Zwischenbilanz der Europameisterschaft

An sich ist es zu früh für welche Prognosen auch immer – wer wird Europameister, wer bekommt die anderen Medaillen, wer landet unter den besten 22? Letzteres ist bedeutend – und für einige vielleicht wichtiger als ein Platz ganz vorne – da man sich so für den Weltcup qualifiziert. Aber Samstag war nun einmal Ruhetag – einen bekommen die Spieler in elf Runden.

Wie Leser des Schachtickerss bereits wissen, führen momentan vier Spieler mit 4.5/5, und zwar Rodshtein, Berkes, Alekseenko und Piorun. Das sind die Nummern 13, 16, 26 und 37 der Setzliste, also niemand aus dem engeren Favoritenkreis. Die sind dann unter den nächsten 25 vertreten, wobei diese Spieler ihre 4/5 auf unterschiedliche Art und Weise erzielten. Unter diesen insgesamt 29 immer noch keine deutschen Spieler, das liegt u.a. daran, dass Rasmus Svane in Runde 5 aus Gewinnstellung verlor.

Neben Svane haben auch Buhmann, Nisipeanu, Bindrich, Fridman, Bluebaum und Wagner momentan 3.5/5. Zwei weitere Großmeister (Huschenbeth und Donchenko) und einer der es werden will (Keymer) haben derzeit 3/5. Das hat auch Filiz Osmanodja, die damit wohl zufriedener ist als die Männer – wobei für Keymer die dritte GM-Norm und damit der Titel noch in Reichweite ist, etwas zulegen muss er. Einige deutsche Spieler kennen ihren Platz in der Setzliste recht gut – der an 64 gesetzte Falko Bindrich ist 65., der an 169 gesetzte Lev Yankelevich 168. . Andere liegen darüber oder darunter.

Fotos gibt es auf der Turnierseite recht wenige, dabei vor allem aus der ersten Runde. Da haben sie unter anderem das Spitzenbrett fotografiert:

Da spielte der norwegische IM Haldorsen einmal, und der russische GM Artemiev mehrfach. Ganz souverän war Artemievs Schwarzsieg in dieser Partie nicht, aber er gewann. Artemiev stand anfangs im Mittelpunkt, da er ein paar weitere Elopunkte einsammelte und so Karjakin und Nakamura auf der Live-Eloliste überholte. Wenn die russische Nationalmannschaft strikt nach Elo aufgestellt würde, wäre die Brettreihenfolge nun Nepomniachtchi, Grischuk, Kramnik, Artemiev und Karjakin. Da Kramnik nicht mehr will und da Vitiugov bei seinem Erfolg in Prag nur 8 Punkte gewann und nicht etwa 10, wäre Brett 5 Peter Svidler. Aber das nur nebenbei.

Wer ist in der ersten Runde noch aufgefallen?

Unter anderem Kiril Georgiev – mit einer vermeidbaren Niederlage im Turmendspiel gegen Filiz Osmanodja. Fotografiert wurde er aber wohl, weil sie gerne “Veteranen” fotografierten und/oder weil der Ex-Bulgare nun für das gastgebende Land spielt – politisch korrekt heisst es nach neuester Lesart Nord-Mazedonien. Filiz Osmanodja hatte im weiteren Turnierverlauf zunächst Elo-normale Ergebnisse und besiegte dann gegen die Elo-Logik den tschechischen IM Zwardon. Der hatte nie viel mehr Elo als die aktuellen 2452, Kiril Georgiev hatte zu seinen besten Zeiten fast 2700 und hat nun 2595.

Ilia Smirin hatte nur einen halben Fehlstart – hier akzeptiert sein spanischer Gegner gerade das israelische Remisangebot. Dahinter war Smirins Landsmann Postny erfolgreicher und gewann später, die grauen Haare wiederum dahinter gehören Zdenko Kozul, der sich wieder mit Remis begnügen musste.

