Oktober 16, 2021

Neueste Entwicklungen beim Kandidatenturnier

Schon nach zwei weiteren Runden wieder ein Ruhetag, sonntags bei Schachturnieren eher unüblich aber jedenfalls drei Spieler können ihn wohl gebrauchen: Nepomniachtchi übeerlegt wohl, wie er dann Montag mit Weiß auf Remis spielt – aus Versehen gewinnen wäre natürlich noch besser und damit wäre er dann eventuell schon durch. Vachier-Lagrave überlegt, wie er (in derselben Partie) mit Schwarz auf Gewinn spielt.

Auch Giri steht nach wie vor unter Siegzwang, denn sonst wird er wohl – nicht zum ersten Mal in seiner Schachkarriere – Zweiter. Und beim Kandidatenturnier gilt, was bei anderen Gelegenheiten nicht unbedingt der Fall ist: es gibt einen Sieger und sieben Verlierer – gut, diesmal wohl sechs: zu Alekseenkos schachlicher Lebensplanung gehört allenfalls mittelfristig ein WM-Match.

In Runde 11 und 12 gab es sechs entschiedene Partien, trotzdem traten drei Spieler auf der Stelle: MVL, Grischuk und Ding Liren – bei dem war es aber bereits egal. So steht es nun: Nepomniachtchi 8/12, Giri 7.5, Vachier-Lagrave 6.5, Caruana 6, Grischuk 5.5, Wang Hao und Ding Liren 5, Alekseenko 4.5. Erstmals im Turnier achten alle auf Corona-Abstand zueinander, Ausnahme nur die beiden Chinesen – in China ist die Pandemie ja vorbei. 

Das Titelfoto zeigt drei Spieler, die im Berichtszeitraum im Mittelpunkt standen und nun unterschiedliche Aussichten auf den Turniersieg haben: gute, nicht so gute bzw. gar keine mehr. Klar ist nun, dass nur ganz große Spieler sich nach verlorenem WM-Match bei nächster Gelegenheit für ein WM-Match qualifizieren können. In meinem Schachleben schafften das Kortschnoi, Karpov und Anand. Kramnik war 2013 sehr nahe dran, aber Radjabov hatte etwas dagegen und verlor in der entscheidenden Phase des Kandidatenturniers ein Remisendspiel gegen Carlsen. Nun machte Wang Hao dasselbe gegen Nepomniachtchi – dabei war nicht er, sondern MVL Turnierersatz für Radjabov. Den Franzosen, der seine Restchancen selbst verbessern bzw. überhaupt aufrecht erhalten kann, zeige ich später natürlich auch. Alle Fotos von Lennart Ootes/FIDE, auf Flickr gefunden.

Runde 11:

Dieses Duell der Stühle – später auch der Spieler – stand zunächst im Mittelpunkt, aber nicht allzu lange: Nepomniachtchi hatte das remisliche schottische Vierspringerspiel vorbereitet, was Caruana zwar prophylaktisch mit z.B. 1. e4 c5 verhindern konnte – tat es aber nicht. Also Remis.

Bei der anschließenden Pressekonferenz meinte Caruana „zu früh, um alle Brücken abzubrechen“ – und nun ist es zu spät. In der zweiten Turnierhälfte zeigte er einmal trickreiche Eröffnungsvorbereitung und sonst nicht allzu viel, jedenfalls zu wenig.

Giri hatte eine Solo-Pressekonferenz, also hatte er gewonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt galt für ihn nach den vielen Ruhetagen bei Halbzeit des Turniers „mit Schwarz Remis, mit Weiß gewinnen“. Zuvor stimmte das bei ihm nicht, danach auch nicht. Was war passiert? Er hatte Ding Liren mit der verzögerten spanischen Abtauschvariante überrascht, stand aber danach – wie er selbst sagte – zunächst nicht toll: bei heterogenen Rochaden war der schwarze Königsangriff eigentlich schneller. Nach 20.-g4?! 21.Sg5 Dxf5 22.h4! kippte die Partie jedoch komplett: nun konnte Schwarz keine weiteren Fortschritte machen, und seine eigene Königsstellung flog schnell auseinander. Das Figurenopfer 23.Se4!? war nicht unbedingt nötig (Engines bevorzugen gar das einfache 23.Le3), aber so war nach 29 Zügen Schluss.

Grischuk – Vachier-Lagrave 1-0: wieder gewisse Hoffnungen für den Sieger (tags darauf dann hinfällig), ein Dämpfer für den Verlierer wobei rien ne va plus (nichts geht mehr) noch nicht der Fall ist. Ungewöhnliche Komplikationen in einem doch nicht geschlossenen Sizilianer, es begann mit 1.e4 c5 2.Sc3 d6 (sollen wir doch Najdorf spielen?) 3.d4 (nein!) 3.-cxd4 4.Dxd4 Sc6 5.Dd2 g6 5.b3 Lh6 usw. . Grischuk hatte Oberwasser, MVL entwischte, spielte dann offenbar gar auf Gewinn (Remis war ihm zu wenig) und bereute das.

