Februar 1, 2023

Schach und Quantenphysik (4) – Denk-und Spielmaterial (III): Quantum Zoo und Steppenwolf

„Quantum Zoo – The many guises of our most succesful theory“ (Titelgeschichte New Scientist, 22.1.2011).

„Die Einheit hinter den Gegensätzen“ (Hermann Hesse)

Kaum hatten sich Quantentheoretiker und -Praktiker an die Doppelnatur der Quanten/Wellen gewöhnt oder gelernt, diese zu ignorieren, wurde Alles noch vielgestaltiger.

Die Mehrfachnatur der Quanten am Beispiel des Elektrons

Nobelpreisträger Wilczek hält zur Natur des Elektrons quantenmechanisch uneindeutig fest (2013): „Also, was ist nun eiin Elektron? Es ist ein Teilchen und eine Welle; es ist denkbar einfach und unvorstellbar komplex; es ist genau verstanden und absolut geheimnisvoll; es ist unteilbar und neigt zur kreativen Fragmentierung. Keine einzige Antwort wird der Realität gerecht“ (Spektrum der Wissenschaft (2013).

Ausnahmsweise darf ich einen Nobelpreisträger beim letzten Satz des Zitats zur Optimierung mit dem Wort „allein“ sowie einem Wort „Teil-“ ergänzen. Mein Vorschlag also: Keine einzige (Teil-)Antwort – allein! – wird der Realität gerecht. Viele Aspekte sind komplementär – wie schon Bohr erkannte.

Erscheinungsformen von Quanten, Quantentheorien und -Interpretationen sind unübersichtlich, voller Gegensätze und überhaupt nicht griffig. In der Klassischen Physik hingegen besteht Ordnung und Logik.
Wir erinnern uns an Schrödingers (fehlende).Hoffnung auf ein einheitliches, greifbares Konzept. Wie wär’s damit?

Die Einheit hinter den Gegensätzen

Bekanntlich haben Menschen auch eine vielfältige Natur; so hat die Psychologie hier ähnliche Herausforderungen. Nicht ganz so spannend wie in der Quantenphysik. Ich habe im Rahmen der Psychologie einige Lösungsmöglichkeiten vorgeschlagen und ausprobiert, die auch hier weiterhelfen können. Unterstützt hat mich Hesses Steppenwolf (1927), in dem auch ein Schachspieler vorkommt.

Steppenwolf-Metapher und Schach-Analogie.

„Der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fäden bestehendes Gewebe“ (Hermann Hesse).

Die Schachfiguren-Analogie der Persönlichkeit

Ein Bild, mit dem Hesse den Aufbau der Persönlichkeit und die
Vielfalt des Lebens beschreibt, findet sich in einer aufschlußreichen
Passage des Steppenwolf. Wo der Autor die verschiedenen Aspekte / Komponenten der Persönlichkeit als “Schachfiguren“ eines Lebensspiels charakaterisiert, aus deren einzelnen Konstellationen sich die jeweilige, ständig wechselnde Persönlichkeit zusammensetzt. Hesse läßt einen der Hauptakteure in einer
Art Traumsequenz folgendes Gespräch mit dem Steppenwolf führen:
„Ich bin ein Schachspieler. Wünschen Sie Unterricht über den Aufbau der Persönlichkeit?‘ … Es ist Ihnen bekannt, daß der Mensch aus einer Menge von
Seelen, aus sehr vielen Ichs besteht… Wir zeigen daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen und daß er damit eine unendliche Mannigfaltigkeit
des Lebensspieles erzielen kann. Wie der Dichter aus einer Handvoll Figuren ein Drama schafft, so bauen wir aus den Figuren unsres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit
neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situationen’”.

Was zählt und wirkt sind meist Kombination und Wechselwirkung mehrerer Figuren oder Quanten!

In einer Besprechung von Hesses Buch fragte ein Kritiker: “Wie sollen wir
eine Figur darstellen, wenn unser Wesen ein ganzes Schachbrett miteinander streitender Figuren ist?“

Interessanterweise passen viele Zitate von Hesse, die ich über Menschen, Persönlichkeit oder den Steppenwolf gewählt habe auch auf Quanten.

Und genau das werden wir bei der Quantenphysik mit Schach versuchen:
Gegensätze, Widerspruche, scheinbare Unlogik und Ungriffigkeit in einen verständnisvollen Griff zu kriegen. Wechselwirkungen, Kombinationen, Verknüpfungen, Überlagerungen – sowie noch nicht bei Hesse – Figuren und Quanten als Informationsträger, Emergenz und neu im Zoo Quanten-Schmetterlingseffekt, emergentlement und Determinierende Tendenz.

Wenn Sie an der Steppenwolf-Metapher und der Schachanalogie interessiert sind sowie ein ganzheitliches, umfassendes psychologisches Menschenbild kennenlernen möchten, darf ich auf meinen Artikel Der Steppenwolf und die moderne Psychologie hinweisen:

https://hesse.projects.gss.ucsb.edu/papers/munzert.pdf

Dr. Reinhard Munzert

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