Dezember 3, 2021

Siegertypen

Käme Vincent Keymer inkognito beim Jugendschach am Bodensee vorbei und würde das aufs Brett stellen, was er gestern im Baltikum aufs Brett gestellt hat, sehr bald würden wir ein strenges Urteil fällen: Dieser Junge braucht Hilfe, er kann den Caro nicht.

Offensichtlich hat der Junge nicht verstanden, warum Weiß analog zu Vorbildern aus der französischen Vorstoßvariante 8.a3 gezogen hatte: Weiß plant, mit 9.b4 Raum am Damenflügel abzugreifen. Dem begegnen wir entweder mit 8…c4 oder mit 8…cxd4. Verstehst du?

Was wir, die wir dem Kinderschach entwachsen wollen, bestimmt nicht ziehen, ist 8…Le7, ein Zug der nichts leistet – außer dem Sg8 ein Entwicklungsfeld zu versperren. “Komm, Junge, den darfste zurücknehmen, denk noch einmal darüber nach.”

Nun saß gestern im Baltikum auf der weißen Seite kein Aushilfscoach vom Bodensee, sondern jemand, der mit einem Elo von 2765 vor gar nicht allzu langer Zeit zu den besten 10 Schachspielern der Welt zählte. Und der, so weit richtig, tatsächlich 9.b4 plante. Er zog es nämlich, nachdem Keymer flugs 8…Le7 aufs Brett gestellt hatte. Aber dann offenbarte sich, dass der Junge auf der anderen Seite des Brettes keinerlei Hilfe braucht, zumindest nicht von Amateuren.

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