieser Zeit möchte ich noch mehr Schach trainieren, zu noch mehr Turnieren reisen, ohne auf Schule oder anderes Rücksicht nehmen zu müssen. Ich möchte in diesem Jahr meine Wertungszahl weiter steigern und meinen nächsten Titel erreichen. Momentan bin ich Fidemeister (FM). Das ist in der Tat der männliche Titel, den ich erzielt habe, für den man eine höhere Leistung erreichen muss als für den weiblichen Titel und der auch mehr Anerkennung bringt. Der nächste höhere Titel ist der internationale Meister (IM). Den möchte ich in meinem Schachjahr schaffen.
Weiterhin werde ich natürlich in der Bundesliga und der Nationalmannschaft spielen. Ich möchte mich weiterhin verbessern und Spaß dran haben, aber das glaube ich, werde ich immer haben!

Bis zu welchem Alter würden Sie gerne weiterhin Schach als Leistungssport spielen?
Ich möchte so lange wie möglich Schach spielen; da kann ich schwierig ein Alter nennen. Ich denke, mit viel Training, Ehrgeiz und Fleiß werde ich das sehr lange aufrechterhalten können.

Können Sie sich in Ihrem Alter schon selbst von Ihren Erfolgen finanzieren?
In Deutschland ist es grundsätzlich sehr schwierig, sich von seinen Schacherfolgen zu finanzieren. Natürlich ist dies möglich und ich kenne auch einige, die allein vom Schach leben, aber es beinhaltet doch eine gewisse finanzielle Unsicherheit. Deswegen möchte ich nach meinem Abitur und dem anschließenden Schachjahr anfangen zu studieren, und zwar Deutsch und Geschichte auf Lehramt. Danach möchte ich als Lehrerin arbeiten und Schach nebenbei weiter als Leistungssport intensiv betreiben.
Zurzeit kann ich mich nur zum Teil selbst durch das Schachspielen finanzieren. Ich verdiene Geld als Trainerin, hinzukommen die Preisgelder von gewonnen Turnieren und einige Turnierunterstützungsgelder; manchmal werde ich auch zu Turnieren eingeladen.
Leider wird der Schachsport an sich nur wenig gefördert; wenn man es mit der Fußballsparte vergleicht, sieht man, dass die Schachförderung nur ein Bruchteil davon ist. Da sieht man erst, was alles möglich wäre. Schach ist leider nicht so populär wie Fußball und daher fließen in diesem Bereich wenige Fördergelder.
Die Reisen zu den Turnieren (die Hotelübernachtungen und die Fahrtkosten) kosten natürlich auch eine Menge Geld. Hinzu kommen noch Kosten für das Training mit meinem Privattrainer, für die zahlreichen Fachbücher und anderes Lehrmaterial. Diese Kosten decken sich nur zum Teil durch meine Einnahmen.

Würden Sie sich wünschen, dass sich mehr Mädchen und Frauen für Schach begeistern?
Ja, das würde ich mir auf jeden Fall wünschen. Die Frauenquote in diesem Sport liegt momentan bei unter 10 Prozent. Warum nur so wenige Frauen Schach spielen, verstehe ich nicht. Auf Turnieren spielen fast nur Männer mit und ganz wenige Frauen; das wird immer ein Rätsel für mich bleiben.
Ich finde, wer Spaß daran hat, sich lange zu konzentrieren, am Brett kreativ zu werden, Pläne und Strategien zu entwickeln und lange Kombinationen vorauszuberechnen, der sollte unbedingt mit dem Schachsport anfangen.

Was muss Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft und in der Schachwelt passieren, damit dort mehr Gleichberechtigung herrscht?
Ich würde sagen, dass man es als Frau tatsächlich oft schwerer hat im Schach. Man muss sich schon mehr durchsetzen, und es ist immer wieder zu beobachten, dass Männer es nicht verkraften können, wenn sie gegen mich – als Frau – verlieren. Auch als leistungsstarke Spielerin muss man mehr Kämpfergeist aufbringen, um sich durchzusetzen und die Anerkennung zu erhalten, die einem leistungsmäßig zusteht. Durch meine Erfolge, meine Titel und meinen Bekanntheitsgrad habe ich diese Probleme nun zum Glück weitestgehend hinter mir gelassen.
Aber in der Vergangenheit hatte ich schon einige unschöne Erlebnisse. Daher kann ich mir nur wünschen, dass die Leistungen von Frauen sowohl im Schachsport als auch in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft genauso anerkannt werden wie die der Männer, und dass man sich als Frau nicht noch extra behaupten muss, um die gleiche Akzeptanz oder Anerkennung zu erfahren.

Welchen Rat würden Sie anderen Mädchen und jungen Frauen geben, die eine große Schachkarriere anstreben?
Ich würde raten, immer die Begeisterung und den Spaß für das Schachspielen aufrecht zu erhalten. Man darf sich von Niederlagen oder Rückschlägen nicht unterkriegen lassen, sondern soll immer weiterkämpfen. Ansonsten fleißig sein, viel trainieren und Spaß haben!

Vielen Dank für Ihre Zeit und dieses spannende Interview. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrer Karriere!

Das Interview mit Lara Schulze wurde am 06.11.2020 von 17-17:45 per Zoom durchgeführt.

Quelle:

Mehr zu Lara Schulze

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