Oktober 4, 2022

Laras Blog: Frauen-Europameisterschaft 2022 – Ungeschlagen!

Die Frauen-Europameisterschaft ist vorbei und ich habe es geschafft, das Turnier komplett verlustfrei zu beenden. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Ergebnis: 6,5/10, Platz 32 mit einer Runde weniger als der Rest (ihr erinnert euch, die erste Runde musste ich leider wegen der Überschneidung mit der Deutschen Meisterschaft ausfallen lassen) und keine Verlustpartie.
Europameisterin wurde die Polin Monika Socko, auf Platz 2 und 3 landeten die Azerbaijanerinnen Gunay Mammadzada und Ulviyya Fataliyeva.
 
 
 
 
 
 
Ich habe mir vermutlich auch witzigerweise bei diesem Turnier den Titel der „Remiskönigin“ eingehandelt, da ich insgesamt 7 Mal Remis spielte und davon sogar 6 Mal in Folge. Allerdings waren meine gesamten Remis-Partien wie immer kämpferisch und mit Chancen beider Seiten. Trotzdem konnte ich mich immer aus schlechteren Stellungen zum Remisufer retten oder schaffte es nicht, meine bessere Stellung zu verwandeln. Also kamen für mich ungewöhnlich viele Remisen dabei heraus. In der letzten Runde konnte ich aber den Remisfluch kurz vor Schluss noch durchbrechen und einen ganzen Punkt einfahren, sodass ich mit 7 Remisen und 3 Siegen 6,5 Punkte aus 10 Partien erreichte.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Aber wie immer gehe ich chronologisch vor:
 
Nach dem freien Tag spielte ich gegen Aleksandra Lach aus Polen. Unser scharfer Rauzer-Sizilianer lichtete sich in der Zeitnotphase zu einem Endspiel, in dem ich glaubte aufgrund meines starken e-Freibauern völlig auf Gewinn stehen zu müssen. Um so mehr ärgerte es mich während der Partie, dass ich diesen in Zeitnot einstellte und plötzlich ein Leichtfigurendspiel vorfand, in dem ich keinesfalls noch besser stehen konnte und deshalb ein Remis ein gutes Ergebnis für mich war. Die Engine verriet mir nach der Partie, dass meine Stellungseinschätzung in der Partie mindestens stark verbesserungswürdig war. Ich stand zwar besser durch den e-Freibauern, aber von „völlig gewonnen“ war die Stellung noch weit entfernt.
Umso glücklicher war ich mit dem Remis, denn in der Endstellung gab es tatsächlich einen Weg wie meine Gegnerin einen sehr gefährlichen entfernten Freibauern kreieren konnte: c4 nebst Kc2 wäre unangenehm für mich geworden.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Als nächstes spielte ich gegen Tereza Rodsthein aus Tschechien. Ich wählte eine scharfe Italienisch-Variante mit Lg5. Es entwickelte sich eine Stellung in dynamischem Ausgleich. Durch einen komischen Königszug ihrerseits konnte ich jedoch einige unangenehme Drohungen aufstellen. Meine Gegnerin tauschte daher unter schlechten Konditionen für sie die Damen und ich konnte in ein Endspiel mit Mehrbauer abwickeln. Leider machte ich ihr dann aber die Verteidigung nicht allzu schwierig und konnte ihre schwarzfeldrige Blockade mit meinem weißfeldrigen Läufer nicht mehr durchbrechen. Also wieder Remis.
 
