Juni 21, 2024

Analogie: Psychoanalyse, Quantenphysik, Schach

Analogie: Psychoanalyse, Quantenphysik, Schach

„Das Unbewußte ist eine regelmäßige und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und kann entweder so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten…“ Sigmund Freud, Studienausgabe Band III, Psychologie des Unbewussten (1912/1982, S. 33/34). 

„Wenn doch alles aus kleinsten Teilchen besteht, die Quanteneffekten gehorchen, warum merken wir im Alltag dann nichts mehr davon? Wo endet die Welt der Quanten…?“ Tim Folger, An der Grenze zur Quantenwelt, Spektrum der Wissenschaft, Nr. 8, 2018, S 13.

„Etwas Genaueres als die Wirklichkeit gibt es nicht…“ Schachgroßmeister Dr. Robert Hübner in Harenberg, Schachweltmeister, 1981, S. 102/103.

 

Analogie?  Hirngespinnst?

Wie aus dem Nichts. Gerade noch unbewusst –  jetzt aufgetaucht. Meine übereifrigen neuronale Netze wollen beim Lesen eines Freudtextes – Zitat oben – was Erstaunliches entdeckt haben. Dann sagts mir.

Eine seltsame Parallele zwischen  Psychoanalyse und Quantenphysik

„…jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und kann entweder so bleiben oder sich weiterentwickelnd zum Bewußtsein fortschreiten…“

Treffendes Zitat, aber was hat das mit Quantenphysik zu tun? Ich suche bewusst weiter:

„Die physiologischen Vorgänge hören nicht auf, sobald die psychischen begonnen haben, vielmehr geht die physiologische Kette weiter, nur daß jedem Glied derselben (oder einzelnen Gliedern) von einem gewissen Moment an ein psychisches Phänomen entspricht. Das Psychische ist somit ein Parallelvorgang des Physiologischen (‚a dependent concomitant‘)“, Freud 1915 / 1982, S.166).

Aha, Quanten (-prozesse?) bleiben bestehen, sind relevant und unerkannt,  auch wenn diese sich im Makrobereich manifestieren.

Und damit sind wir bei  Fragestellungen der modernen Quantentheorie:

Gibt es eine Grenze zwischen dem Mikro-  und dem Makroreich?

Gehen die quantenphysikalischen Vorgänge im Makrobereich weiter?

Wie findet der Übergang zwischen Prozessen und Strukturen  – ProStructures –  zum / im Alltagsbereich statt?

Betonen wir unsere menschliche Weltsicht zum Nachteil der Quantenrealität oder ist es gerade umgekehrt?

Grenzen der Quantenwelt 

Wo sind die Grenzen der Quantenwelt, falls es sie gibt? 

„Unsere alltägliche Welt hingegen offenbart keinerlei Quantencharakter. Vom Virus an aufwärts manifestiert sich jeder Gegenstand stets an genau einer Stelle. Die Krux dabei: Wenn doch alles aus kleinsten Teilchen besteht, die Quanteneffekten gehorchen, warum merken wir im Alltag dann nichts mehr davon? Wo endet die Welt der Quanten…?“ T. Folger, An der Grenze zur Quantenwelt, Spektrum der Wissenschaft, Nr. 8, 2018, S. 13.

Unbewusstes und Quantenprozesse im Gehirn gleichermaßen vernachlässigt 

Unbewusste Vorgänge und Quantenprozesse sind schwer (be)greiflich – besteht da ein Zusammenhang?

Verlaufen diese im Gehirn parallel, sind sie verwandt? Brechen Wellen zusammen und entstehen neue? Gibt es Verschränkung und Emergenz? Determinierende Tendenzen?

Das ist aber weit bzw. tief hergeholt von Freud – nein, wie  gesagt, von meinen übereifrigen neuronalen Netzen. Genug der Spekulation! Zurück zu Freud:

Unterschätzung des Verborgenen

Vor über hundert Jahren bezeichnete er es als eine „unliebsame Behauptung der Psychoanalyse“  (1916/1982, S. 47), „daß die seelischen Vorgänge an und für sich unbewußt sind und die bewußten bloß einzelne Akte und Anteile des ganzen Seelenlebens.“

Freud wendet sich – in diesem Sinne – gegen eine Überbetonung bewußter Prozesse und Inhalte. „Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Maße zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der intellektuellen und künstlerischen Produktion …Es ist das vielmißbrauchte Vorrecht der bewußten Tätigkeit, daß sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer sie mittut“ (1900, S. 581). 

Ach, unsere Realität verdeckt uns analog die Quantenwirklichkeit? Vielleicht verstecken sich die Quanten ja absichtlich, spielen Spielchen mit uns: Tricksen, Tarnen Täuschen?!

Bewusst durch Sprache oder Mustererkennung

Wann wird etwas bewusst, wenn es sprachlich formuliert wird. Vielleicht auch, wenn eine bildhafte Vorstellung auftaucht, zum Beispiel beim Schach. Hier tut sich ein wichtiger Forschungsbereich auf.

Schach: unbewusste unf bewusste Prozesse

Für das Schachspielen ist bewusste und unbewusste Informationsverarbeitung mittels kognitiver Prozesse und mentaler Inhalte fundamental. Hier seien genannt: Wahrnehmung, Musterkennung, Gedächtnis, Arbeitsgedächtnis, Vorstellungsvermögen, Schachkenntnisse und Konzentrationsfähigkeit sowie Schachliches Denken: Zugsuche und Zugwahl, Intuition, Kreativität, Planung, Berechnung, Stellungsbewertung,  Entscheiden und Handeln.

Siehe dazu mein SCHACH-Prozess-Modell

https://www.chess-international.com/?p=66716

oder

The SCHACH-Process-Model (Update 2023) –  International Version

https://www.chess-international.com/?p=67147

Dr. Hübners Sichtweise

Schachgroßmeister Robert Hübner erklärt rein logisch – ohne Bezug auf  Quantenphysik:

„Es gibt meines Erachtens die Realität, die zu jedem Zeitpunkt nur eine einzige Form hat, gemäß dem Gesetz, daß A gleich A ist. Die Menschen sind aber nicht in der Lage, diese Realität vollständig zu erfassen. Es besteht für sie nur die Möglichkeit, sich dieser Realität anzunähern, und zwar dadurch, daß sie logische Schlüsse ziehen oder ihre Sinnesorgane gebrauchen (in Harenberg 1981, S.80/81).

Zum Schach 

Beim Schachspiel ist die realistische Einschätzung der Lage und Möglichkeiten ausschlaggebend für den Erfolg: Dr. Hübner erklärte im Schachkontext: „…das Aufnehmen der Information ist ein äusserst vielschichtiger Prozess…der auf die Spielstärke maßgeblichen Einfluss ausübt. Es ist höchst wichtig, dass die Konstellationen korrekt erfasst und strukturiert werden: es darf nichts an ihnen Wesentliches fehlen… Die mit ihnen verknüpften Bewertungen müssen richtig, die ihnen zugewiesenen Abläufe sinnvoll sein“ (Hübner in Munzert 1988 bzw. 5. Aufl. 1998, S. 191).

Und jetzt noch ein wenig klassische Physik  Schachgroßmeiste Hübner spricht in Hinblick auf die „Stellung der Steine“ von „Kräftekonstellation“ (in Harenberg 1981, S. 102) und davon, „bestimmte Probleme in diesem Kräftesystem zu lösen“ (S. 114).

Wie sehen Sie das Alles?

Dr. Reinhard Munzert 2024

Copyright Dr. R. Munzert, 2024