Wer alles von den Favoriten (bezogen auf die jeweilige Partie) nur Remis spielte, diese Liste würde zu lang. Eher als Georgievs Ausrutscher wurden wohl zwei komplett unerwartete Ergebnisse auch international registriert: GM Mamedov – IM Pultinevicius 0-1, weil der Azeri entweder ein Bauerendspiel völlig falsch eingeschätzt hatte oder er hatte gar nicht gesehen, dass sein litauischer Gegner Damentausch erzwingen konnte. GM Eljanov – GM Todorovic 0-1 (beide haben den GM-Titel, aber nur der Weißspieler ist erweiterte und war mal engere Weltklasse). Materiell wäre es bei beiderseits nacktem König kurz nach Partieende wieder etwa ausgeglichen – zwei weisse Türme gegen eine schwarze Dame. Aber Schwarz hatte neben der besseren Leichtfigur (gut postierter Sf4 gegen grossbäuerlichen Lc2) auch die Initiative. Davor hatte Eljanov zu Recht soviel Respekt, dass er sich den Rest nicht mehr zeigen liess.

Liviu-Dieter Nisipeanu erzielte im deutsch-deutschen Duell gegen Ashot Parvanyan den vollen Punkt, damit war zu rechnen.

Auch Boris Gelfand bestätigte seine Favoritenrolle. Das sind jetzt genug relativ alte Spieler (Ausnahme war Artemiev).

Grigoriy Oparin musste sich gegen einen gewissen FM Bernat Serarols Mabrat mit Remis begnügen, und war damit eher gut bedient. Danach erzielte  Oparin gegen FMs und IMs jeweils 1.5/2, nun bekommt er in Runde sechs seinen ersten großmeisterlichen Gegner – dessen Namen ich noch nicht verrate.

Noch jünger geht auch: Volodar Murzin (*2006) verlor zu Beginn gegen Landsmann Esipenko (*2002), und seither nicht mehr.

Von den deutschen GMs mussten sich in Runde 1 Fridman und Bluebaum mit Remis begnügen, die sieben anderen lösten ihre “Pflichtaufgaben”.

Durch die anderen Runden etwas mehr im Schnelldurchlauf: Runde 2 war nicht der Tag der Aeroflot-Sieger. An Brett 1 verlor Kulaots gegen Artemiev, und das obwohl er nach 20 Zügen zwei Mehrfiguren hatte. Die hatte Artemiev allerdings offensichtlich absichtlich geopfert, und das Material bekam er schnell zurück. Im 24. Zug verpasste Kulaots eine Computer-Remischance, später gewann Artemiev im komplizierten Endspiel. Dieses Ergebnis passte zu den Elozahlen, und Artemiev hat ja dieses Jahr Gibraltar gewonnen.

An Brett 2 kam Kovalev mit Weiß in einer etwas chaotischen Partie gegen Zhigalko (Andrey, nicht Sergey) übel unter die Räder. Dieses Ergebnis passte weitgehend, wenn auch nicht komplett zum Partieverlauf. Zu den Elozahlen (2541 zu 2703) passte es nicht. Das nächste (komplett) unerwartete Ergebnis war dann an Brett 12 GM van Foreest – GM Parligras 1-0 – mit den weissen Figuren nicht etwa Jorden sondern Lucas. Zwei deutsche GMs dachten (sicher ohne Absicht und ohne es überhaupt zu wissen) “was Parligras kann, das können wir auch”: IM Belyakov – GM Donchenko 1-0, IM Janik – GM Wagner 1-0. Remisen waren für deutsche Spieler generell kein Erfolgserlebnis (Ausnahme Keymer-Lysyj 1/2). Siege sind immer ein Erfolgserlebnis, aber das schafften nur Svane, Buhmann und weiter hinten Parvanyan.

Nach Runde 3 war die Tabellenspitze erstmals relativ überschaubar – noch 7 Spieler mit 3/3 und zwar Lucas van Foreest, Azarov, Cheparinov, Alekseenko, Piorun, Chigaev und Bartel. So nach Wertung sortiert, nach Elo zählte nur der fast-2700er Cheparinov zum Favoritenkreis. LvF besiegte gegen die Elo-Logik GM Indjic – der zunächst aus Verluststellung entwischte und dann patzte. Ebenfalls Elo-überraschend Azarovs Sieg gegen Grandelius in einem von Anfang an klar besseren Turmendspiel.

