Februar 25, 2024

Relativität im Schach (1)

Relativität im Schach (1)

„Schachspieler…sind Skeptiker und Relativisten durch und durch“ (Prof. Adriaan de Groot, Schachmeister und -forscher; in Harenberg 1981, S. 100).


„Alles ist relativ“ (relativ gut bestätigte Erkenntnis).


Schachpsychologie verdeutlicht, dass im Schachgeschehen der menschliche Faktor Gewicht hat. Es ist klar, Schach ohne SpielerInnen wäre nur eine hölzerne Theorie, benötigt also denkende und handelnde Akteure, die die Figuren mental und konkret bewegen.

(Zu Schachcomputern / Engines bzw. -Programmen mit menschenähnlichen neuronalen Netzen: 

Neuronale Netze / Neurocomputing im Schach: Munzert, R. ; Lai, M. (Giraffe), AlphaZero / Google; ChatGPT

Das Relativitätsprinzip im Schach betont nun besonders die psychologische Seite des Wettkampfs und einen gegnerorientierten Ansatz. 


[Vorläufig besteht hier noch kein offenkundiger Bezug zur Quantentheorie. In späteren Beiträgen werden wir eine Verbindung zwischen Schachrelativität und quanten-zentrierter  Schachbetrachtung versuchen. – Kurz erwähnt sei, dass die beiden Hauptsäulen der modernen Physik: Relativitätstheorie und Quantentheorie noch nicht vereinigt werden konnten. Für viele Physiker wäre die entsprechende vereinheitlichte Theorie, der heilige Gral ihrer Wissenschaft.]

Weltmeister Laskers psychologische Denk- und Spielweise: auch Relativität im Schach?

Der deutsche Schachweltmeister Dr. Emanuel Lasker (1868-1941) verstand dieses Spiel als geistigen Kampf und berücksichtigte die Mentalität der jeweiligen Gegner. Der Schachkampf erfordert einen Bezug zum Gegenüber, und zwar sowohl zu dessen schachtechnischen Fähigkeiten als auch zu seiner Persönlichkeit. Lasker spricht von der „persönlichen Eigenart“ (1909 / 1989, S. 1 *) eines jeden Schachmeisters; diese wollte der Champion verstehen und die jeweiligen Erkenntnisse zur Erreichung seiner Ziele verwerten. Er hat nicht nur die psychischen Stärken und Schwächen seiner Rivalen beachtet, sondern auch deren zukünftiges Denken und Handeln am Schachbrett – u. a. mittels Psychologie – vorauszusehen versucht. Dieser vielseitige Schachmeister brachte mit seiner (philosophischen) Einstellung zum Schach, seiner Betrachtung eines wirksamen Zuges und einer pragmatischen Spielauffassung die Schachrelativität – ohne selbst davon zu sprechen – sehr erfolgreich aufs Brett.

Wie alle kompetenten Schachspieler beachtete Lasker bei der Spielführung verschiedene Gesichtspunkte gleichzeitig. Die Psychologie war dabei ein Faktor, andere Überlegungen spielten mit. Neben Stellungsbeurteilung, Anwendung von Prinzipien, Gebrauch von Intuition und Kreativität sowie Variantenberechnung erfolgte bei der Plan- und Zugwahl Laskers oft eine Einschätzung des Gegners, seiner Fähigkeiten, Eigenschaften, Einstellungen und Absichten, seiner Vorlieben und Abneigungen, seiner psychischen Vorzüge und Unzulänglichkeiten sowie seines momentanen Zustands. Meistens schätzte der Weltmeister seine Rivalen dabei richtig ein; zudem war seine Gewichtung psychologischer Aspekte und Faktoren im allgemeinen hoch.

Einer seiner Nachfolger als Champion, Garry Kasparow, hält fest (1986, S. 7): „Emanuel Lasker war der erste, der sich ernsthaft und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit mit den psychologischen Aspekten des Schachspiels befaßte.“

Der erfolgreiche Schachtrainer Dworetski erläuterte (1994): „Dem zweiten Weltmeister Emanuel Lasker gebührt besonderer Ruhm für seinen psychologisch geprägten Zugang zum schachlichen Kampfgeschehen“ (S. 206). Und (S. 211) „Heute wissen wir recht gut (in großem Umfang gerade dank der Erkenntnisse Laskers), daß es, wenn wir die eine oder andere Stellung bzw. Entscheidung beurteilen, unabdingbar ist, daß wir nicht nur allein die objektive Stärke eines Zuges bewerten, sondern auch die psychologische Seite der Medaille berücksichtigen…“.

Lasker war freilich nicht der erste Schachspieler überhaupt, der psychische Faktoren ins Kalkül zog. Schon in den Urzeiten des Schachs wurden psychische bzw. psychologische Momente beachtet. „Im alten Indien gab es regelrechte Spielrituale, um den Gegner zu beeindrucken und sich selbst zu stimulieren“ (Meyers Schachlexikon 1993, S. 217).

Der erste Schachkenner, der Laskers Einstellung und psychologische Spielweise ausführlich analysierte und beschrieb war Großmeister Réti, dieser führt über den Champion aus (1930/1983, S. 126): „Er studiert die Partien, die Spielweise, die Stärken und Schwächen der Meister, mit denen er zu kämpfen hat. Er sucht nicht die objektiv besten Züge zu spielen, sondern die dem jeweiligen Gegner unangenehmsten, er lenkt die Partie in eine Richtung, welche der Spielweise des Gegners nicht liegt…“.

Lasker besaß die umfassenden Schachfähigkeiten, um Partien bewusst in die vielfältigsten Bahnen lenken zu können. Nimzowitsch hebt Laskers „geniale Vielseitigkeit“ in der Spielführung hervor (1929, S. 9). Seine schachtechnische Stärke war eine wesentliche Voraussetzung, um die Gegner überhaupt in Stellungen bringen zu können, die diesen nicht lagen (vgl. Rellstab 1958, S. 26; Linder & Linder 1991, S. 233). Den meisten Schachspielern gelingt dies nicht ganz so perfekt.

Einige Schachverständige sind nicht davon überzeugt, dass Lasker eine ausgeprägte psychologische Spielweise pflegte. Silbermann & Unzicker (1979, S. 116) schreiben von „der Mär von Laskers psychologischer Partieführung“. Großmeister Dr. Hübner sagte mir, er könne nicht nachvollziehen, dass Laskers Spielweise aussergewöhnlich „psychologisch“ gewesen sei (vgl. Munzert 1993a, S. 21, siehe auch Hübner 1996-1997).

Gerade deshalb wollte ich es genau wissen und habe mir den Luxus erlaubt, mich ausführlich mit Laskers Werk und Leben zu befassen. Es lag nahe, den pragmatischen Schachkämpfer selbst zum Zuge und zu Wort kommen zu lassen, was überaus erhellend und gewinnbringend ist. – Das mag für manche Schachfreunde interessant sein, aber was hat dies mit Relativität im Schach zu tun? Sehr viel, wie ich bald versuche aufzuzeigen.

Wird fortgesetzt

Dr. Reinhard Munzert 

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