In Runde 9 spielte ich gegen die Italienerin Tea Gueci. Sie spielte ein interessantes Bauernopfer in einer Rossolimo-Variante, dass zu einer sehr ungewöhnlichen Bauernstruktur führte. Die Stellung verflachte aber danach relativ schnell, da Weiß Zeit benötigte meinen Mehrbauern zurückzubekommen und ich in der Zeit meine Entwicklung beenden und mit d5 im Zentrum spielen konnte. Ein solides Remis mit Schwarz.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
In Runde 10 gegen die Spanierin Monica Calzetta Ruiz verhädderte ich mich in der Vorbereitung ein wenig mit den Zugreihenfolgen und beschloss deswegen kurzfristig einfach eine Nebenvariante zu spielen, mit dem Gedanken „Ach, diese Zugreihenfolge wird sie eh nicht spielen“… Aber wie sollte es anders kommen, spielte sie dann natürlich genau diese Zugreihenfolge und ich musste mit Weiß schon nach wenigen Zügen ums Remis kämpfen. Eröffnungstheoretisch lief es in der Partie also nicht so rund. Zum Glück gelang es mir aber mit einigen genauen Verteidigungszügen auszugleichen und das Remis einzutüten.
 
In der letzten Runde traf ich mit meiner Vorbereitung gegen Marina Gajcin aus Serbien genau ins Schwarze. Hier hätte es eröffnungstheoretisch nicht besser laufen können, da ich noch lange in meiner Vorbereitung war, während meine Gegnerin schon etwa eine Dreiviertel-Stunde investieren musste. Danach gelang es mir ihre Ungenauigkeit konsequent auszunutzen und die Europameisterschaft mit einer Gewinnpartie abzuschließen.
Hier konnte ich mittels Tc1+ Kf2 und Sd5 mich auf ihren eingesperrten Läufer auf b1 stürzen, der nach Sc3 nicht mehr zu retten war.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Das Kuriose war, dass ich durch meine Remis-Serie ab Runde 5 bis zum Schluss immer an Brett 23 oder 24 spielte, dort gehörte ich praktisch schon mit zur Einrichtung.
 
Den letzten Abend nutzte ich um mir noch etwas Prag bei Nacht anzuschauen. Eine wirklich tolle Stadt!
Spielort und Unterkunft war das 5* Hotel Don Giovanni, das sehr gute Spielbedingungen bot und sogar jeden Tag Live-Klaviermusik in der Hotellobby hatte. Der einzige Nachteil dieses Hotels war, dass es etwas außerhalb vom Stadtzentrum lag und ich es daher vormittags vor einer Partie nicht in die City von Prag schaffte. Dazu verbrauchte meine Vorbereitung einen zu großen Teil des Vormittags. Trotzdem schnappte ich mir jeden Tag einen E-Scooter und fuhr zum nächstgelegenen Shoppingcenter, um zwischendurch auch mal abzuschalten von der Vorbereitung.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wir deutschen Spielerinnen: Neben mir Josefine, Fiona, Luisa und Svenja (auf dem Bild fehlt Sarah)
 
 
Die Frauen-Europameisterschaft ist immer ein tolles Event, durch das man viele Spielerinnen und Orte kennenlernt. Ich bin immer glücklich, bei einer solchen Meisterschaft mitzumachen und freue mich jetzt schon auf die nächste Frauen-Europameisterschaft, die im März in Budva, Montenegro stattfinden wird.
 
Wie schon in meinem letzten Blogeintrag berichtet, war mein Bruder Lukas gleichzeitig auch auf einer Europameisterschaft: Die Mathe-Olympiaden-Europameisterschaft in Bern in der Schweiz. Er bekam dort einen Anerkennungspreis für eine besonders gute Lösung einer Aufgabe. An einer Medaille schrammte er denkbar knapp vorbei.
Eine tolle Leistung von meinem Bruder!
 
Mein nächstes Turnier ist ein weiteres Normen-Turnier in London: Ein IM-Turnier, das im gleichen Spielsaal stattfindet wie meine letzten beiden London-Turniere auch. Ich freue mich schon darauf, nächste Woche wieder nach London zu fliegen.
Danach folgt die Deutsche Frauen-Schnellschach-Meisterschaft in Göttingen, bei der ich versuchen werde, meinen Titel zu verteidigen.
 
Bis bald,
 
eure Lara
 
 
Foto 2 und 3 von S. Žiger
 
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