November 28, 2020

Caruana, Anton Guijarro und Roven Vogel

Zum Teil wiederhole ich mich (siehe Bericht nach acht von dreizehn bzw. drei von neun Runden), zum Teil sind es andere Namen: Firouzja wird nicht mehr im Titel erwähnt, Anton Guijarro übernahm erst danach die Führung bei den Challengers und behielt sie bis zum Schluss – wie die Turniersiege jeweils zustande kamen, siehe später im Bericht.

Erst der Endstand in allen Turnieren. Masters: Caruana 10/13, Carlsen 8, So 7.5, Jorden van Foreest und Dubov 7, Anand, Duda, Firouzja, Giri 6.5, Xiong und Artemiev 6, Vitiugov 5, Yu Yangyi 4.5, Kovalev 4. Sieben Siege für Caruana – nicht ganz vergleichbar mit seinem Auftritt einmal beim Sinquefield Cup: damals gegen noch stärkere Gegner und in Serie. In Wijk aan Zee hat es Seltenheitswert – jedenfalls in der A-Gruppe und wenn man ungeschlagen bleibt. 10/13 erzielten zuvor Beliavsky und Korchnoi anno 1984, Kasparov 1999 (verfolgt von Anand mit 9.5/13) und Carlsen 2013. Wie gesagt, in anderen Gruppen kam es öfters vor, z.B. hatte Caruana schon einmal 10/13 in Wijk aan Zee – 2008 in der damals noch existierenden C-Gruppe.

Nur drei Gegner waren lieb zu Carlsen, das reichte bei weitem nicht für den Turniersieg. Bei Firouzja hatte ich im letzten Bericht erwähnt, dass der Dreierpack Carlsen-Caruana-Anand noch auf ihn wartete – es stellte sich heraus, dass Jorden van Foreest besser ist als der Fidestaner (jedenfalls in diesen drei Runden und damit auch im Turnier insgesamt). Wesley So gewann zweimal aus Versehen und spielte ansonsten Remis.

Der übliche Hinweis, dass Alina l’Ami für mich (und andere) fotografiert hat – Quelle ab Turnierseite auf Facebook. Endstand bei den Challengers: Anton Guijarro 8.5/13, Abdusattorov, Eljanov, l’Ami 8, Ganguly 7.5, Keymer und Nihal Sarin 7, Grandelius und Lucas van Foreest 6.5, Smeets und Mamedov 6, Warmerdam und Smirnov 4.5, Saduakassova 3. Für B-Gruppen Verhältnisse ein relativ mässiger Siegerscore – oft hatte der Erste 9/13 oder mehr. Es lag daran, dass es bis zum Ende spannend war, oder deshalb war es bis zum Ende spannend (vor der letzten Runde hatten noch vier Spieler Chancen auf Platz eins, zumindest geteilt) – Tiebreak hätte den Spanier begünstigt, das brauchte er dann nicht.

Endstand im Toptienkamp der Amateure: Vogel und Zwirs 7/9, Beerdsen 6, Suleymanli 5.5, Pijpers 4.5, van Dael und Akash 4, Beukema 3, de Boer 2.5, Slingerland 1.5. Die Namen muss man vielleicht nicht unbedingt kennen (ich kenne einige), bis auf FM de Boer und FM van Dael haben alle immerhin den IM-Titel. Tiebreak zugunsten von Roven Vogel, u.a. oder vor allem aufgrund des Ergebnisses der Schlussrunde.

Aber nun zunächst zu den Masters:

Es fällt in den Zeitraum des letzten Berichts, aber Caruana kann sich bei Anand bedanken: ab dem Sieg aus Verluststellung gegen den Inder lief alles für den Italo-Amerikaner, bzw. fast alles – nach dem Ruhetag zunächst ein geräuschloses Remis gegen Vitiugov, aber danach vier Siege. Der letzte gegen Artemiev war Zugabe, Caruana stand bereits als Turniersieger fest. Wieder mal der Buchstabe V: Vishy passt in die Reihe van Wely (mehrfach für Carlsen) – van Foreest (letztes Jahr für Carlsen, nun nicht) – Vitiugov (nun Anschieber für Carlsen, aber der Norweger bekam dann doch nicht genug Schwung).

Runde für Runde im Schnelldurchlauf:

Runde 9 Firouzja-Carlsen 0-1, dazu (wie bei mir üblich) ein Gedankenexperiment: Was würde man dazu schreiben, wenn es z.B. Karjakin-Svidler wäre, also ohne Beteiligung eines Medienlieblings? Dann wäre vielleicht Klartext angesagt: Weiß hat die Eröffnung viel zu zögerlich behandelt, Schwarz musste nur normale Züge machen und bekam schnell Oberwasser. 4.d3 und dann 12.d4 war noch gängig, 13.a3 und 16.a4, was war das denn? Dann kam noch (Weiß stand bereits schlecht) 18.Ta2 und 26.Taa1, 29.-31. Se3-f1-e3-f1 und dann die Lockerungsübung 32.g3, die Carlsens Aufgabe erleichterte.

