April 18, 2024

SCHACH & PORZELLAN. DIE WELT AUF 64 FELDERN – eine Sonderausstellung des Porzellanikons

 


Das Porzellanikon – Staatliches Museum für Porzellan, Hohenberg a.d. Eger präsentiert vom 16. März bis 13. Oktober 2024 eine neue Sonderausstellung unter dem Titel „SCHACH & PORZELLAN. DIE WELT AUF 64 FELDERN“.

Die Zahl der Felder ist auf 64 begrenzt, die Zahl der Züge dagegen schier unendlich. Schach ist vielleicht das kreativste Spiel und ebenso das rationalste. Das „königliche Spiel“ ist weltweit bekannt und hat eine tiefe kulturelle Bedeutung erlangt. Seit mehr als 1000 Jahren zieht das Schachspiel nicht nur Könige und Gelehrte, sondern Menschen aller Gesellschaftsschichten in seinen Bann. Auch von zahlreichen Künstlern wurde Schach in vielfältiger Weise seit vielen Jahrhunderten interpretiert. Während es auf dem Schachbrett meist kühl und berechnend zugeht, so ist Schach in der Kunst bunt, voller Poesie, Zauber und Humor.

„Poseidon“-Schachspiel, Entwurf: Barbara Flügel, um 2000; Barbara Flügel Porzellan, Schönwald; Höhe König 9,6 cm, Bauer 6,8 cm, viergeteiltes Porzellanschachbrett 53 cm x 53 cm; Leihgabe Dr. Thomas H. Thomsen; Foto: Jahreiss. foto film design, Hohenberg a. d. Eger

Einen einzigartigen Ausschnitt der Unendlichkeit präsentiert das Porzellanikon in Hohenberg an der Eger jetzt in seiner neuen Ausstellung „Schach & Porzellan. Die Welt auf 64 Feldern“. Kuratorin Petra Werner hat über 100 Schachspiele und Figuren zusammengetragen, alle ausschließlich aus Porzellan. Damit darf sich die Ausstellung ungekrönt als größte Sammlung zu diesem Thema in Deutschland bezeichnen. Die meisten Leihgaben stammen von Dr. Thomas H. Thomsen, der die wohl größte Sammlung von antiken Schachspielen in Europa besitzt. Er ist langjähriger Präsident des „Chess Collectors International“, eine weltweite Vereinigung von Sammlern und Sachverständigen künstlerischer Schachfiguren und -bretter. Für die Ausstellung in Hohenberg stellt Dr. Thomsen seine Schachspiele und Figuren aus Porzellan zur Verfügung. Weitere Ausstellungsstücke stammen unter anderem von dem Sammler Reinhard Egert.

Das köngliche Spiel und das weiße Gold

Aufgeteilt in sieben Themenwelten zeigt das Porzellanikon erstmals 28 komplette Schachspiele, 34 Figurensätze sowie 43 Einzelfiguren. Dabei sind Objekte aus 12 Ländern zu sehen, von Deutschland über Russland, Italien, Großbritannien bis hin zu China und Japan. Historisches, Politisches und Exotisches, aber auch Erotisches, Mythisches, Tierisches und Kurioses – all das findet sich auf Porzellan ebenso wie auf dem Schachbrett.

Das königliche Spiel und das weiße Gold – eine Liaison, die mit der Erfindung der Porzellanherstellung in Europa um 1710 ihren Anfang nahm. Die erste Schachfigur eines Königs stammt aus dem Jahr 1713, hergestellt von der Porzellanmanufaktur Meissen. Zu dieser Zeit herrschte an den europäischen Fürstenhöfen eine große Begeisterung für Chinamode vor. Nahezu jedes Schloss hatte ein Porzellankabinett, in dem die kostbaren Raritäten aus China zur Schau gestellt wurden.

Als August der Starke die erste europäische Porzellanmanufaktur in Meissen gründete, waren auch die Objekte deutlich von der Faszination von China und anderen asiatischen Kulturen beeinflusst. Eines der ältesten Ausstellungsstücke stammt aus dieser Zeit: der Schachfigurensatz „Kriegsspiel“, entworfen von Johann Joachim Kaendler, Johann Friedrich Eberlein und Johann Gottlieb Ehder um das Jahr 1740 in Meissen. Die Figuren des so genannten „Kriegsspiels“ stellen eine Art Übersetzung des chinesischen „Xiangqi“ dar, eine der ältesten Formen des Schachs. Annähernd zur gleichen Zeit wurde der Figurensatz „Türken gegen Mohren“ von Kaendler in Meissen entworfen, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.

