Nach ihrem sieglosen Auftritt in Wijk aan Zee reist die Erfurter Schach-Großmeisterin Elisabeth Pähtz zum Top-Turnier der Frauen nach St. Louis – und will sich rehabilitieren.

Wijk aan Zee. Es war an einem der besseren Tage an der kalten holländischen Nordseeküste. Keiner der drei hatte verloren. Und so saßen sie gut gelaunt am Abendbrottisch der kleinen Ferienwohnung in der Verlengde Vorstraat von Wijk aan Zee .

WGM Elisabeth Paehtz (by Alina L’Ami)

Zur Mitte des berühmten Tata-Steel-Schachturniers hatte Elisabeth Pähtz zu Frikadellen mit Auberginensalat eingeladen. Die Gästeliste war klein, aber großmeisterlich. Wladimir Kramnik , der Ex-Weltmeister, und Evgeny Bareev, Wahl-Kanadier und einstiger Turniersieger von Wijk, waren gekommen. Kramnik hatte eine Schachtel Konfekt mitgebracht, bei russischen Pralinen und rotem Wein debattierten sie über Gott und die Schachwelt. Und ein Gedanke schwebte durch den Raum, der inzwischen Gewissheit wurde.

Würden sie sich heute noch einmal treffen, wären wohl alle drei erleichtert, dass das Turnier vorüber ist. Kramnik Letzter im Masters, Bareev und Pähtz im Niemandsland der B-Gruppe. „Kramnik erwähnte an jenem Abend immer wieder, dass ihm mehr und mehr die Kraft fehlt“, erzählt Elisabeth Pähtz , „und wie er den fast 50 Jahre alten Anand bewundere, der noch so energiegeladen spielt.“ Als Kramnik dann über mögliche Projekte jenseits der aktiven Karriere sinnierte, ahnte die Erfurterin, dass er es tatsächlich ernst meinte mit seinem Rücktritt, den er inzwischen verkündet hat.

Nein, an Abschied denkt Elisabeth Pähtz nicht, dafür hat sie noch zu viele Pläne. Aber nur 3,5 Punkte aus 13 sieglosen Partien wirkten auch auf sie erst einmal ernüchternd. Noch nie hatte sie in einem solch starken Turnier gespielt. Dreizehn Partien, in denen sie in jeder an ihre Grenzen gehen musste, weil sie fast immer die Außenseiterin war. Ausgerechnet gegen ihren Essensgast Bareev spielte sie später ihr bestes Match. Ein wildes Gefecht, das sie mit einem Turm weniger zum Remis durch Dauerschach forcierte – und dabei den Gewinn verpasste.

Elf Elo-Punkte hat sie in diesem Turnier der verpassten Gelegenheiten verloren und trotzdem wichtige Erfahrungen gesammelt. „Ich habe theoretische Lücken erkannt, die ich beseitigen werde, damit mir solche Desaster in der Eröffnungsphase nicht mehr passieren“, sagt sie.

Sie muss die Mängel schnell reparieren. An diesem Sonnabend fliegt die Erfurterin auf Einladung des legendären Schachclubs von St. Louis zum Cairns-Cup nach Amerika . Mäzen Rex Sinquefield , der die Stadt am Mississippi zu einer Hochburg des königlichen Spiels gemacht hat, organisiert erstmals ein Top-Turnier für die besten Spielerinnen der Welt und lässt sich das ein Preisgeld von 150.000 Dollar kosten. Dort will Deutschlands Nr. 1 neuen Anlauf nehmen: auf die fehlende Norm für den Titel eines Großmeisters der Männer und die Rückkehr in die Top ten der Frauen-Weltrangliste.

Vielleicht ist es ja ein gutes Omen, dass sie ein paar Probleme schon bewältigt hat. Auch wenn die abseits des Schachbretts lagen. Weil Pähtz 2017 bei der Weltmeisterschaft im Iran spielte, benötigte sie für die USA ein Visum. Wegen der Kürze der Zeit musste sie alle behördlichen Wege während des Turniers von Wijk erledigen: formatgerechtes Passbild beim Fotografen in Bewerwijk am Abend nach der siebten Runde, am folgenden Ru­hetag nach Amsterdam zur amerikanischen Botschaft inklusive einstündigen Wartens, schließlich der Trip nach Utrecht zum Abholen des Visums.

Was tut man nicht alles für seinen amerikanischen Traum! Sagt Elisabeth Pähtz . Und kann schon wieder lachen.

Ein herzliches Dankeschön an Axel Eger als Autor und an die Thüringer Allgemeine für die Genehmigung zur Veröffentlichung

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