Januar 20, 2022

WM-Match: 6:3 FÜR CARLSEN BEI SCHACH-WM

WM-Match Carlsen – Nepomnjaschtschi
(von Anton Lindenmair, Augsburg)

Herausforderer Nepomnjaschtschi leistet sich einen Fehler, wie ihn sonst Anfänger begehen. Weltmeister Carlsen erntet ohne große Mühe den dritten Sieg binnen vier Tagen.

Am spielfreien Tag hat er seinen Haardutt abschneiden lassen. Einen Freund und Weltklassegroßmeister aus Moskau hat er als Beistand einfliegen lassen. Eine ganz neue Eröffnung hat erlichess_study_game-9_ian-nepomniachtchi-magnus-carlsen gespielt. Und was hat all das Jan Nepomnjaschtschi genützt? Nichts. Er hat noch schlimmer gepatzt als in der achten Partie. Am Sonntag kostete es einen Bauern. Dieses Mal war ein Läufer futsch. Er hat ihn sich aussperren lassen wie ein Anfänger.

Die ganze Schachwelt wusste schon, dass es um ihn geschehen war, als der Russe ahnungslos in seinem Ruheraum saß und sich noch im Vorteil glaubte. Carlsen führte den Zug, der den weißen Läufer fängt, nicht sofort aus, sondern prüfte, ob er irgendetwas übersehen haben könnte. Aber da war nichts. Carlsens Zug sah Nepomnjaschtschi auf dem Bildschirm in seinem Ruheraum. Erst da verstand er, was er angerichtet hatte und kam erst gar nicht mehr heraus. Noch 18 Minuten blieb er hinter der Bühne. Hat er geweint? Den Toilettenkasten zerdeppert? Oder wenigstens etwas Obst zerquetscht?

Als er endlich zurück am Brett war, schaute er mehr in die Luft als auf die Figuren. Viele hätten an seiner Stelle die Hand übers Brett gereicht, um die Partie aufzugeben und möglichst schnell hinter sich zu lassen. Doch Nepomnjaschtschi zögerte das Unvermeidliche noch zwölf weitere Züge hinaus.

Nach seiner dritten Niederlage binnen vier Partien ist der Herausforderer nun mit 3:6 hinten. Als bei Weltmeisterschaften noch nur die Gewinnpartien zählten, wie es Bobby Fischer gefordert hatte, machte Viktor Kortschnoi 1978 gegen Anatoli Karpow einen 2:5-Rückstand wett, verlor dann aber doch 5:6. Garri Kasparow hat aus einem 0:5 gegen Karpow noch ein 3:5 gemacht, bevor ihr erstes Match nach 48 Partien im Februar 1985 abgebrochen wurde. Doch heute wird jeder mit einem Remis erzielte halbe Punkt mitgezählt und bringt den Führenden seinem Ziel näher. Um das Match noch zu wenden, müsste Nepomnjaschtschi mindestens drei von sechs Partien gewinnen und dürfte dabei keine verlieren. In seiner Verfassung und gegen einen Carlsen in guter Form, grenzt das ans Unmögliche.

Einige, die das Match live oder auf den sozialen Netzwerken kommentierten, äußerten Mitleid. Fühlte auch Carlsen mit seinem Gegner? „Das ist die Weltmeisterschaft! Man schlägt lieber einen Gegner auf der Höhe seines Könnens, aber wenn nicht, nimmt man es mit“, sagte er und räumte ein: „Stilpunkte wurden heute nicht vergeben.“ Wie die meisten gewinne er lieber durch starke eigene Züge als durch Patzer des Gegners.

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