Februar 25, 2024

Relativität im Schach (2)

Relativität im Schach (2)

Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete. Beide sahen auf ihre Weise, daß sowohl im großen Universum als auch auf dem kleinen Schachbrett alle Wertmaßstäbe vom Bezugssystem abhingen.“ (Prof. Joachim Petzold: Das königliche Spiel 1987, S. 227).

Fast eine Männerfreundschaft: Einstein und Lasker – Zur Bekanntschaft der Geistes-Riesen

Der Nobelpreisträger und der Schachweltmeister kannten sich persönlich. Einstein erinnert sich, „habe ihn auf gemeinsamen Spaziergängen gut kennengelernt, auf denen wir unsere Meinungen über die verschiedensten Fragen austauschten“ (aus Einsteins Geleitwort zur Lasker-Biografie von Hannak 1952/1965, S. 3). Der Physiker nannte Lasker einen „eminent produktiven Menschen“ (S. 3), sprach von „Laskers unbeirrbarer Selbständigkeit“ sowie seinem „scharfen analytischen Geist“ (S. 4).

Der Weltmeister hatte sich kritisch mit Einsteins Relativitätstheorie auseinandergesetzt, insbesondere mit der Lichtgeschwindigkeit, und einen Beitrag für das Buch Hundert Autoren gegen Einstein (Hrsg.: Israel, H. 1931/2012) verfasst (siehe dazu auch Laskers Ausführungen in Hannak 1965, S. 303). Der geniale Physiker nahm dies dem „kritischen Geist“ nicht übel. Einsteins gelassene Antwort an die 100 Autoren war übrigens: „Wenn ich unrecht hätte, wäre einer genug!“ (zit. nach Hawking 1988, S. 220). 

Eigene Erkenntnissuche

Meine Forschungsarbeit führte zur Bestätigung und Differenzierung klassischer Aussagen über Laskers Bedeutung und Denkweise, zu neuen Erkenntnissen und schliesslich zur Konzeption eines Relativitätsprinzips für Schach.

(Ausführliche Darstellung und Erörterung einschliesslich zweier psychologisch interessanter Partien Tarrasch-Lasker 1908 und Lasker-Capablanca 1914 bei Munzert 1999 in Lasker & Munzert: Gesunder Menschenverstand [Neuherausgabe] & Relativität im Schach 1999 oder 2. Aufl. 2004. Daraus mehrere Auszüge im vorliegenden Beitrag, ergänzt durch weitere Überlegungen und Fakten).  

Absolutes und Relatives zum Schach – Was ist der bestmögliche Zug?


Als ich mich bei der Vorbereitung eines Vortrags mit der Beziehung zwischen Einstein und Lasker befasste, kam mir plötzlich der Gedanke, dass Lasker in gewissem Sinne auch eine Relativitätstheorie entwickelt hatte, nämlich die des Schachzugs. Zunächst musste ich über diesen merkwürdigen Gedanken lächeln und fragte mich, was wohl Lasker dazu gesagt hätte. Die Bezeichnung „Relativitätstheorie“ erschien mir für das Schach dann doch zu weit hergeholt und so versuchte ich, wieder seriös zu denken und die Relativitätstheorie den Physikern zu überlassen. Doch kam ich von dieser Idee nicht mehr los; mir ging dabei vor allem die Kontroverse um den „besten Zug“ im Kopf herum. Zu dieser Thematik hatten Steinitz, Tarrasch und Lasker äusserst interessante Ausführungen beigetragen (vgl. Munzert 1984 oder 1998, Kap. 1).

Objektiv bester oder erfolgversprechendster / unangenehmster Zug?


Steinitz, der Hauptbegründer der wissenschaftlichen Schachtheorie, erklärte in seinem „Modern Chess Instructor“, dass man sich stets nach (seinen) Prinzipien des Positionsspiels richten solle und vernünftiges, logisches Denken ausschlaggebend für den Erfolg des Schachspielers sei (1889/1984, S. XXVII): „…the results of Chess contests are strictly based on a scientific and logical foundation…It is, therefore, purely a battle of the reasoning qualities that decides the issue in a game of Chess.“

Ein psychologisches Verständnis des Gegners spiele dabei keine Rolle. Steinitz hatte über sich selbst erklärt: „Meine gesamte Aufmerksamkeit ist auf das Brett konzentriert. An die Person meines Gegners denke ich dabei überhaupt nicht“ (zit. nach Hannak 1965, S. 38).

Tarrasch und der beste, einzig richtige Zug


Kommen wir zum absolut-denkenden Tarrasch. Dieser hervorragende Schachtheoretiker wandte sich gegen eine Spielweise, die dem Spieler völlig freie Hand bei der Wahl seiner Züge lässt (1931, S. 306): „Man kann im Schachspiel überhaupt nicht tun, was man will, wenn man richtig spielen will, sondern man muß das tun, was man muß, was die Stellung verlangt…Jede Stellung muß man als ein Problem betrachten, bei dem es gilt, den richtigen Zug, den die Stellung erfordert und der fast immer ein einziger ist, zu finden. Nebenlösungen gibt es so gut wie gar nicht in der Schachpartie, mit Ausnahme der ersten Eröffnungszüge, wo die Wahl freisteht. Häufig, besonders wenn der eine Spieler bereits stark im Vorteil ist, sieht es so aus, als ob ihm mehrere gleich gute Züge zur Verfügung ständen. Bei näherer Untersuchung aber stellt es sich meist heraus, daß ein Zug der stärkste, der allerstärkste ist, und nur der ist der richtige. …nichts ist im Schach schwieriger, als von mehreren gleich gut erscheinenden Zügen den besten, den einzig richtigen herauszufinden“.

