Juni 23, 2024

Interview mit Jörg Schulz zum Thema Prävention sexualisierter Gewalt

Liebe Schachfreundinnen, liebe Schachfreunde, 

mit diesem Interview beende ich für mich dieses nicht erfreuliche, aber wichtige Thema, (außer es kommen Neuigkeiten)  und wünsche allen Leserinnen und Lesern offene Augen, aber keinerlei Hysterie. 

Jörg Schulz ist auf dem Thema ein Experte. Er ist vielleicht nicht immer ein einfacher Mensch, dafür ist er extrem konsequent (was auch was hat), ein absoluter Humanist, ich halte seine  Gedanken oftmals für wunderbar. Er gehört zu den Leuten, die ich öfters um Rat frage. Es wäre ein riesiger Fehler, nicht von seiner jahrzehnelangen Erfahrung zu profitieren. 

 

Hallo Jörg, bitte stelle dich vor!

Moin Walter, ich bin seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Deutschen Schachjugend als Vorsitzender und Geschäftsführer tätig gewesen. Jetzt bin ich noch als Beauftragter für Ausbildung aktiv und als Vorsitzender der Deutschen Schulschachstiftung. Der Staat sagt, ich bin Rentner, von Ruhestand ist allerdings noch keine Rede.

Du hast jahrzehntelang viele schöne, aber auch nicht so schöne Dinge im Schach erlebt. Gibt es sexuellen Missbrauch im Schach?

Ja, es gab viele, sehr viele wunderschöne Erlebnisse in der Kinder- und Jugendarbeit. Aber, das lässt sich wohl nicht verhindern, auch einige weniger schöne.

Natürlich kommt es auch im Schachsport zu sexuellem Missbrauch, auch wenn wir im Schachsport dazu neigen, alles zu ignorieren, was im Sport, in der Gesellschaft vorkommt. Ob es sich nun um Betrug und Unfairness handelt, ob um Doping im Schach und im Sport, oder eben um den komplexen Bereich sexueller Missbrauch im Sport. Viele glauben immer noch, wir sind der bessere Sport. Dabei stehen wir doch mitten in der Gesellschaft und sind nichts Besonderes!

Wo lauern denn die Gefahren beim sexuellen Missbrauch im Schach?

Es geht dabei um Macht, darum Abhängigkeiten zu schaffen. Im Schach, im Sport, in der Schule, Kirche, überall wo es Jugendgruppen gibt. Die späteren Täter:innen verfolgen eine bestimmte Strategie. Sie machen sich in der Gruppe, hier im Schachverein, unverzichtbar. Sie sind der gute Geist im Verein, sie schaffen zu sich Vertrauen im Verein. Sie schaffen sich geschützte Räume für ihre Taten. Im Schach ist es zum Beispiel der Raum Einzeltraining. Man bietet einzelnen Kindern und Jugendlichen an, sie noch intensiver zu fördern, da sie so talentiert sind. Das geschieht zuerst in den Familien der Kinder, Jugendlichen. Zuerst noch unter Aufsicht, dann, da man ja Vertrauen in den Trainer, die Trainerin setzt, ohne Aufsicht. Der nächste Schritt ist dann das Training in der Wohnung des Trainers. Das sei ja viel praktischer für alle, wird den Familien suggeriert. Und wie zufällig liegt dann da offen ein Pornoheft rum, läuft ein Video auf dem Laptop, wird das Kind, der Jugendliche in Gespräche verwickelt. „Hast du schon mal …, komm lass uns doch mal …“. Danach wird dann aus den beiden eine verschworene Gemeinschaft. „Das bleibt jetzt aber unter uns, das muss keiner wissen, das ist unser beider Geheimnis.“ Das Opfer schweigt, will den Trainer nicht verlieren, er fördert ihn ja, er nominiert im Verein, stellt die Mannschaften auf.

Ist das die Theorie, oder sind dir bestimmte Fälle bekannt?

Die Strategien der Täter:inen sind bekannt, nachgewiesen. Und ja an mich sind verschiedenste Fälle von sexualisiertem Missbrauch im Schach herangetragen worden, mit denen wir uns beschäftigen mussten, wo wir Trainer:innen sperren mussten, in denen es auch zur Anklage kam, zu Verurteilungen. Genau nach dem beschriebenen Muster, oft beim Einzeltraining.

Wobei der sexuelle Missbrauch ein komplexer Bereich ist. Es geht nicht immer um die harten Fälle, es fängt oft im Kleinen an. Wir mussten uns mit Trainer:innen  beschäftigen, wobei es meist Trainer waren, die sich bei Meisterschaften Jugendlichen genähert haben, sie bedrängt haben, oft durch schriftliche Nachrichten über die sozialen Medien. Und dabei das Nein der Jugendlichen nicht akzeptiert haben. Es geht aber auch um herablassende Redewendungen gegenüber Jungen und Mädchen, wobei oft nicht bedacht wird, wie das bei den Betroffenen ankommt, was es bei ihnen auslösen kann.

Es geht um Missbrauch unter Jugendlichen, wobei es dabei auch um Macht geht. Schwächere Jugendliche werden genötigt sich vor anderen auszuziehen, sich zu entblößen, werden dabei gefilmt. Auch mit solchen Fällen mussten wir uns beschäftigen und aktiv werden.

Wie reagieren Vereine und Verbände auf solche Fälle?