Wollte Firouzja Carlsen im Ähm äh Schach übertreffen? Dann hat er nicht beachtet, dass der Norweger das viel besser beherrscht. Der bereits erwähnte Svidler verwendete ein halbes Video darauf, wie Weiß die Eröffnung normalerweise behandelt. Ein kleiner Trick reichte, um Firouzja völlig aus dem Konzept zu bringen: 5.-a6 statt 3.-a6, so wurde aus einem anti-Berliner ein d3-Spanier.

Da allerdings ein Medienliebling beteiligt war, war es eine Modellpartie (objektiv allenfalls im Sinne von, wie Weiß NICHT spielen sollte) und masterclass. Carlsen lobt man eben, seine Gegner kritisiert man nicht – den neuesten Medienliebling Firouzja schon gar nicht.

Caruana wie gesagt Remis gegen Vitiugov, andere Partien der A-Gruppe ebenfalls Remis.

Noch ein Foto kurz nach Rundenbeginn: Für Jogging ist in Wijk aan Zee wenig Zeit, angesichts des frühen Rundenbeginns um 13:30, der relativ langsamen Bedenkzeit und dem Termin im Januar – nach der Runde ist es oft bereits dunkel. Dann eben während der Runde: Kovalev wird von Dubov verfolgt, Giri ist in die andere Richtung unterwegs. Die Weißspieler dagegen alle am Brett, einige Fotografen betreiben Gymnastik.

Runde 10: Carlsen gewann gegen Kovalev, nach eigener Aussage war es einfach. Fünf andere Spieler schafften das ebenfalls, manchmal wurde es auch Remis und Xiong vergeigte eine Gewinnstellung gegen den Qualifikanten aus Weissrussland zum Verlust.

Firouzja spielte gegen Caruana wieder dynamisch – Königsindisch, dann ein seltenes Abspiel und später ein Figurenopfer für diverse Bauern. Mit Mehrfigur gewann Caruana, mit Minusfigur hatte er zuvor gegen Jorden van Foreest Remis gespielt. Klingt logisch, aber jeweils war die Stellung unklar – gegen JvF stand Caruana zunächst klar besser und war später eher erfreut, dass der Gegner mit Remis einverstanden war.

Zu den letzten drei Runden: Caruana gewann weiterhin, Carlsen nicht mehr.

Dazu passt dieses Foto: Caruana vorne, Carlsen unscharf im Hintergrund.

Carlsen schaut dann, was Kovalev gegen Caruana macht – verlieren, was denn sonst?

Selbst konnte er JK Duda nicht bezwingen, Caruanas Vorsprung wuchs.

War da noch was in dieser Runde?

Ja, Firouzja hatte (mit f3 gegen Nimzo-Indisch) auch gegen Anand das Nachsehen. Und schon hatte er 50%, dabei blieb es bis zum Turnierende. Dass es mal deutlich mehr war, lag auch an der Reihenfolge seiner Gegner.

Runde 12 vorne unter demselben Motto:

Caruana gewann (nach und nach) gegen JK Duda. Carlsen hatte gegen Artemiev ein minimal besseres Endspiel – das machte er wohl absichtlich, und das wurde remis. Nun stand Caruana bereits als Turniersieger fest.

Was ist hier denn (noch) los? Giri zeigte gegen Xiong Kampfgeist im Sinne der Damen-WM: ein nur leicht besseres Endspiel endlos weiterspielen. Das wurde dann nach hundertsieben Zügen remis, dank der 50 Züge Regel.

Runde 13 – noch zwei Entscheidungen bei den Masters:

Das Duell um Platz zwei So-Carlsen fand nicht wirklich statt – Remis. Vor der Partie hatten beide Spieler 100 Minuten auf der Uhr, am Ende – dank Inkrement und 50 Minuten Bonus ab dem 40. Zug – über zwei Stunden. Der aufregendste Moment lange zuvor: 18.-Te8 (Mattdrohung!) 19.h4 (Attacke!! oder vielleicht Verteidigung gegen ein Grundreihenmatt?).

Das Duell um den besten Niederländer fand statt und wurde dann auch remis – Sieger somit Jorden van Foreest. Dafür – und für ein insgesamt gelungenes Turnier – wird er noch individuell fotografiert:

Wie bereits erwähnt: Caruana gewann auch noch mit Schwarz gegen Artemiev.

Giri zeige ich nicht individuell, aber zweimal mit anderen:

Hier steht er im Mittelpunkt, umrahmt von seinem Fanclub.

Hier beim Smalltalk auf der Bühne. Wie sehen Sieger aus? So nicht, von rechts nach links: Tom Bottema hat seit Jahren andere Aufgaben in Wijk aan Zee. Giri konnte diesmal nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Erwin l’Ami konnte diesmal im Kampf um den Turniersieg mitmischen, aber es reichte am Ende nicht. Und wer ist der Herr links? Nico Zwirs betritt schon einmal die Bühne – er hatte gute Chancen auf den Turniersieg in der höchsten Amateurgruppe und dann doch das Nachsehen gegen Roven Vogel.

