April 16, 2024

Mitropa Cup – Runde sechs: Sturm auf die Bastille


Das war ein kleiner Sturm auf die Bastille, den die deutschen Mannschaften in der sechsten Runde mit ihrem Doppelsieg über Frankreich auf den Schachbrettern inszenierten. Dem 3,5:0,5-Triumph der Frauen ließen die Männer ein 3:1 folgen – hier war es Rasmus Svane, der gegen halb neun als Letzter das Licht der Tricolore ausknipste. Nach einem wilden Kampf hätte ihm ein Remis zum Mannschaftssieg genügt, doch weil sein Gegner sich die letzte Ungenauigkeit leistete, führte Rasmus das Endspiel sicher zum vollen Punkt. Nach den deutschen Männern haben nun auch die Frauen die alleinige Spitze im Turnier übernommen – zum einen, weil sie mit den Französinnen einen unmittelbaren Konkurrenten aus dem Feld schlugen, zum anderen, weil auch die Schweiz beim 2:2 gegen Italien das deutsche Tempo nicht mehr halten konnte.

Zwei Stunden zuvor waren im Analyseraum in der ersten Etage der Apoldaer Stadthalle die Plätze knapp geworden. Fast im Minutentakt waren Lara Schulze, Matthias Blübaum und Frederik Svane mit vollen Punkten in der Tasche einmarschiert, so dass sich vor dem Streaming-Bildschirm ein kleiner Stau gebildet hatte – eine Warteschlange des Glücks. Den Anfang hatte Jana Schneider gemacht, die mit einem schönen Scheinopfer des Turms die gegnerische Stellung geknackt und anschließend umgehend lahmgelegt hatte.

Lara Schulze musste in ihrer Partie gegen Camille Blanquet zwar eine kleine Überraschung verdauen („Sie hat ihr Leben lang immer Caro-Kann gespielt und kommt nun mit Philidor um die Ecke“), konterte aber mit der eher seltenen Attacke am Königsflügel (4. h3, 5. g4) prompt. Später eroberte sie die gegnerische Grundreihe, wo den schwarzen König schnell sein Schicksal ereilte.

Hanna Marie Klek verwaltete erst einen, dann zwei Bauern und schließlich gar eine Figur mehr, musste sich aber weitere 20 Züge bis zum vollen Punkt mühen, weil sie zwischenzeitlich mit dem falschen Stein geschlagen hatte (29. …Dxf2!). Einem sicheren Gewinn entgegenzustreben schien am Spitzenbrett auch Josefine Heinemann, die zeitig im Turmendspiel einen (noch dazu: entfernten) Bauern eroberte. Der spätere Gewinn eines zweiten Bauern (44. …Txg3?) machte nur auf den ersten Blick einen guten Eindruck.

Tatsächlich aber vergab der Sidestep des Turms die lehrbuchhafte Gelegenheit, den schon vorhandenen Freibauern mittels e5-e4 sofort auf die Reise zu schicken. Ein bereits entscheidender Zeitverlust, der gegen Yosha Iglesias schließlich einen halben Punkt kostete.

Die 36 Jahre alte Französin hatte jüngst Schlagzeilen gemacht, weil sie als erste Transgender-Spielerin die Norm für den Titel einer Internationalen Frauenmeisterin erfüllt hatte. „Ein Kindheitstraum wird wahr“, hatte Iglesias nach der entscheidenden Normerfüllung im Dezember auf ihrem X/Twitter-Account gepostet. Eine souveräne Vorstellung zeigte Matthias Blübaum, der IM Joseph Girel gekonnt ausmanövrierte und dem Franzosen keine wirkliche Chance ließ.

Kompromissloser zog er nur mit sich selbst vor Gericht. Nach einer kleinen, erkannten Ungenauigkeit (27. …axb3) auf dem Wege zum Sieg kam Blübaum nicht umhin, sich in unnachahmlicher Art in grandioser Selbstbeschimpfung zu ergehen: „Ich bin einfach der größte Trottel der Welt.“ Mit solcherlei Gedanken musste sich Frederik Svane nicht abgeben. Er hatte den schwarzen König auf b5 sehenswert in die Klemme zwischen beide weiße Türme gebracht, wonach sein Gegner das Matt nicht mehr abzuwenden vermochte.

Und ein angesichts der königlichen Atemnot aufscheinendes Patt schaffte es nur als konstruierte Spielerei auf das Analysebrett. Bliebe noch Dmitrij Kollars. Der Seriensieger der vergangenen Tage (drei Partien, drei Punkte) stand in einer Schottischen Partie schnell mit dem Rücken zur Wand. Die versammelte weiße Streitmacht zielte auf den schwarzen König, so dass dessen Ende nur eine Frage der Zeit war. Trotzdem hätte der Deutsche fast noch einmal den Kopf aus der Schlinge gezogen, die sein Gegner gelockert hatte, als er mit einem Turm auf unnötige Bauernjagd gegangen war. Doch war der Pfad ans rettende Ufer für Kollars letztlich zu schmal.

Axel Eger

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