Lara Schulze hat ja bereits täglich und zeitnah berichtet – aus eigener, Mannschafts- und damit deutscher Sicht. Das werde ich – mit eigenen Akzenten – wiederholen und dann auch auf die anderen Gruppen kurz eingehen. Das Titelbild gebe ich Rasmus Svane, der sich am Spitzenbrett sehr achtbar präsentierte – im Gegensatz zu Dennis Wagner direkt dahinter, und generell waren die deutschen Einzelergebnisse wechselhaft. Das neueste Svane-Foto in meinem Archiv stammt von Gibraltar 2019.

Das deutsche Turnier kann man insgesamt mit drei Ms beschreiben: Minimalismus (dreimal 3,5-2,5), am Ende Hilfe der Mongolei und – das alliteriert nur auf Niederländisch – “Mazzel” (Glück): bei den knappen Siegen war durchaus weniger drin, aber kaum mehr. Generell – nicht nur was die deutsche Mannschaft betrifft – war das Live-Erlebnis Olympiade gewöhnungsbedürftig. Die chess.com Liveseite ist aus meiner Sicht unübersichtlich. Für ein Gesamtbild der jeweiligen Matches muss man auch Partien eher unbekannter Spieler(innen) verfolgen, in denen es mitunter drunter und drüber geht. Und in der Zeitnotphase (beide unter einer Minute) wird oft alles hinfällig, was zuvor passierte.

Beim Endstand der Gruppen nenne ich nur die Teams, die nahe an der Qualifikation waren. In Gruppe A (für Asien, dabei auch ein bisschen Europa und einmal Afrika) waren das nur vier: Indien 17, China 16, Deutschland 11, Iran 9, usw. . Diese Gruppe betrachte ich zunächst durch die deutsche Brille, Tag für Tag:

Tag 1:

Deutschland-Indonesien 3,5-2,5: Wenn man das Match auf eine Partie reduziert, war Lara Schulzes Sieg gegen Irine Kharisma Sukandar entscheidend. Die Phase mit beiderseits weniger als einer Minute etwa ab dem 25. Zug verlief zunächst klar zugunsten von Indonesien, aber dann hat Sukandar einzügig über 1000 Bauern eingestellt (sagt Stockfish) – in klarer Gewinnstellung übersah sie ein Grundreihenmatt.

Iran-Deutschland 2,5-3,5: Dieser Sieg gegen den (auf dem Papier und im Turnierverlauf) größten Konkurrenten um Platz 3 [China und Indien waren ja außer Reichweite] entstand dadurch, dass Tabatabaei gegen Dennis Wagner Dauerschach verschmähte und direkt in einer Verluststellung landete – zu diesem Zeitpunkt hatten beide noch etwa 15 Sekunden auf der Uhr. Zuvor hatte Wagner meistens Oberwasser, einen halben Zug lang stand er allerdings auch mal klar schlechter. Wichtig war natürlich auch der Schwarzsieg von Svane im Endspiel gegen Maghsoodloo.

Deutschland-Mongolei 4,5-1,5: der einzige klare deutsche Sieg, abgesehen vom späteren “Freilos” – ausgerechnet gegen die Mongolei, die am Ende Schützenhilfe leistete.

Damit am ersten Tag sechs Mannschaftspunkte. Mehr geht nicht, weniger (z.B. drei) war möglich.

Tag 2:

Georgien-Deutschland 3-3: Turbulentes Match ohne Remisen. Mehr drin für Deutschland war am ehesten an Brett 2, aber Dennis Wagner verkombinierte sich nach erfolgreicher Eröffnung spektakulär: 14.Sxe5?? war schlicht und ergreifend ein “genialer” Figureneinsteller, der Reparaturversuch 16.Lg4 machte es nur noch schlimmer. Das Ganze ohne Zeitnot: vier von zuvor gut 6 1/2 Minuten für 14.Sxe5, zwei weitere für 16.Lg4. Besser machte es u.a. Svane am Spitzenbrett gegen Jobava – wie er am Ende die “unparierbare Drohung” Dg7# doch parieren konnte, das ist eventuell auch Material für Jugendtraining (auch durch diese Brille betrachte ich ja Turniere).

