Dezember 5, 2022

Schach und Klassische Physik (III): Felder

Schach und Klassische Physik (III): Felder

Abbildung aus Binet, A. 1894

 

„Feld: Etwas, das Ausdehnung in Raum und Zeit besitzt…“ (Stephen Hawking 1988, S. 226)

 

Braucht man für die Wirkungen der Steine auch die Schachfelder?  Versuchen Sie’s ohne! Wenn es um Bewegung und Wirkung der Schachsteine geht, sind natürlich die Felder, auf denen die einzelnen Steine stehen sowie die Felder auf die sie einwirken und zu denen sie ziehen können, höchst relevant.

 

Bobby Fischer sagt’s knapp: „Ein Zug ist das Bewegen einer Figur von einem Feld auf ein anderes“ (1974/1981, S. 3). 

Verständlicherweise richtet sich die Aufmerksamkeit der Spieler auf die Figuren. Im Gegensatz zu den Figuren kann man ja die Felder nicht bewegen. Trotzdem läuft bzw. zieht ohne Felder gar nichts im Schach. 

 

Im Vergleich zu den verschiedenen Figuren mit ihren diversen Möglichkeiten sind Felder eher unspektakulär. Was soll man auch schon sagen, es gibt 32 weiße und 32 schwarze quadratische Felder auf dem Brett, die abwechselnd aufeinander folgen und auf acht senkrechten Linien sowie acht waagrechten Reihen angeordnet sind. Doch dabei übersieht man leicht ihre enorme Bedeutung – das wird bei uns anders sein. 

 

Eine Figur hat nur Wirkung, wenn sie auf einem Feld steht. Während sogar leere Felder für eine Partie entscheidend sein können. Ein Brett völlig ohne Steine hat wiederum keine Information, weder Dynamik noch Wirkung. 

 

Benjamin Franklin bezeichnete das Geschehen auf dem Brett als „scene of action“ (1779/1986, S. 233),  Am besten stellt man sich Felder und Steine als Einheit vor. Beim Brett auf dem Tisch oder auf dem Bildschirm oder im kognitiven Spielfeld Gehirn.

 

In der Physik ist das Feldkonzept zentral

Einstein brachte bei seinem Versuch Relativitätstheorie mit Quantenmechanik zu verbinden das Konzept „Feld“ ins Spiel. „Ein neuer Begriff taucht in der Physik auf, der bedeutendste Gedanke seit Newton: das Feld“ (Einstein & Infeld 1950/1987, S. 216). 

[Bedauerlicherweise meinten die beiden Physiker damit nicht das Schachfeld 🙂 . Interpretiert man die Namen der zwei  Autoren kreativ, kann man eine Anspielung auf Schach nur relativ unscharf ausschliessen. ] 

 

Aber im Ernst: Einstein wollte mit dem Feldbegriff „zu einer reinen Feldphysik“ kommen (S. 218), was ihm nicht gelang. Als er dies noch hoffte, schrieb er zusammen mit seinem Mitautor „vorläufig müssen wir also noch beides als gegeben hinnehmen: Feld und Materie“ (Einstein & Infeld 1950/1987, S. 218). Schachbrett und Steine (Material) hören sowas gerne! 

 

Im Hinblick auf Einstein schreibt Physikprofessor Rovelli zum elektromagnetischen Feld: „Das Feld ist eine allgegenwärtige reale Entität, die die Radiowellen trägt, den Raum füllt, wie die Oberfläche eines Sees wogen und schwanken kann, und die Elektrizität ‚ringsum verteilt‘ “ (2017, S. 15).

 

Damit nähern wir uns wieder der Quantenphysik / Quantenmechanik. Hier könnte ich noch Relativität im Schach behandeln –

siehe Lasker,E. & Munzert,R.: Gesunder Menschenverstand & Relativität im Schach (1999, 2. Aufl. 2004, nicht jedoch die sog. 3.Aufl. ohne Relativität)

aber mich ziehts wieder zur Quantenphysik, wohl durch spukhafte mentale Verschränkungen.

Exkurs: Schachpartienartiges Buchprojekt von Heisenberg

Bei meiner Ausarbeitung der Thematik Schach und Quantenphysik habe ich einen aussergewöhnlichen Fund gemacht, der meines Wissens in Schachkreisen bislang kaum bekannt ist.

Zum 70. Geburtstag von Nobelpreisträger Heisenberg veröffentlichten frühere Mitarbeiter und Fachkollegen ein Buch mit dem Titel Quanten und Felder.

Ein Beitrag hält fest, dass Heisenberg zusammen mit C. F. v. Weizsäcker ein philosophisches, wissenschaftstheoretisches und quantenphysikalisches „Schach“buch schreiben wollte – und warum es nicht dazu kam:

 

“ Notizen über die philosophische Bedeutung der Heisenbergschen Physik 
C. F. v. Weizsäcker

 https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-83700-4_2

Zusammenfassung

Werner Heisenberg hat mich in den letzten zwei Jahrzehnten mehrfach gefragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm ein Buch zu schreiben, dem er den Arbeitstitel „Schachmeisterpartien“ gab. Er wollte darin die philosophische Relevanz der modernen Physik — die in ihr sich andeutende radikale Änderung unseres Denkens — in einer Anzahl von „Schachpartien“ gegen Anhänger der verschiedenen traditionellen Denksysteme durchdiskutieren; also z. B. gegen einen Materialisten, einen Thomisten, einen Positivisten, einen Kantianer, einen Hegelianer, einen Platoniker. Ich habe ihn enttäuscht durch ein konstantes „Noch nicht“. Mir wäre in einer Reihe der Partien ja wohl die Führung der gegnerischen Steine zugefallen, in der unbequemen Rolle dessen, der etwas präzise vertreten soll, was er selbst nicht glaubt. Dies leisten zu können, hätte mich brennend interessiert, aber ich bin trotz einigen Fleißes im Studium der klassischen Positionen nicht schnell genug vorgerückt. Ihm ist schließlich die Geduld gerissen, und er hat etwas geschrieben, wozu nur er allein fähig war, eine Art Lebenserinnerungen in der Form platonischer Dialoge, unter dem Titel „Der Teil und das Ganze“.

Dazu bald mehr!
Dr. Reinhard Munzert

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