Laskers Kommentar: Der meisterliche Zug ist nur selten eindeutig bestimmt

Lasker (1925) meinte über Tarrasch: „…sein schachliches System ist aufgebaut auf dem bestimmten Artikel. Bei ihm heißt es oft: der korrekte Zug; selten: ein korrekter Zug; er sagt immer: der beste Zug, nie: ein bester Zug“ (S. 174). Lasker betont hingegen: „Aber die Logik des Schachspiels ist nicht von der rechenmäßigen Art. Der Rechner findet 2+2 = 4, der meisterliche Zug im Schach aber ist nur selten eindeutig bestimmt“ (1925, S. 171).

Relativität im Schach


Beim Studium relevanter Texte des Schachschriftstellers Dr. Hannak zu Steinitz und Lasker, merkte ich, dass die Formulierung einer Relativitätstheorie des Schachs schon in der Luft lag, ohne jedoch aufgegriffen worden zu sein. So fasst Hannak die Unterschiede zwischen den Standpunkten von Steinitz und Lasker folgendermaßen zusammen (1965, S. 38): „Steinitz suchte das absolute Schach, wenngleich er wußte, daß es nur im Lande Utopia zu finden sei. Lasker aber suchte erst gar nicht dieses absolute Schach, sondern er tat seine Augen auf und suchte den Menschen…Im Denkprozeß Steinitz und Tarraschs hatte der Gegner überhaupt keine Rolle gespielt. In ihrer Theorie war es ganz gleichgültig, wer der Gegner war. In Laskers Theorie hingegen war das Entscheidende – der Gegner! Steinitz hat den jeweils wissenschaftlich richtigsten Zug gesucht…Lasker aber hat nicht der wissenschaftlich richtige Zug, sondern immer nur der für den konkreten Gegner unangenehmste Zug interessiert, gleichgültig, ob er ‚wissenschaftlich‘ richtig oder falsch war. Nach seiner These gab es soviel richtige Züge, als es psychologisch differenzierte Gegner gab. Steinitz und Tarrasch haben Schach in unerreichter Abstraktion gespielt, Lasker aber hat mit lebenden Menschen gespielt, mit jedem anders, jeden unter das Gesetz seines psychologischen Denkens zwingend“.

Ausserdem erklärt Hannak (1936/1989, S. 59-60; 1965, S. 36-38): Steinitz und Tarrasch hätten beide „die absolute Wahrheit“ im Schach gesucht. Bereits Steinitz sei gleichwohl „letztlich von der Relativität aller Erkenntnis“ überzeugt gewesen und habe im Hinblick auf das Schach darunter gelitten. Tarrasch hingegen habe an „die Erreichbarkeit der absoluten Wahrheit“ geglaubt. Er sei von der Möglichkeit ewiger Schachprinzipien überzeugt gewesen und habe „den absolut richtigen Zug“ gesucht. Lasker verstand wie Steinitz den „Relativismus“, akzeptierte und gebrauchte diesen für seine Spielführung.

Schachlicher Realismus / Wirkung und Relativität

Lasker schrieb und sprach oft vom gesunden Menschenverstand, vom schachlichen Realismus, vom Kampf im Schach und im täglichen Leben; Zug- und Handlungsmöglichkeiten prüfte und bewertete er realistisch im Vergleich miteinander. Allerdings fand ich bei Lasker keinen Gebrauch der Begriffe relativ oder Relativität in Hinblick auf Schach. Seine folgenden Ausführungen verdeutlichen meines Erachtens dennoch sein relativistisches Denken und Handeln. Im Buch „Das Schachspiel“ (1931) führt er bei der Beschreibung der Wirkungsweise der Schachfiguren (mit Rückgriff auf die Nibelungensage) aus (S. 39): „Wirkung, die auf einen Feind stößt, der für sie empfänglich oder empfindlich ist, ist das, was ich unter Kraft verstehe. Kraft ist gleichsam das Produkt von Wirkung und Empfindlichkeit. So äußert sich die Kraft im Kampfe: sie wächst sowohl mit dem Grade der Wirkung als auch mit dem Maß der Empfindlichkeit. Also etwa: eine gegen Siegfried gezückte Waffe war kraftlos, sofern sie nicht, wie in der Hand Hagens, gegen seine verwundbare Stelle eingesetzt ward.“

Als ich damals die Schachliteratur nach Hinweisen auf Einstein durchforschte, fand ich eine Stelle, bei der eine „Relativitätstheorie des Schachs“ schon unscharf zwischen den Zeilen stand. Das Zitat steht schon ganz oben, hier nochmals verkürzt (Petzold 1987, S. 227): „Einsteins Relativitätstheorie wurde zur gleichen Zeit formuliert, da Lasker am Schachbrett nach dem relativ besten Zug trachtete.“ Auch dies hat mich ermutigt, die Idee einer Relativitätstheorie für das Schach weiter zu verfolgen.

Wird fortgesetzt

Dr. Reinhard Munzert

Copyright Dr. R. Munzert, 2023