Für Artemiev war das Schwarzremis gegen Ter-Sahakyan ein Erfolgserlebnis im Sinne von “zwischenzeitlich stand er klar schlechter”. Aus deutscher Sicht auch viele Remisen, das von Buhmann gegen Rodshtein und das von Keymer gegen Movsesian brachte neben einem halben Punkt auch einen bzw. zwei Elopunkte. Und Siege von Spielern, die so wieder etwas Boden gut machen konnten.

Nach Runde 4 lagen wieder 19 Spieler vorne, alle 3.5/4. Die zuvor Führenden spielten also gegeneinander remis, und für den herunter gelosten Lucas van Foreest war Artemiev doch eine Nummer zu groß – Niederlage im Turmendspiel. Zu den 19 Führenden nach dieser Runde gehörte damit Artemiev, bekanntester Name ansonsten Gelfand, elobester neben Artemiev und Cheparinov Rodshtein. Wie gewann dieser mit zwei Leichtfiguren gegen einen Turm von Jules Moussard? Indem er eine Figur für zwei Bauern opferte, danach waren zwei verbundene Freibauern partieentscheidend.

Deutschester Name war Rasmus Svane (Dänen sagen ja mitunter, dass das ein dänischer Name ist). Er zerlegte Noël Studer ab 17.Lxh6 – 40 Minuten brauchte er um sich zu vergewissern, dass dieses Figurenopfer korrekt ist. Wohl deshalb wiederholte er danach zunächst die Züge, aber nicht dreimal, und dann ging es weiterbis zum 32. Zug.

Ähnlich chancenlos wie Studer gegen Svane war Keymer gegen Grandelius, jedenfalls nachdem er in einem Najdorf-Sizilianer mit Schwarz den Bogen überspannte. Voll punkten konnten Fridman, Bluebaum, Bindrich, Huschenbeth und Donchenko, Nisipeanu und Wagner remisierten dagegen mit Schwarz gegen nominell unterlegene Gegner.

Patricia Claros Aguilar hat Daniel Fridman fotografiert – er passt auf das Foto, wobei links und rechts von ihm weniger Platz ist als bei (s.o.) Volodar Murzin.

Schon sind wir bei Runde 5, in der aus 19 führenden Spielern wieder 4 wurden. Wie geht das? Indem viele remis spielen und nur fünf verlieren – darunter der herunter geloste IM Lomasov gegen GM Dubov.

Bei den Russen Chigaev und Artemiev gab es den zweiten Händedruck relativ kurz nach dem fotografisch dokumentierten ersten. Artemiev blitzte Najdorf-Theorie herunter, die auch ich kenne (allzu viel kenne ich nicht), Chigaev brauchte ein paar Minuten für “soll ich oder doch nicht?” – die Züge wiederholen. Nach 6.Le3 Sg4 7.Lc1 Sf6 8.Le3 Sg4 9.Lc1 Sf6 10.Le3 hatten beide einen Ruhetag vor dem Ruhetag.

Erdos und Cheparinov machten es anders – viele Figuren abtauschen und sich dann nach 21 Zügen auf Remis einigen. Weiß glaubte offenbar nicht, dass sein Mehrbauer ihm irgend etwas einbringen würde – das sehen Engines auch so. Aleksandrov und Zvjaginsev haben nur die Damen und zwei Bauernpaare getauscht und ohne wirkliche Feindberührungen nach 14 Zügen Remis vereinbart.

Derlei Partien wird es später im Turnier wohl auch geben, wenn taktiert wird im Sinne von “top22 (Weltcup-Qualifikation) absichern ist wichtiger als eventuell eine Medaille”. So weit ist es wohl noch nicht.

