November 28, 2020

Der Tag, an dem mich Alexander Aljechin bestraft hat

MARTIN HAHN – Mit den Partien von Alexander Aljechin setzte ich mich schon immer weniger gern auseinander als mit denen anderer Legenden wie Nimzowitsch oder Petrosjan. Trotzdem bin ich natürlich auch „sein“ Kapitel in Garri Kasparows Band 2 von „Meine großen Vorkämpfer“ durchgegangen. Als „Genie der Schachkombinationen“ wurde Aljechin gemäß Kasparow schon zu Lebzeiten bezeichnet, von vielen Weltmeistern ist ein Zitat über ihn dort abgedruckt. Außer Fischer äußerte sich jeder positiv, manche fast euphorisch:

„… stand ich in jungen Jahren natürlich unter großem Einfluss des Schaffens von Alexander Aljechin … Ich bewunderte die Raffinesse seiner Ideen und die unglaubliche Kraft, mit der er versuchte, seine ungestümen Angriffe mit unerwarteten Opfern abzuschließen.“

— Garri Kasparow

„Aljechin ist für mich der größte Spieler aller Zeiten.“

— Boris Spassky

„Er sah eine Kombination und entwickelte mit Leichtigkeit und Genauigkeit eine forcierte Fortsetzung. Deshalb waren Aljechins Kombinationen derart herausragend.“

— Michail Botwinik

„Aljechin wuchs auf mit der Kombination. Er ist in sie verliebt. Alles Strategische ist für ihn nur Vorbereitung, fast ein notweniges Übel.“

— Emanuel Lasker

Für mich Patzer war es immer genau umgekehrt: Alles Strategische ist toll, Kombinationen sind notwendiges Übel. „Ungestüme Angriffe“ und „unerwartete Opfer“ zählten noch nie zu meinem schachlichen Lieblingsvokabular – und schon gar nicht zu meinem Repertoire. Ich war immer eher beim Team „Figuren kaltstellen“, „Überdeckung“, „Prophylaxe“ oder ergötzte mich an (von Nimzowitsch mit Doppelrufezeichen versehenen!!) mysteriösen Turmzügen. Ich wollte den Ball lieber über die Linie dribbeln, als ihn mit einer Kombination reinzuknallen. Rechnen – igitt … Wahrscheinlich bin ich deshalb innerhalb meiner Mittelmäßigkeit nie über 1800 DWZ hinausgekommen.

Einmal hat sich Alexander Aljechin für meine Ignoranz an mir bitter gerächt, indem er meinem Gegner eine ganz konkrete Schablone an die Hand gab, um mich zu besiegen. Auch acht Jahre nach jener Partie erinnere ich mich noch an fast alle Einzelheiten. Zu kläglich war der Verlust. Aber da ich einiges daraus gelernt habe, will ich die Partie trotzdem zeigen.

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