Wie China hat auch Japan eine eigene Schachtradition: Die japanische Version von Schach, genannt „Shogi“, wird mit 20 Porzellansteinen auf 9 mal 9 Feldern gespielt. Anders als im Schach unterscheiden sich die Spielsteine bei „Shogi“ nicht durch die Farbe, sondern durch die Ausrichtung. Durch das größere Feld und die weiteren Figuren ist es deutlich komplexer als die europäische Variante. Die Spielsteine des Ausstellungsobjekts stammen aus der Stadt Arita, dem Ursprung der japanischen Porzellanherstellung. Das Spielfeld besteht aus einem kostbar ausgearbeiteten Lackblock mit Goldornamenten und Halbedelsteinen.

Lackblock für Japanisches Schach „Shogi“ mit Porzellansteinen aus Arita, Ausformung Meiji Periode (1868 – 1912); 16,5 cm x 35 cm x 32 cm; Leihgabe Dr. Thomas H. Thomsen; Foto: Jahreiss. foto film design, Hohenberg a. d. Eger

Weiterhin sind im Themenbereich „In 64 Feldern um die Welt“ Schachfiguren mit orientalischen und indischen Motiven zu sehen sowie ein Figurensatz aus der Porzellanmanufaktur Herend in Ungarn aus den 1930er Jahren.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts halten in Europa Gestalten aus der griechischen Mythologie, aus alten Sagen, Märchen sowie Motive aus dem Tierreich Einzug in die Welt der Schachfiguren. Unter anderem im Schachspiel „Fabeltiere“, das Max Esser

1923 für Meissen entwarf: Der König wird als Stier, die Dame als Schaf, der Läufer als Hase, der Springer als Steinbock und der Turm als Eber gezeigt. Eine weitere Besonderheit der Fabeltiere: Sie sind aus hell- und dunkelbraunem Böttgersteinzeug gestaltet, ein Material aus den Anfängen der Meissener Porzellanmanufaktur.

Jüngeren Datums ist der Entwurf der oberfränkischen Porzellankünstlerin Barbara Flügel, die in ihrer Manufaktur in Schönwald im Fichtelgebirge Unikate und Kleinserien herstellt. Ihr „Poseidon“-Schachspiel aus dem Jahr 2000 zeigt den griechischen Meeresgott als König, als Dame sitzt seine Gattin Amphitrite auf einer Kugel, halb Menschfrau, halb Fischfrau. Die weiteren Figuren verkörpert Barbara Flügel in Form von Hummer, Seepferdchen, Muscheln und Fischen.

Schachspiel „Seetiere“, Entwurf: Max Esser, 1923; Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen, Meißen; Höhe König 8,5 cm, Bauer 2,3 cm, Porzellanbrett 52 cm x 52 cm, Höhe 5 cm; Leihgabe Reinhard Egert; Foto: Jahreiss. foto film design, Hohenberg a. d. Eger

So unterschiedlich die Schachfiguren von den jeweiligen Künstlern auch gestaltet wurden, eines haben alle gemein: Sie bringen die Rangordnung und die Funktion im Spiel deutlich zur Geltung. Der König und die Dame sind stets am eindrucksvollsten wiedergegeben, gefolgt vom Läufer und Springer.

Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts produzierte Josiah Wedgwood in seiner Porzellanfabrik in Staffordshire in Großbritannien Schachfiguren, die den realen Vorbildern so nahe wie möglich kommen sollten. Auch der Bildhauer Arnold Machin, der 1938 ein Schachspiel für Wedgwood entwarf, kleidete seine Figuren realitätsnah in mittelalterliche Kostüme. Den König stattet er mit Zepter und Reichsapfel aus. Den Läufer gestaltet er als Bischofsfigur mit Mitra und erhobener Hand, die Bauern als Landvolk mit Kopftüchern und Keulen. Ausgeführt wurden seine Entwürfe in den Wedgwood-typischen Farben blau und weiß.

Ebenso in der Themenwelt „Formen und Ornamente“ zu sehen ist das Schachspiel, das Trude Petri 1963 im Rahmen des 200. Jubiläums der Königlichen Porzellan-Manufaktur (KPM) Berlin entworfen hat. Bildhauerin, Malerin und Designerin – Trude Petri gehört zu den bedeutendsten Gestaltern ihrer Zeit. Bereits 1931 gestaltete sie den KPM-Klassiker „Urbino“. Ein Service, das die Forderung des Bauhauses nach materialgerechter Form und klarer Reduktion auf das Wesentliche erfüllte. Auch ihr Schachspiel besticht durch die Synthese zwischen Purismus und Modernität.