Nun zu den Challengers:

Sieg für David Anton Guijarro – der Verzicht auf Gibraltar hat sich gelohnt. Vorübergehend erreichte er auch zwei andere Dinge: Live-Elo über 2700 und Nummer eins in Spanien, beides aktuell nicht mehr der Fall.

Er gewann ab Runde 8 viermal nacheinander, darunter gegen Pavel Eljanov und hier gegen den anderen Anton im Turnier – Anton Smirnov aus dem fernen Australien, der eine Zugwiederholung ausschlug und dann in einem verlorenen Bauernendspiel landete. Danach hatte er einen vollen Punkt Vorsprung auf die Verfolger und in der nächsten Runde Weiß gegen Elo-Außenseiter (zusammen mit einigen anderen) Max Warmerdam. War die Quali bereits in trockenen Tüchern? Nein, Warmerdam (zuvor bescheidene 2.5/11) gewann!

Dank teils passender Ergebnisse an anderen Tischen behielt der Spanier einen halben Punkt Vorsprung und die bessere Wertung. Potentielle Dramatik in der Schlussrunde war relativ schnell hinfällig:

Lucas van Foreest ist zwar ein potentiell gefährlicher Gegner, und die von Anton Guijarro gewählte Kalashnikov-Variante im Sizilianer nicht unbedingt remislich, aber es wurde Remis. Damit waren die Ergebnisse seiner Konkurrenten irrelevant:

Bei Eljanov-l’Ami hatten beide Gewinnchancen: erst Weiß nachdem der Gegner in der Eröffnung etwas durcheinander brachte, dann Schwarz nachdem Weiß die Qual der Wahl aus diversen verlockenden Fortsetzungen hatte und sich falsch entschied. Und dann wurde es remis.

Da ich Pavel Eljanov bereits individuell hatte und da Erwin l’Ami auf dem Foto zuvor kein Auge für die (ihm doch gut bekannte) Fotografin hatte, zeige ich ihn noch individuell.

Nodirbek Abdusattorov hatte eine vermeintlich leichte Aufgabe, und schien gegen Saduakassova auch auf der Siegerstraße, aber dann wurde es doch remis. Das schaffte die Kasachin auch gegen bekannte Namen wie Mamedov, Anton Guijarro, Smeets, Eljanov und (nicht so bekannt) Warmerdam, den Rest verlor sie und landete damit – üblich für Damen in Wijk aan Zee – am Tabellenende.

Kurz zu Vincent Keymer: Nach mühsamem Start berappelte er sich und erzielte beachtliche 7/9. Das beste kam zum Schluss: Schwarzsieg gegen Nils Grandelius, der in einem remislichen Endspiel plötzlich die Übersicht verlor. Damit war Keymer am Ende gleichauf mit Nihal Sarin und besser als u.a. Grandelius und Mamedov. Ein anderer deutscher Spieler brauchte weniger Partien für sieben Punkte, aber erst noch ein paar Fotos:

Im Presse/Analyseraum: Carlsen lauscht vielleicht beim norwegischen Fernsehen – “Ave Carlsen Halleluja, Magnus wir lieben dich immer noch!”. Keine Ahnung, was Tom Bottema macht. Andere analysieren – Saduakassova würde man auch dann von hinten erkennen, wenn sie nicht die einzige Dame im Turnier wäre.

Amateure von oben. Der Herr vorne interessiert sich vielleicht brennend für Partien der Gruppe 6F, im Turniersaal sieht man (ich spreche aus eigener Erfahrung) nur Stellungen nahe am Gang.

Höheres Eloniveau

Gemischtes Eloniveau unter den Zuschauern

Andere Atmosphäre: hier kann man reden statt allenfalls zu flüstern, hier sind auch alkoholische Getränke erlaubt.

Und nun das höchste Eloniveau abseits der Bühne,

das ein Kibitz noch etwas anhebt.

Nicht Nico Zwirs, sondern Roven Vogel darf nächstes Jahr die Bühne betreten und bekommt auch einen Stuhl. Aus 3/3 wurde für ihn 3/4 – ausgerechnet gegen den eloschwächsten Siem van Dael. Aber der konnte ihn mit einem seltenen Zug im Sizilianer überraschen und letztendlich bezwingen. Im weiteren Verlauf gab Vogel zwei Remisen ab, während Nico Zwirs fast alles gewann und damit vor der letzten Runde einen vollen Punkt mehr hatte.

Dann das direkte Duell, das aus deutscher Sicht nicht allzu vielverprechend begann: mit Weiß stand er eher schlechter als besser, daraus wurde ein Doppelspringerendspiel, das ich bereits als Remis abgehakt hatte. Aber irgendwie bekam Roven Vogel Oberwasser – Spiel, Satz und Turniersieg! Wohl sein grösster Erfolg seit dem WM-Titel U16 im Herbst 2015.

Wie geht es weiter? Am Horizont das Kandidatenturnier, in dem Giri nun vielleicht Favorit ist – schliesslich hat der Sieger des Kandidatenturniers in Wijk aan Zee nie gut abgeschnitten, demnach nun schlechte Karten für Caruana. Aktuell läuft Gibraltar.

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