Mai 7, 2021

Richtig sitzen, eine Wissenschaft

Privatlounge auf der Bühne des Hyatt Jekaterinburg: Schachfreund Nepomniachtchi in seinem strandkorbgroßen Luxus-Sessel. | Foto: Lennat Ootes/FIDE

Vor dem Fischer-Spassky-Match traten Sitzmöbel in der Schachgeschichte kaum einmal in Erscheinung, spezielle Sitz-Präferenzen von Schachspielern waren nicht bekannt. Fotos von früher zeigen die alten Meister unseres Spiels in aller Regel auf einfachen hölzernen Stühlen. Auf was für einem Stuhl sie saßen, hat die Steinitz‘, Tarraschs und Laskers mutmaßlich nicht weiter interessiert – was auch damit zu tun hat, dass nicht nur in der Schach-, sogar in der Weltgeschichte die Ergonomie des Sitzens lange kaum eine Rolle spielte.

Das änderte sich, als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Büroarbeit aufkam – und damit die Notwendigkeit schonenden Sitzkomforts. Seit dem Fischer-Spassky-Match ranken sich immer wieder Anekdoten um die Stühle der Kontrahenten am Brett. Beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg haben die Sitzmöbel sogar eine dominierende Rolle gespielt, zumindest optisch.

Derart überdimensioniert waren die für die acht Kandidaten bereitgestellten Lederstühle geraten, dass die Spieler sich darin fühlten wie in ihrer privaten Lounge auf der Bühne des Hyatt-Hotels. Der Größe nach glichen die grünen Wuchtbrummen eher einem Strandkorb als einem Sessel. Die Hauptpersonen versanken schier in der ledernen Pracht.

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