Schachspiel mit Porzellanbrett, Entwurf: Marcello Morandini, 2003; Rosenthal AG, Selb; Auflage 99 Exemplare; Höhe König 11 cm, Bauer 5,5 cm, Porzellanbrett 54 cm x 54 cm; Porzellanikon, RAS 2370.1/12, Dauerleihgabe Oberfrankenstiftung, Bayreuth; Foto: Jahreiss. foto film design, Hohenberg a. d. Eger

Geometrische Grundformen, streng in der für ihn typischen schwarz-weiß-Konsequenz, sind die Basis des Schachspiels, das Marcello Morandini 2003 für Rosenthal in Selb entworfen hat. Morandini gehört zu den wichtigsten Vertretern in Italien der neo-konstruktivistischen Kunst in Verbindung mit Design und Architektur. Für die Umsetzung seines Schachspiels setzt Morandini auf die formale Symbolik. Die Figuren werden von außen nach innen immer größer und bewegen sich auf Strichfeldern, deren Richtung quer zueinander verläuft.

Im ganzen Gegensatz zu den klaren Formen steht der Themenbereich „Es kreucht und fleucht“. Mäuse, Frösche, Seetiere oder die Tiere des Waldes sind ebenso als Schachfiguren zu finden wie Geparden und andere wilde Tiere. Der Bildhauer Max Esser war in seiner Zeit der 1920er Jahre prägend für die Tierplastiken der Manufaktur Meissen. Im Jahr 1923 entstand sein Schachspiel „Seetiere“: Die Springer sind als Seepferdchen gestaltet, die Läufer als Krebse, die Türme als Tintenfische. Die filigrane Ausführung zeugt vom Einfallsreichtum und der Materialbeherrschung des Künstlers.

Schachfiguren als Frösche? Auch das gibt es bei Meissen! Mitte der 1950er Jahre schuf Alexander Struck diesen Figurensatz, bei dem der Froschkönig und seine Königin in menschlichen Posen auf Podesten thronen. Die Läufer werden als sprintende Frösche wiedergegeben, die Springer vollbringen elegante Kopfsprünge.

„Ich glaub` mich tritt ein Turm“ ist der Titel des Themenbereichs „Kurioses und Besonderes“. Hier findet sich ein weiteres Objekt der Selber Porzellankünstlerin Barbara Flügel: Schachfiguren in Form von Spielsachen. In ihrer unverkennbaren Handschrift hat Flügel den König als Harlekin umgesetzt, die Dame als Puppe, den Springer als Schaukelpferd. Auf dem vierteiligen Porzellanspielbrett sind an den Ecken Teddys postiert, dazwischen flitzen Rennautos.

Napoleon, Maria Stuart, Robert Bruce und die Oktoberrevolution

Fesselung, Spieß oder Gabelangriff – Begriffe aus der Welt des Schachs, die den Charakter des Spiels aufzeigen. Es geht um eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen zwei gegnerischen Parteien ohne jegliche Gewalt. Nicht selten wurden historisch wichtige Schlachten dargestellt, auch bekannte Persönlichkeiten ihrer Zeit wurden bei Schachspielen thematisiert. Gerne wurde Napoleon Bonaparte als Hauptfigur historischer Figurensätze gewählt, ebenso wie König Alfons X. von Kastilien, Heinrich der Achte oder Heinrich der Löwe. Dieser thront im „Schachspiel im Lederkoffer“ der Porzellanmanufaktur Ludwigsburg als Zeichen seiner Macht auf einem Löwen.

Berühmte Persönlichkeiten aus Schottland und England hat die schottische Whiskey-Marke Beneagles in Auftrag gegeben. Die Schachfiguren sind innen hohl und mit Whiskey gefüllt! Auf englischer Seite stehen Elisabeth I. als Königin, ihr Vater Henry VIII. als König. Die Schotten werden repräsentiert von Maria Stuart als Königin und Robert Bruce als König.

