Juli 1, 2022

WIM Gundula Heinatz: «Mein Resultat beim Mitropa-Cup ist das Ergebnis konsequenter Trainingsarbeit»

Markus Angst Ausgerechnet im vom Weltschachverband FIDE ausgerufenen Jahr des Schachs der Frauen sorgte WIM Gundula Heinatz mit ihrer 2460er-Performance und einem Plus von 70 ELO-Punkten beim Mitropa-Cup in Corte auf Korsika für einen der grössten Exploits in der Geschichte des Schweizer Damenschachs. Markus Angst, Mediensprecher des Schweizerischen Schachbundes (SSB), sprach am Tag nach Turnierende mit der diese Woche ihren 53. Geburtstag feiernden Thunerin.

Haben Sie in Ihrer langen Schachkarriere jemals bei einem Turnier eine 2460er-Performance erspielt?

Zehn Monate nach der Enttäuschung im Damen-Titelturnier an den Schweizer Einzelmeisterschaften in Flims (im Bild während ihrer Partie gegen ihre Tochter Maria) sorgte WIM Gundula Heinatz beim Mitropa-Cup auf Korsika für einen Exploit.

Gundula Heinatz: Nein, das ist definitiv das erste Mal. Ich war zwar in jungen Jahren ab und zu nahe an einer WGM-Norm und spielte in all den Jahren das eine oder andere gute Turnier – so 2019 beim Vienna Chess Open in Wien, als ich mit 5½ aus 9 auf eine Performance von 2370 kam. Doch ein solch gutes Resultat wie beim Mitropa-Cup erzielte ich noch nie.

Sie verloren beim Mitropa-Cup kein einziges Mal und holten bei drei Unentschieden fünf Siege. Welches war Ihre beste Partie?

Die Gewinnpartie in der Startrunde gegen die 121 ELO stärkere Kroatin FM Ena Cvitan, die Tochter des auch in der Schweiz bekannten Grossmeisters Ognjen Cvitan. Sehr gut gespielt habe ich auch gegen die 220 ELO mehr aufweisende und den Herren-IM-Titel tragende Italienerin Marina Brunello. Diese Partie endete zwar «nur» remis, aber ich hatte sie im Mittelspiel – das meine Stärke ist – überspielt. Gefreut habe ich mich natürlich auch über meinen Sieg in der Schlussrunde gegen die 148 ELO stärkere slowakische WGM Zuzana Borosova. Gegen sie spielte ich in der Eröffnung gut und gewann im Mittelspiel einen Bauern. Doch dann liess ich Gegenspiel zu und gewann nur dank eines unkorrekten Figurenopfers, das sie mir glaubte.

Bei Ihrem letzten grossen Turnier an den Schweizer Einzelmeisterschaften im vergangenen Sommer in Flims, wo Sie im Damen-Titelturnier als Startnummer 2 lediglich ein 50-Prozent-Resultat erzielten und mit dem 5. Rang Vorlieb nehmen musste, lief es Ihnen alles andere als optimal. Wie erklären Sie sich Ihre Leistungssteigerung vom Juli 2021 zum Mai 2022?

An der SEM 2021 in Flims spielte ich zweifellos unter meinem Level. Dort stand ich als Nummer 2 der Startrangliste des Damen-Titelturniers und als zweifache Schweizer Meisterin natürlich auch unter Druck. Diesen Druck hatten ich und unser Damen-Team am Mitropa-Cup nicht. Als nominell schwächste Mannschaft konnten wir befreit aufspielen und hatten nichts zu verlieren. Das war für mich ins Flims anders. Und natürlich war sowohl für mich als auch für unser Team der überraschende Sieg in der Eröffnungsrunde gegen Kroatien optimal. Es ist für die Stimmung immer wichtig, einen guten Turnierstart zu erwischen. Aber letztlich ist mein Resultat auf Korsika auch das Ergebnis harter und konsequenter Trainingsarbeit.

Stichwort Training und Vorbereitung: Welchen Anteil hatte Nationalcoach IM Milan Novkovic an den ausgezeichneten Resultaten des Schweizer Damen-Teams und von Ihnen persönlich am Mitropa-Cup?

Einen bedeutenden! Milan Novkovic ist in jeder Beziehung ein ausgezeichneter Schachtrainer. Als Fels in der Brandung ist er die Ruhe selbst. Und da seine Gattin Julia ja auch Schach spielt, weiss er, wie man mit Frauen umgehen muss. Wichtig ist jedoch nicht nur die Betreuung während des Turniers, sondern auch das Training im Vorfeld. Wir Spielerinnen aus dem Schweizer Damen-Nationalkader trainieren regelmässig mit Milan Novkovic per Skype und zweimal jährlich in Magglingen an den Brettern. Darüber hinaus trainiere ich mit ihm auch individuell. Diese Arbeit zahlte sich beim Mitropa-Cup aus.

Von der Performance her entsprach Ihre Leistung auf Korsika einer WGM- und Herren-IM-Norm. Noch haben Sie keine entsprechende Norm geholt. Sind diese beiden Titel für Sie auch mit Ihren 53 Jahren noch ein Thema?

Mein primäres Ziel ist es, gute, interessante und anspruchsvolle Partien zu spielen. Resultieren daraus Normen, nehme ich diese gerne mit und schliesse es nicht aus, solche eines Tages doch noch zu realisieren. Doch ich fokussiere mich nicht explizit darauf.

Welche weiteren Turnierteilnahmen planen Sie im laufenden Jahr?

Im Juli das Nationalturnier an den Schweizer Einzelmeisterschaften in Samnaun mit dem Ziel, um den Schweizer-Meisterin-Titel mitzuspielen, im Juli/August die Olympiade im indischen Chennai und im November die Seniorinnen-Einzel-Weltmeisterschaft im italienischen Assisi.

Gundula Heinatz im Porträt

Geburtsdatum: 12. Mai 1969.

Wohnort: Thun.

Klub: Trubschachen.

Beruf: promovierte Informatikerin.

Titel: Internationale Meisterin (seit 1993).

Grösste Erfolge: 2014 und 2018 Schweizer Meisterin, 1987 DDR-Jugendmeisterin, 1990 letzte DDR-Meisterin, 1994 Deutsche Pokalsiegerin (mit Dresdner SC), 1995 Deutsche Damenmannschaftsmeisterin (mit Dresdner SC), 2007 Silbermedaille am dritten Brett in der Einzelwertung an der Mannschafts-Europameisterschaft, 2022 bestes Resultat aller Spielerinnen beim Mitropa-Cup.

Erfahren Sie mehr über Gundula Heinatz auf Wikipedia.

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