Deutschland-Vietnam 3,5-2,5: Wieder war Lara Schulze beteiligt. Erst spät war ich bei der Liveübertragung dabei und wunderte mich, warum ihre Gegnerin mit zwei Minusfiguren weiterspielt. Danach schaute ich mir die gesamte Partie an – die Vietnamesin trauerte wohl ihrer klar besseren bis gewonnenen Stellung zuvor hinterher. Vor 34.Sb4??, wodurch die Partie komplett kippte, hatte sie immerhin noch eine Minute auf der Uhr. Das war aber noch nicht alles: auch Annmarie Mütsch konnte eine total verlorene Stellung noch gewinnen. Da vergab die Vietnamesin ihren Vorteil in der Sekundenphase eher nach und nach, Mütsch entwischte mit Dauerschach und hatte dann – nachdem die Gegnerin das falscheste Feld für ihren König wählte – gar mehr als Dauerschach, nämlich Matt. Eigentlich sind mir die Namen der Vietnamesinnen zu kompliziert, aber da sie so nett zu Team Deutschland waren: Thi Bao Tram Hoang gegen Schulze, Ngoc Thuy Duong Bach gegen Mütsch.

Deutschland-China 1,5-4,5 war wohl einkalkuliert, quasi ein Unentschieden – drei Remisen und drei Niederlagen. Nur Annmarie Mütsch war dabei gegen Zhu Jiner chancenlos. Dennis Wagner hatte gegen Wei Yi in einem komplizierten Endspiel das Nachsehen, Roven Vogel verlor in einem taktischen Gemetzel gegen Liu Yan die Übersicht.

Danach konnte man bereits den Rechenschieber bemühen: Zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland drei Punkte Vorsprung auf Iran bei eigenem Restprogramm Simbabwe, Indien und Usbekistan. Simbabwe bezeichne ich als Freilos, nur aus geopolitischen Gründen durften insgesamt fünf afrikanische Teams in den Topgruppen mitspielen. Simbabwe war wohl das schlechteste von allen, trotzdem oder deswegen hatten sie am Ende drei Helden: Linda Shaba (1642), Farai Hamandishe (1743) und Christine Makwena (1545) erzielten jeweils ein Remis – das war die Teamausbeute aus 54 Partien. Gegen Indien musste Deutschland mit einer Niederlage rechnen. Da Iran drei im Prinzip lösbare Aufgaben hatte und mehr Brettpunkte, brauchte Deutschland aus dem letzten Match gegen Usbekistan im Prinzip noch mindestens einen Mannschaftspunkt. Auch für Usbekistan, nach Tag zwei vier Punkte hinter Deutschland, konnte es noch ein Endspiel um Platz drei werden.

Tag 3: Der Sieg gegen Simbabwe war eingeplant, auch 6-0 keine Überraschung. Die Niederlage gegen Indien (wieder drei Remisen und drei Verlustpartien) war auch eingeplant. Das 1,5-4,5 gegen Usbekistan war nicht eingeplant – wobei es für die Usbeken (zuovr zwei Niederlagen gegen Mongolei und Georgien) um nichts mehr ging. Aber dann kam das Wunder des Internets: Iran-Mongolei 2,5-3,5 !!? – danke Mongolei oder vielleicht eher danke Iran. Die Deppen aus iranischer Sicht waren zum einen (wieder) Tabatabaei, der viel zu wild auf Angriff spielte und ausgekontert wurde, zum anderen am Juniorinnenbrett Anahita Zahedifar (einer von vielen unbekannten Namen), die in guter Stellung eine Figur einstellte.

Ende gut alles gut für Team Deutschland. Wenn dieser Bericht als zu kritisch-negativ empfunden wird: Ich schreibe immer Klartext, d.h. das was ich denke. Umgekehrt hatte ich in der Vergangenheit ja auch mal schlechte Ergebnisse, die sonst in Bausch und Bogen verdammt wurden, relativiert.

