Großmeister Jan Gustafsson beschreibt Schach als einen fortwährenden Konflikt zwischen seinem Verlangen, nicht zu denken, und dem, nicht zu verlieren.

Siegbert Tarrasch, Meister der Schach-Leitsätze. (Karikatur: Frank Stiefel)

Natürlich meint er das augenzwinkernd. Schach ist so ein großartiges Spiel, eben weil es uns zwingt zu denken. Schach führt jeden von uns, ob Elo 800, 1800 oder 2800, an die Grenzen seines Denkvermögens. Das Spiel zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen genau vorherzusehen in der Regel unseren Horizont übersteigt.

Weil aus dem Gedächtnis abzuspulende Schemen Sicherheit geben, sehnen sich Schachschüler nach einfachen Rezepten, die ihnen die Navigation auf dem Schachozean erleichtern. Nur gibt es solche Rezepte aus der Abteilung „wenn A, dann B“ leider nicht, weil beim Schach jede Situation von allerlei unterschiedlich zu gewichtenden Faktoren und konkreten Umständen bestimmt ist.

Allgemeine Leitsätze gibt es sehr wohl. „Springer brauchen Stützpunkte“zum Beispiel. Aber wer seinen Gegner mattsetzen kann oder eine Mattdrohung abwehren muss, wird nicht über Springerstützpunkte nachdenken. Die konkreten Umstände überlagern allgemeine Erwägungen.

Leitsätze, die über Tarraschs „Türme hinter Freibauern“ hinausgehen und ein gewisses Manövrieren erfordern, nennen wir Pläne. Auch für die gilt, dass es niemals einen universell guten Plan gibt.

Aber es gibt konkrete Umstände, die uns anzeigen, wann welcher Plan angezeigt sein könnte. Und diese Umstände sind gar nicht einmal so schwierig zu lesen. Die Bauernstruktur gibt mögliche Pläne vor. Sie zeigt uns, an welchem Flügel wir expandieren, wo wir Hebel ansetzen sollten, um etwa eine für uns weniger günstige Struktur in eine erstrebenswertere zu transformieren.

Kapitel 3 in „Chess Structures“ behandelt die „Caro-Kann-Struktur“, erklärt potenzielle Pläne für beide Seiten und zeigt Beispielpartien.

Es gibt sogar ein Rezeptbuch dafür, das wir an dieser Stelle schon lobend erwähnt haben. Auch den Autor von „Chess Structures“, Großmeister Mauricio Flores Rios, haben wir schon separat auftreten lassen: als Schachlehrer während zwei seiner Lektionen, die der Schachclub Saint Louis aufgezeichnet und ins Netz gestellt hat.

Im Prinzip günstig für Weiß

Das Konzept hinter „Chess Structures“ ist, generellen Spielideen anhand der geläufigsten Bauernstrukturen aufzuzeigen und dann anhand von Musterpartien ins Detail zu gehen. Das gilt zum Beispiel für die „Caro-Kann-Struktur“, womöglich die häufigste Struktur im praktischen Schach, die Flores Rios zwar so genannt hat, die aber auch anders heißen könnte, weil sie aus so vielen Eröffnungen entstehen kann: aus halboffenen Spielen wie Caro-Kann, Aljechin-Verteidigung, Rubinstein-Französisch, Skandinavisch ebenso wie aus vielen Systemen aus dem d4/d5-Komplex.

Im Prinzip ist diese Struktur günstig für Weiß, dessen Zentrumsbauer ihm Raumvorteil und Optionen gibt: einen Springer auf dem Vorposten e5 verankern zum Beispiel, gefolgt von einem Königsangriff. Oder ein Vormarsch des c-Bauern bis c5, was zum einen den schwarzen Hebel …c5 unterbindet und zum anderem einem weißen Springer einen noch garstigeren Vorposten auf d6 bescheren kann.

Elisabeth Pähtz hatte jetzt beim Challengers-Turnier in Wijk an Zee eine Caro-Kann-Struktur auf dem Brett (siehe weiter unten). Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Gegner sich auf typische Weise befreit. (Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess)

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