Leider oft durch Wegschauen, durch ignorieren. Opfer von sexuellem Missbrauch tragen das mit sich herum, öffnen sich selten oder nur sehr spät Dritten gegenüber. Und das Schlimmste, was ihnen dann passieren kann, sozusagen die zweite Tat nach der ersten, ist dann auf Misstrauen und Ablehnung zu stoßen. Hier greift dann die beschriebene Strategie der Täter:innen. „Er, sie ist doch ein solch guter Trainer, gute Trainerin, das kann gar nicht sein.“ „Wenn wir den, sie verlieren, dann bricht doch bei uns im Verein alles zusammen.“ Es gibt viele nachgewiesene Fälle, wo am Ende das Opfer den Verein verlassen musste und nicht der Täter. Eben die zweite Tat, die fast noch schlimmer ist als die erste!

Die Taten werden oft nicht ernst genommen, die Komplexität nicht erkannt. In dem beschriebenen Fall des Missbrauchs unter Jugendlichen, versuchten Eltern zu relativieren. „Mein Sohn hat ja nur die Kamera gehalten, der andere war doch der eigentliche Täter.“ Aber es gibt eben auch die Eltern, die sofort reagieren, mit ihren Söhnen, Töchtern nach Gründen suchen, die Tat aufarbeiten, zur Therapie gehen.

Genauso kann man sagen, es hat sich in den letzten Jahren auch in den Verbänden und Vereinen einiges getan. Es gibt Vereine mit eigenen Schutzkonzepten, Ansprechpersonen, die sich professionellen Rat holen.

Aber zur Wahrheit gehört auch, der Schachsport steht bei der Prävention gegenüber sexuellem Missbrauch noch am Anfang seiner Arbeit. Das Thema ist noch nicht in allen Köpfen der Handelnden angekommen.

Wie kann ich als Übungsleiter:in erkennen, dass es zum sexuellen Missbrauch gekommen sein kann?

Das ist nicht leicht und erfordert genaues Hinschauen. Opfer tragen den Kampf nach dem Missbrauch meistens mit sich aus, schämen sich, suchen oft sogar die Schuld bei sich. „Welche Signale habe ich gegeben, dass es dazu kommen konnte?“ Sie reagieren aber trotzdem erkennbar. Aktive, offene Jugendliche werden plötzlich verschlossen, ziehen sich zurück, verlieren ihr Interesse am Training, an ihrer Sportart, an der Gruppe. Andere werden aggressiv, aufsässig. Dies veränderte Verhalten mag verschiedene Gründe haben, muss nichts mit einem Missbrauch zu tun haben, aber man muss als Verein darauf eingehen, darf den Gedanken nicht wegschieben, dass die Gründe für das veränderte Verhalten eben auch sexueller Missbrauch sein kann.

Welchen Rat gibst du, wenn Personen so etwas auffällt?

Kein schneller Aktionismus. Damit kann man viel kaputtmachen. Eine Vertrauensperson im Verein finden, die das Gespräch sucht mit den Jugendlichen, auch mit den Eltern. Und vor allem sich professionelle Hilfe holen. Es gibt viele Organisationen, Vereine, die darauf spezialisiert sind zu beraten, Hilfe zu geben. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich an sie zu wenden, sondern ein Zeichen von Stärke. Auf der Seite der Deutschen Schachjugend findet man dazu Hinweise und Kontaktdaten:

https://www.deutsche-schachjugend.de/dsj-inside/gesellschaftliche-verantwortung/kinderschutz/

Wichtig aber vor allem ist, mit offenen Augen im Verein aktiv sein. Und Anzeichen nicht ignorieren, sondern ernst nehmen. Nicht zum zweiten Täter werden.

Und wenn sich herausstellt, dass es zu einem sexuellen Missbrauch gekommen ist, sich schützend vor das Opfer stellen und nicht den Täter schützen. Nichts gegen den Willen des Opfers unternehmen. Das Opfer entscheidet über das weitere Handeln.

Und als Verantwortlicher im Verein auch im Auge behalten, wer sind die Übungsleiter:innen, welche Ausbildung haben sie, welche Motivation haben sie, wie verhalten sie sich? Sie sind das Kernstück der Vereinsarbeit, daher muss da auch hingeschaut werden.

Welche Stellen sind beim DSB und bei der DSJ hierfür zuständig?

Beide Organisationen haben eine offizielle Beauftragte für Prävention. Beim DSB ist es Astrid Hohl (praevention@schachbund.de oder 030 / 3000 78 50). Bei der DSJ ist es Victoria Hauk (psg@deutsche-schachjugend.de). Auf der schon genannten Internetseite der DSJ findet man weitreichende Informationen zum Thema. Beim DSB ist es die Seite https://www.schachbund.de/safe-sport.html

Was ist dein Wunsch für die Zukunft?

Es ist nicht ein Wunsch, es sind viele Wünsche.

Der Hauptwunsch ist,

  • Leute nehmt das Thema ernst, egal auf welcher Ebene ihr aktiv seid.

Weitere Wünsche sind zum Beispiel:

  • Zum Thema Prävention muss flächendeckend ausgebildet werden. In die C-Trainerausbildung muss das Thema mit einem vernünftigen Stundenkontingent aufgenommen werden. Denn man muss Trainer:innen auch zeigen, wie sie sich schützen können.
  • Auf allen Ebenen muss es Ansprechpersonen geben, die sich in die Thematik eingearbeitet haben und auf ihren Ebenen Einfluss haben, ernst genommen werden.
  • In den Vereinen, vor allem mit Jugendarbeit, muss es ein Schutzkonzept geben, dass vom Vorstand zusammen mit den Übungsleiter:innen erarbeitet wird. Diesem haben sich alle zu unterwerfen ob mit einem Ehrenkodex oder einem Führungszeugnis.
  • Auf Meisterschaften, größeren Veranstaltungen muss es Ansprechpersonen geben und deren Kontaktdaten sichtbar veröffentlicht werden.

Und zum Schluss noch einmal:

Schützt und helft den Opfern sexualisierter Gewalt und schützt nicht die Täter:innen!