Frankfurter Allgemeine: Ein Volk unter Zugzwang

VON ALEXANDER RUPFLIN

In Armenien ist Schach Schulfach und Nationalsport. Woher kommt diese Obsession? Ein Besuch im Klassenzimmer – und eine Partie gegen einen Neunjährigen.

Mein größter Fehler war Springer g4. Jedenfalls behauptete der Junge mit den großen Augen, er habe keine Sekunde an seinem Sieg gezweifelt. Alberto machte den Eindruck, als würde er die Stunde, in der wir uns gegenübersaßen, bald vergessen. Die anderen drei Jungs beachteten uns nicht. Der Ausgang der Partie muss ihnen klar gewesen sein. Alberto gab mir die Hand und schaute an mir vorbei.

Der einzige Sport, den ich jemals mit Ehrgeiz betrieben habe, war Schach. Naturgemäß zeige ich als Deutscher kein großes Talent. Die Deutschen haben im Schach nie viel gerissen, was daran liegen mag, dass wir für dieses Spiel zu pragmatisch sind. Schach ist schließlich die größte Vergeudung von Zeit und Intellekt, die man sich vorstellen kann. Für so etwas haben wir keinen Nerv.

Die Armenier scheinen mir idealistischer zu sein. Bei ihnen ist Schach Nationalsport und für Kinder Schulfach. Vom 2000-Dram-Geldschein blickt Schachweltmeister Tigran Petrosjan, die Alten spielen Schach im Park. Schach läuft im Fernsehen. Schach wird in Zeitungen kommentiert. Es gibt Schachhäuser, Schachbars, Schacholympiaden.

Zum ersten Mal vom Schachwahn der Armenier hörte ich, als Levon Aronjan den Schach-Superstar Magnus Carlsen besiegt hatte. In Armenien könne er in kein Taxi steigen, erzählte Aronjan, ohne dass der Fahrer die letzte Partie mit ihm analysieren will.

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