Zwei Kurzsiege von Kramnik

Jahrelang galt Vladimir Kramnik in erster Linie als positioneller Filigranschachspieler. Nicht umsonst erlangte zu Beginn des Jahrhunderts die mehrteilige Buchreihe „1.Sf3 according to Kramnik“ Bibelstatus unter Schachspielern. Die darin anhand von Kramniks Partien vorgestellten Eröffnungssysteme waren in der Mehrheit darauf ausgerichtet, den Gegner nach und nach zu überspielen, anstatt ihn mit Gewalt vom Tisch zu fegen.

Kramnik kann (bzw. konnte) auch anders. Sogar mit Schwarz. Bevor wir in einer Reihe von Artikeln die Karriere des unlängst zurückgetretenen „Big Vlad“ Revue passieren lassen, schauen wir uns heute zwei schnelle Schwarzsiege des Exweltmeisters an. Einen davon gar mit der „Berliner Mauer“, an der einst Kasparow zerschellte, und die Kramnik noch 2018 beim Kandidatenturnier mit Hilfe seines Gegners als Angriffwaffe interpretierte. Diese Partie gegen Levon Aronian wurde sofort zu einem modernen Klassiker.

Der andere davon geschah 2012 in Dortmund, als Kramnik mit Schwarz gegen den als solide und eröffnugstheoretisch beschlagen bekannten Jan Gustafsson Gewinnchancen suchte – und dafür die Königsindische Verteidigung aufs Brett brachte. Die pflegte er eigentlich mit den weißen Steinen in schöner Regelmäßigkeit zu zerlegen. In Dortmund zeigte er, ass er sie auch als Schwarzwaffe benutzen kann, um den Weißen zu zerlegen:

Der Bajonettangriff gegen Königsindisch war Kramniks Markenzeichen – und ein Grund für manchen Schwarzspieler, Königsindisch gegen Kramnik nicht zu spielen. Als Jan Gustafsson 2012 in Dortmund von Kramnik Königsindisch vorgesetzt bekam, entschied er sich, Kramnik nicht mit dessen Waffe zu bekämpfen, sondern blieb seinen Varianten treu. Viel geholfen hat das nicht, im Gegenteil. Kramnik gelang ein glänzender Kurzsieg.

Aronian, Levon (2794) – Kramnik, Vladimir (2800)
Kandidatenturnier Berlin 2018, Berliner Verteidigung

1. e4

Eigentlich nicht Aronians Zug, aber zum Kandidatenturnier hatte er nach und nach auf 1.e4 umgestellt. Hätte er gewusst, was ihn in dieser Partie erwartet, Aronian wäre wahrscheinlich bewährten Rezepten gefolgt, anstatt etwas Neues anzumischen.

1… e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6

Berlin, Berlin.

4. d3 Bc5 5. Bxc6 dxc6

6. O-O

Jetzt droht 7.Sxe5.

(6. Nbd2 ist der flexiblere und geläufigere Zug, der dem Weißen die Option lange Rochade erhält.)

6… Qe7 

„Schwarz will erst …Lg4 spielen, nachdem Weiß Sbd2 gezogen hat.“ (Kramnik)

7. h3

„7. h3 habe ich lange als unangenehm empfunden und deswegen viel Zeit investiert, um diese Stellung zu analysieren. Leicht war das nicht, aber es hat sich gelohnt. Schließlich habe ich einen sehr starken Weg für Schwarz gefunden, die Partie fortzusetzen.“ (Kramnik) Allerdings war zum Zeitpunkt der Partie nicht unbekannt, was Kramnik in Heimarbeit ausgetüftelt hatte. Im Fernschach war 7…Tg8 bereits gespielt worden – mit exzellenten Ergebnissen für Schwarz. Und letztlich bedarf es ja nicht einmal eines Weltklassegroßmeisters um zu wissen, dass Rochade plus h2-h3 in derartigen e4/e5-Stellungen oft nicht empfehlenswert ist, so lange der Gegner seinerseits noch nicht kurz rochiert hat. Warum das so ist, zeigt Kramnik jetzt.

7… Rg8!

„g7-g5-g4 ist eine starke Drohung.“ (Kramnik). Ausgerechnet der Bauer auf h3, der ja eigentlich das schwarze Spiel eindämmen sollte, dient dem Schwarzen nun als Angriffsmarke, die seine Idee so gefährlich macht. Weiß balanciert im höheren Sinne schon am Abgrund. Er muss das Spiel im Zentrum öffnen, um nicht der kommenden schwarzen Attacke am Königsflügel wehrlos gegenüberzustehen, aber das fällt ihm enorm schwer.