Auf die Oktoberrevolution 1917 in Russland bezieht sich das Schachspiel „Die Roten und die Weißen“, das 1922 von Natalja und Jelena Danko für die Staatliche Porzellanfabrik in St. Petersburg entworfen wurde. Schach als Propagandawerkzeug: Die kommunistischen „Roten“ kämpfen gegen die kapitalistisch-imperialistischen Feinde, die „Weißen“. Der König ist auf kommunistischer Seite ein Arbeiter mit Hammer, die Dame ist als Mäherin mit Weizengarbe und Sichel dargestellt – ein bekanntes Motiv der sowjetischen Kunst.

Einen „Zweikampf“ ganz anderer Art zeigen die Objekte im Themenbereich „Wenn der Bauer mit der Dame“. Das reine Schachspiel tritt eher in den Hintergrund, vielmehr dient die Partie als Vorwand für eine Annäherung. Gerade in der Zeit des Rokoko erfreut sich das Schachspiel großer Beliebtheit. Die Frauen gewinnen zunehmend an Einfluss auf die Kultur bei Hofe und in den Salons. Nicht selten trägt die Dame den Sieg davon, weil sie den Kavalier berechnend mit körperlichen Reizen ablenkt. Schach wird zur Nebensache, der Handkuss und der sehnsüchtige Blick in den üppigen Ausschnitt lassen den Herrn das Spiel gänzlich vergessen.

Historie, Politik, Krieg, Kunst, Exotik und Erotik – alle Facetten des menschlichen Miteinander finden sich auf 64 Feldern wieder. 32 weiße, 32 schwarze Felder, 16 weiße, 16 schwarze Figuren. Gespielt wird nach einem simplen Grundprinzip, trotz der vielen strategischen Optionen bleibt die Welt des Schachs überschaubar. Und der größte Vorteil von Schach gegenüber dem realen Leben: Es wird alles nur gespielt.

Fakten zur Ausstellung

  • Dabei handelt es sich um Objekte aus 12 Ländern: Deutschland, Österreich, Italien, Polen, Russland, Tschechoslowakei, Spanien, Portugal, Großbritannien, Frankreich, China und Japan.
  • „Die Welt auf 64 Feldern“ ist die erste Ausstellung in Deutschland, bei der ausschließlich Schachfiguren aus Porzellan gezeigt werden.
  • Begleitend zur Ausstellung sind verschiedene Aktionen und Events zum Thema Schach geplant.
  • Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 116 Seiten.
  • Die Ausstellung im Porzellanikon in Hohenberg an der Eger wird vom 16. März bis 13. Oktober 2024 gezeigt. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 17 Uhr. Es sind 28 Schachspiele, 43 Einzelfiguren und 34 Figurensätze zu sehen.
  • Adresse: Porzellanikon Hohenberg a.d. Eger, Schirndinger Str. 48, 95691 Hohenberg a.d. Eger, Tel.: +49 9233 7722-0, Webseite: https://www.porzellanikon.org

Eintrittspreise

Hohenberg 3,00 € / 2,00 € ermäßigt, Kombikarte mit dem Porzellanikon Selb 6,50 € / 5,00 € ermäßigt, Eintritt sonntags immer nur 1,00 €; für Kinder bis 18 Jahre freier Eintritt

Fachfragen zur Sonderausstellung bitte direkt an

Petra Werner M.A., Hauptkuratorin für die Kunst- und Kulturgeschichte des Porzellans, Email: petra.werner@porzellanikon.org, Tel. +49 9287 918 00-211

Der Text wurde vom Porzellanikon zur Verfügung gestellt.


Das Porzellanikon ist ein Museumskomplex, der sich mit der Fabrikation von Porzellan und Keramik in Selb und Hohenberg an der Eger im Landkreis Wunsiedel i. Fichtelgebirge (Oberfranken) beschäftigt. Es entstand aus dem Zusammenschluss der Porzellanwelt Selb (mit dem Europäischen Industriemuseum für Porzellan, dem Europäischen Museum für Technische Keramik und dem Rosenthal Museum) und dem Deutschen Porzellanmuseum in Hohenberg an der Eger.

Seit 2012 ist das Porzellanikon als Mitglied im „Urban Network for Innovation in Ceramics“ in die Europäische Keramikstraße einbezogen. Im Jahr 2014 wurde das Museum verstaatlicht. Am Donnerstag, dem 6. Februar 2014, hat der ehemalige Bildungs- und Wissenschaftsminister in Bayern Dr. Ludwig Spaenle im Rahmen einer Feierstunde offiziell das Porzellanikon in die Trägerschaft des Freistaats Bayern übernommen. (Auszug aus Wikipedia)