Noch die Einzelergebnisse: Rasmus Svane 5/8 (sein Anfangstempo konnte er nicht durchhalten: vier Siege, dann zwei Remisen, dann zwei Niederlagen), Dennis Wagner 1,5/6, Tatjana Melamed 2,5/7, Roven Vogel 6/9, Annmarie Mütsch 3,5/6, Daniel Fridman 2/2, Matthias Bluebaum 1,5/2 (beide spielten nur am dritten Tag, d.h. nach dem German Masters), Lara Schulze 5/9, Filiz Osmanodja 0/2, Jana Schneider 1,5/3.

Zu Gruppe A sonst nur noch, dass China und Indien erwartungsgemäß dominierten. Indien patzte zwar beim 3-3 gegen die Mongolei (die schon wieder) aber gewann das direkte Duell in der Schlussrunde und sicherte sich damit den Gruppensieg. So haben sie nun etwas länger Pause, da die Gruppensieger erst in der zweiten KO-Runde einsteigen.

In den anderen Gruppen war es teilweise spannender, mehr Teams hatten Chancen auf top3 und Brettpunkte wurden teilweise relevant:

Gruppe B Aserbaidschan 14(37), Ungarn 14(32), Ukraine 13(35,5), Kasachstan 13(34), Spanien 13(33,5), usw. Nicht im Qualirennen waren die Niederlande, die ein schlechtes Turnier erwischten, und Frankreich, das (abgesehen von Marie Sebag am dritten Tag) nur mit der dritten oder vierten Garnitur antrat. Aserbaidschan hat das Brettpunktpolster gegenüber Ungarn vor allem dem 5-1 im direkten Duell zu verdanken. Die Ukraine “stand bereits als Gruppensieger fest” aber verlor in der letzten Runde gegen Kasachstan – nicht hoch genug, um auch noch Platz 3 zu verlieren. Ein halber Brettpunkt mehr und ein halber weniger für den Gegner hätte Kasachstan auch nicht gereicht. Somit war es nicht turnierrelevant, dass Nataliya Buksa (Ukraine) und Gulmira Dauletova (Kasachstan) ein Tablebase-Turmendspiel beide unsauber behandelten – nach mehrfachem Hin und Her dann Remis statt Sieg für Kasachstan. Angefangen hatte es mit wohl einem Mouseslip: 63.-Tb3? (63.-Ta3!) 64.Ke4+? (premove? 64.Kc4+ mit Turmgewinn, wobei Schwarz dann immerhin noch Remis halten kann).

Gruppe C Russland 18, Bulgarien 13, Armenien 12(37,5), Rumänien 12(33), Kroatien 11, England 10, usw. Russland dominierte total, nur gegen Armenien und Kroatien war es knapp (jeweils 3,5-2,5). Dahinter war es bis zum Schluss spannend, auch England hatte vor der abschliessenden 1-5 Klatsche gegen Bulgarien noch Chancen auf mindestens Platz 3. Für die Engländer war es dabei die dritte herbe Klatsche – zuvor auch 1-5 gegen Russland und gegen Kroatien.

Gruppe D USA 15(39,5), Griechenland 15(32), Polen 13, Peru 12, Italien 10, usw. Die USA schienen ähnlich wie Russland zu dominieren, am dritten Tag war dann 2,5-3,5 gegen Polen eine kleine und 3-3 gegen Peru eine große Überraschung. Polen brauchte diesen Sieg, da sie zuvor mehrfach schwächelten (2,5-3,5 gegen Griechenland und Italien, 3-3 gegen Brasilien). Gut so, dass die USA am Ende nicht völlig dominierten (so sehe ich es) – sonst würden sie und ihre Freunde von chess.com noch arroganter. Sie hatten dabei eine relativ leichte Gruppe: auf ihrem Doppelkontinent haben sie keine Konkurrenz, dazu kamen bis auf Polen auch keine starken europäischen Teams. Generell waren die (geographischen) Gruppen vielleicht nicht gleichwertig besetzt – davon profitierte vielleicht auch Deutschland: zwar war nur Platz 3 realistisch, aber dafür war Iran der einzige Konkurrent.

Weiter geht es nun mit diesen KO-Paarungen:

China-Ukraine (Sieger trifft dann auf die USA)

Ungarn-Deutschland (Sieger trifft dann auf Russland)

Bulgarien-Polen (Sieger dann gegen Aserbaidschan)

Griechenland-Armenien (Sieger dann gegen Indien)

Print Friendly, PDF & Email