Vier Sieger gab es an den vordersten Brettern: Bei Deac-Rodshtein 0-1 entstand aus Najdorf-Sizilianisch ein frühes Endspiel, und das war (wie oft sizilianische Endspiele) für Schwarz bereits etwas besser – 0-1 dann nach 52 Zügen. Berkes-Pantsulaia 1-0 ebenfalls im Endspiel, da hoffte Schwarz wohl auf den Remisfaktor ungleichfarbige Läufer. Aber am Ende mussten sich beide schwarze Figuren um den weissen c-Freibauern kümmern, und Weiß hatte einen zweiten Freibauern auf der g-Linie. Mit richtigem Spiel konnte Schwarz diese Situation vermeiden, aber sein 60. Zug war nicht der einzig richtige.

Die beiden anderen Siege entstanden anders: Bei Baron-Piorun 0-1 opferte Weiß inkorrekt – stattdessen konnte er laut Engines zuvor erst vielversprechend-korrekt und dann unklar-ausgeglichen opfern. Bei Alekseenko-Svane 1-0 opferte Weiß ebenfalls inkorrekt und dann kippte die Partie innerhalb weniger Züge noch komplett. Selbst sah ich zu Hause am Computer noch einen weitgehend schwarzen Enginebalken und informierte mich in der U-Bahn auf dem Weg zu einem eigenen Mannschaftskampf nochmals auf dem Handy – nun war der Enginebalken (aus russischer Sicht leuchtend und) aus allgemeiner Sicht durchgehend Weiß. Was genau Google Translate meint mit “Svane Rasmus …. plapperte für einen sofortigen Umsatz” ist eher unklar, es bezieht sich dabei sicher auf seinen 30. und 31. Zug.

Aus deutscher Sicht war es generell kein guter Tag: Wie bereits erwähnt, gewann Mamedov ab der zweiten Runde alles, heute auch gegen Huschenbeth. Gewisse Ähnlichkeiten mit Svanes Niederlage – auch hier war das weisse Opferkonzept allenfalls halb-korrekt, ein Fehler reicht dann und es ist quasi korrekt. Donchenko hatte gegen Grandelius Weiß und verlor trotzdem glatt. Ganz leer würde Deutschland nicht ausgehen, das war bereits vor der Runde klar. Buhmann und Fridman brauchten 15 Züge, und dann hatten beide einen halben Punkt erzielt. Auch Bluebaum und Bindrich sicherten sich mit Schwarzremisen einen Platz in der Verfolgergruppe der Verfolgergruppe (3.5/5), zu dieser gehören nach Weißsiegen auch Nisipeanu und Wagner.

Da momentan 29 Spieler mindestens 4/5 haben müssen im Sinne von Weltcup-Qualifikation wohl noch weitere Siege her – erst recht für Huschenbeth und Donchenko. Sie haben nun 3/5 – wie auch Keymer, dessen bescheideneres Ziel wohl eine (dritte und damit definitive) GM-Norm ist. Der Sieg gegen Olga Badelka war wieder ein Schritt in diese Richtung – Remisen gegen starke Spieler reichen nur dann, wenn man nie verliert. Seine aktuelle TPR ist 2566 – weniger als 2600 aber nicht aussichtslos weniger.

Wie geht es weiter (bzw. Runde 6 läuft bereits)? Klar ist, dass die vier Führenden gegeneinander spielen (Rodshtein-Alekseenko und Piorun-Berkes). Ansonsten nur einige Paarungen mit deutscher Beteiligung: Wagner-Nisipeanu (deutsches Derby), Fressinet-Buhmann, Fridman-Kulaots (ein bisschen baltisches Derby), Bluebaum-Stupak. Ebenfalls großmeisterliche Gegner für Keymer (Weiß gegen Eljanov), Osmanodja (Schwarz gegen Beliavsky) und auch Parvanyan (Weiß gegen Goganov) und selbst an Brett 141 Ralf Schnabel (Schwarz gegen Kozul).

Insgesamt werden noch sechs Runden gespielt – ob es danach einen Abschlussbericht aus meiner Tastatur (oder einer anderen mir zur Verfügung stehenden) gibt ist momentan aus privaten und beruflichen Gründen unklar.

 

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