Zum turbulenten Mittelspiel könnte ich Romane schreiben, am Ende dann ein für Weiß gewonnenes Läuferendspiel – gewonnen war es laut Tablebases auch dann, wenn MVL kurz nach der Zeitkontrolle 42.-La3+!? gefunden und gespielt hätte. Ohne den im Weg stehenden Lf8 käme sein König schneller zum Damenflügel, aber auch dann nicht schnell genug – jedenfalls wenn Weiß genau spielt (was ja Caruana in Runde 8 gegen denselben Gegner nicht durchgehend schaffte).

Runde 12:

Generell gewannen die Verlierer des Vortags, und die Sieger verloren. Nur Giri hatte nix kapiert, weder das noch dass es in der zweiten Turnierhälfte zuvor nur zwei Ergebnisse gab, 1-0 oder 1/2. Letzteres korrigierte dann auch Grischuk mit freundlicher Hilfe von Wang Hao. Ich bewege mich mal von West nach Ost, also zuerst

Caruana-Giri 0-1 – vielleicht lag es auch an Caruanas zweitem Verbandswechsel denn nun machte Giri das was MVL zuvor nicht gelang: die Ehre Siziliens retten. Lokalpatriotismus (Scheveningen ist der Bade-Vorort von Den Haag) wollte Giri vermutlich nicht, sondern Sveshnikov auf Umwegen und dabei Rossolimo sowie das neumodische 7.Sd5 vermeiden. Aber das wollte Caruana nicht, und so wurde es quasi ein Scheveninger. Beide gelten als sehr gut vorbereitet aber verbrauchten dann relativ früh Bedenkzeit. Sie wussten wohl schon, wie man das mit Weiß bzw. Schwarz behandelt (das weiß sogar ich) aber der Autopilot war nicht mehr vorhanden.

Zunächst stand Caruana wohl etwas besser, aber so um den 20. Zug kippte die Partie. Wie tags zuvor hat Caruana vielleicht auch deshalb verloren, weil er mehr als Remis wollte – legitim und zur Turniersituation passend, aber er bekam dann weniger. Schon kurz vor der Zeitkontrolle stand er hoffnungslos, nach der Zeitkontrolle hat er dann nach 45 Zügen aufgegeben.

Vachier-Lagrave – Alekseenko 1-0: Wieder versuchte der Russe etwas, das er zuvor nur sporadisch gespielt hatte, diesmal Caro-Kann. Gemein vom Franzosen, dass er ihn mit der „Fantasievariante“ 3.f3 überraschte – das war sicher nicht Schwerpunkt von Alekseenkos Vorbereitung. Und so kam es wie zuvor gegen Nepomniachtchi und auch in der ersten Turnierhälfte gegen Caruana: früh stand Alekseenko klar schlechter.

Bleibt noch zweimal Russland gegen China – insgesamt unentschieden wobei Russland den wichtigeren vollen Punkt bekam (aus chinesischer Sicht war es beide Male nicht turnierrelevant).

Rundenchronologisch zuerst kam Ding Liren – Grischuk 1-0. Damengambit war von Schwarz vielleicht nicht allzu ehrgeizig, dabei brauchte Grischuk eigentlich den vollen Punkt. In der dann von Ding Liren gewählten Variante hat Weiß etwas Raumvorteil – nicht dramatisch, oft wird es dann auf hohem Niveau Remis. Nach der Zeitkontrolle wollte Grischuk sich gewaltsam befreien, und der Schuss ging nach hinten los. Ding Liren wollte nicht unbedingt „aabsichtlich“ gewinnen, aber nun hat er die rote Laterne wieder an Alekseenko abgegeben.

Wang Hao – Nepomniachtchi 0-1: Auch Nepo kann man keine Absicht unterstellen – die Eröffnungswahl Russisch war wohl nicht Patriotismus sondern „Remis ist in Ordnung“. Wang Hao machte daraus die französische Abtauschvariante, Damentausch nach 9 Zügen verstärkte Remistendenzen. Aber Wang Hao schaffte es, das zu verlieren – zum Schluss hat er auch recht früh aufgegeben.

So hat Nepomniachtchi weiterhin einen halben Punkt Vorsprung auf Giri, außerdem den besseren Tiebreak direkter Vergleich – möglich ist, dass Giri-Nepo 0-1 aus der allerersten Runde quasi das gesamte Turnier entscheidet. Es kann auch anders kommen, jedenfalls wenn MVL in Runde 13 mit Schwarz gegen Nepo gewinnt. Bei Gleichstand am Ende hätte er den besseren Tiebreak gegenüber Nepomniachtchi (direkter Vergleich dann 2-0) und wohl auch gegenüber Giri (mehr Niederlagen, also auch mehr Siege). Giri hat parallel Schwarz gegen Grischuk, er kann sich wohl nur als alleiniger Turniersieger für ein WM-Match qualifizieren.

In der letzten Runde dann Giri-Alekseenko, auf dem Papier die lösbarste aller Aufgaben. China kann noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen: Ding Liren – Nepomniachtchi und MVL – Wang Hao. Dienstag, vielleicht auch schon Montag kennt Carlsen dann seinen WM-Herausforderer.

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