8. Kh1

Kostet Zeit, aber Weiß kann auf diesen Zug nicht verzichten. Mit dem König auf der g-Linie ergeben sich für Schwarz taktische Motive, wie die folgenden weißen Versuche zeigen:

(8. c3 Will sofort das Zentrum knacken. 8… g5! 9. d4 (9. Bxg5 Bxh3! Ein Motiv, das die schwarze Attacke nicht nur in diesem Abspiel erleichtert. Möglich macht es der König auf g1.) 9… exd4! (9… Bd6?! 10. dxe5 Bxe5 11. Nxe5 Qxe5 12. Qd4 und Weiß konsolidiert sich.) 10. cxd4 Bb6 mit substanziellem schwarzen Vorteil. Weiß kann nicht auf g5 nehmen, dann schlüge es wieder auf h3 ein, und das instabile weiße Zentrum droht zu zerbröseln.)

(8. Be3 Die Läufer zu tauschen, hilft Weiß nicht weiter. 8… Bxe3 9. fxe3 g5 mit Königsangriff.)

8… Nh5 9. c3

Nachdem der König die g-Linie verlassen hat, muss Weiß schleunigst eigene aktive Möglichkeiten finden.

(„Vielleicht hätte ich 9. Nc3 versuchen sollen“, sagte Aronian hinterher. „Viel geändert hätte das nicht“, erwiderte Kramnik. „Die Partie wäre so ähnlich gelaufen“, erklärte er und schlug vor: 9… g5 10. Nxe5 g4 11. d4 Bd6 und der schwarze König wird bald in Sicherheit rochieren, während der weiße sich eines starken Angriffs erwehren muss (11… gxh3?! 12. g4! und Weiß hat sogar Vorteil.))

9… g5

10. Nxe5

(Nach 10. d4 exd4 11. cxd4 Bb6 droht gewaltig 12…g4. 12. Nh2 Nf6 13. e5 Nd5 und Schwarz genießt die Perspektive. …Le6 nebst …0-0-0 wird folgen, dann rollt der Angriff.)

10… g4

(10… Qxe5? 11. d4 würde nur Weiß helfen.)

11. d4

(Auf g4 zu schlagen, wäre schon tödlich: 11. Nxg4 Bxg4 12. hxg4 Qh4+ 13. Kg1 Ng3 nebst Matt.)

11… Bd6

(11… gxh3? 12. g3 und der weiße Königsflügel wäre wieder stabil.)

12. g3 Bxe5 13. dxe5 Qxe5 14. Qd4

14… Qe7

Natürlich. Schwarz will seinen Mattangriff fortsetzen.

(Das Endspiel nach 14… Qxd4 15. cxd4 gxh3 böte Weiß gute Überlebenschancen.)

15. h4

Dem Weißen ist es vorerst gelungen, den Königsflügel geschlossen zu halten, aber nun liegt der Hebel …f5 in der Luft, mit dem Schwarz das Angriffsfeuer neu entfachen will.

15… c5 16. Qc4

„Ein schrecklicher Fehler“, sagte Aronian hinterher. „Die Drohung …f5 hatte ich glatt vergessen.“

(Sich dem Hebel … f5 entgegenzustemmen, war wahrscheinlich die beste Chance. Nach der Partie gab Kramnik die Variante 16. Qd3 Bd7 17. c4 O-O-O 18. Nc3 Bc6 19. Nd5 Qe5 und es spielt weiter nur Schwarz, aber es bleibt eine Partie.)

16… Be6 17. Qb5+ c6

18. Qa4

Will den Schwarzen vom Rochieren abhalten, aber das hat der gar nicht mehr nötig.

(Sich per 18. Qd3 gegen …f5 zu stemmen, war immer noch die beste Möglichkeit.)

18… f5!

Nun, mit der weißen Dame im Abseits, bricht Schwarz durch.

19. Bg5

(19. exf5 Nxg3+! war die Hauptidee, zum Beispiel 20. fxg3 Bd5+ 21. Kg1 Qe2 22. Rf2 Qe1+ 23. Rf1 Qxg3#)

19… Rxg5!

Das zweite schwarze Argument für 18…f5.

20. hxg5 f4

Schwarz hat entscheidenden Angriff.

21. Qd1

Beordert die Dame zur Verteidigung zurück, zu spät.

(21. gxf4 Nxf4 gefolgt von 22…Dxg5 nebst Matt.)

(21. Kg2 Qxg5 ist auch hoffnungslos. Es droht unter anderem …fxg3 nebst …De3 oder …f3+ nebst …Sf4 und Eindringen der Dame über die h-Linie und Matt.)

21… Rd8 22. Qc1 fxg3 23. Na3 Rd3 24. Rd1

24… Bd5!

Auftakt zum Finale. Es droht …Dxe4+ nebst Matt.

25. f3 gxf3 26. exd5

(Kramnik hatte auf ein hübsches Matt gehofft, das er nach der Partie zeigte: 26. Rxd3 Qxe4 27. Re3 f2+ 28. Rxe4+ Bxe4#)

26… Qe2 27. Re1 g2+

und Matt lässt sich nicht meh verhindern, zum Beispiel nach 28.Kh2 g1D++ 29.Kxg1 f2+ und so weiter.

Weiß gab auf.

0-1

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