April 21, 2021

Yasin Chennaoui punktgleich mit GM Michail Demidow auf Rang 2

Markus Angst – Yasin Chennaoui (Degersheim) verpasste beim von 56 Spieler(inne)n bestrittenen Zürcher Online-Weihnachts-Open den Turniersieg nur um Haaresbreite. Der für den Schachklub St. Gallen spielende 17-jährige Junior holte wie der russische Grossmeister Michail Demidow 6½ Punkte aus sieben Runden und wurde nur wegen zwei Buchholz-Punkten Differenz auf den 2. Platz verwiesen.

Nina Brüssow: «Zu Hause hat man seine Ruhe, aber am Brett kann ich mich besser konzentrieren.»

Nach dem Remis im Spitzenkampf der 4. Runde lieferte Yasin Chennaoui in der 5. Runde – wiederum am ersten Brett spielend – gegen den ein Jahr jüngeren, bis dahin als Einziger der 56 Teilnehmer das Punktemaximum aufweisenden und später noch auf den 10. Rang zurückgefallenen Christoph Dahl sein Meisterstück ab. Er schlug in einer Marathonpartie mit Schwarz den amtierenden deutschen Internet-Amateurmeister. Es war dies gleichzeitig auch ein Lehrstück für jedes Juniorentraining. Denn Chennaoui setzte seinen Gegner nach 86 Zügen mit Läufer und Springer matt. «Diese Schlussstellung hatte ich schon mehrmals auf dem Brett, um ich habe immer gewonnen», kommentierte er das keineswegs triviale Endspielmotiv.

Wenige Stunden später wurde er gleich nochmals zum «Marathonmann», führte seine Gewinnpartie gegen Dorian Asllani (Nyon), U12-Meister 2018, doch über 95 Züge. Und weil es keinen Zeitzuschlag pro Zug gab, befanden sich am Schluss gleich beide Spieler in hochgradiger Zeitnot. Als Asllani die Zeit überschritt, hatte Chennaoui noch 2,3 Sekunden auf der Uhr – allerdings mit Dame, Läufer und Bauer mehr eine klar gewonnene Stellung.

Die Schlussrunden-Partie gegen Martin Fuchsberger, die Yasin Chennaoui dank zweier gefährlicher Freibauern für sich entschied, war mit 30 Zügen dann deutlich entspannter.

Obwohl er das (virtuelle) oberste Treppchen knapp verpasste, war Yasin Chennaoui überglücklich: «Geteilter Sieger mit einem Grossmeister – was will ich mehr? Zwar spiele ich viel lieber am Brett, weil ich den Kontakt mit anderen Leuten schätze, aber das ist für mich ein Glücksmoment in diesen schwierigen Zeiten.»

Nach wenigen Stunden schon wieder am Compi

Nur wenige Stunden nach Abschluss des Zürcher Turniers sass Yasin Chennaoui, der in den vergangenen Monaten unzählige Online-Rapid- und Blitzpartien gespielt hatte, übrigens schon wieder vor dem Laptop – und spielte die Finalrunde der marokkanischen Mannschaftsmeisterschaft.

Zürich war Yasin Chennaouis wertvollstes Resultat in diesem wegen der Corona-Pandemie an Turnieren armen Jahr. 2019 hatte er gleich zweimal für Aufsehen gesorgt. Im April blieb er beim neunrundigen El Ksiba Open in Marokko ungeschlagen, schlug einen Internationalen Meister, remisierte gegen einen Grossmeister sowie drei weitere IM und landete als Startnummer 28 mit 6½ Punkten und einer 2269er-Performance auf dem ausgezeichneten 11. Platz. Und im August schlug er beim Josef-Kupper-Memorial in Zürich in der Startrunde den armenischen Grossmeister Haik Martirosjan, remisierte gegen drei IM und kam mit 3½ aus 7 gar auf eine 2452er-Performance.

Erfolgreiches Geschwister-Trio

Neben Yasin Chennaoui spielten am Zürcher Online-Turnier zahlreiche weitere Schweizer Junior(inn)en mit. Darunter – alle in einem eigenen Raum – auch die drei Brüssow-Geschwister aus Zürich. Und dies mit durchschlagendem Erfolg. Der 17-jährige Jakob holte 5 Punkte, wurde ausgezeichneter Sechster und hatte die grosse Ehre, in der Schlussrunde am ersten Brett gegen GM Demidow spielen zu dürfen. Die 15-jährige Johanna totalisierte ebenso wie ihre drei Jahre jüngere Schwester Nina 4 Punkte. «Wir sind natürlich alle happy mit unseren Resultaten», sagt Nina Brüssow.

Die ebenso wie die ganze Familie Brüssow für den Schachklub Markus Regez spielende amtierende Schweizer Mädchenmeisterin in der Kategorie U12 hätte das Zürich-Turnier zwar lieber «over the board» gespielt («zu Hause hat man seine Ruhe, aber am Brett kann ich mich besser konzentrieren»), fand das Online-Format jedoch eine ideale Alternative. Wie für die meisten Teilnehmer(innen) war dieses Online-Turnier auch für sie eine Premiere. Da es ihr grossen Spass gemacht hat, steht für sie fest: «Ich würde jederzeit wieder ein Langpartien-Turnier im Internet spielen.»

Tornelo ideal für organisierte Turniere

Genau gleich sieht es auch Igor Schlegel (Bern), obwohl auch er – ebenfalls der besseren Konzentration wegen («am Compi ist die Ablenkung grösser») – lieber am Brett spielt. «Zumal das Zürcher Weihnachts-Open eines meiner Lieblingsturniere ist.»

Während er die Lichess-Plattform für Schnellschach zum Spass als prädestinierter betrachtet, findet er Tornelo für organisierte Turniere wesentlich besser. Nicht zuletzt auch deshalb, «weil in Langpartien offensichtliche Verklicker nach Rücksprache mit dem Schiedsrichter zurückgenommen werden können und weil der Tornelo-Server gegenüber früher schneller geworden ist.»

Weniger gefallen hat dem für den Schachklub Bern spielenden 15-Jährigen ihm hingegen beim Zürich-Turnier der fehlende Zeitbonus pro Zug. Dies wurde dem zweifachen Schweizer Nachwuchsmeister (2015 U10/2017 U12) in der 2. Runde gegen den 11-jährigen Lionel Gut (Hochdorf/LU), seines Zeichens U10-Meister 2019, zum Verhängnis. Er übersah nämlich mit nur noch 20 Sekunden Restbedenkzeit in klar besserer Stellung ein einzügiges Matt.

Angesichts dieser unerwartet frühen Niederlage beurteilte Igor Schlegel sein Resultat – 5 aus 7 und Rang 8 – als «ganz okay». Mit der Familie Brüssow machte er übrigens gleich zweimal Bekanntschaft. Gegen Jakob verlor er in der 5., gegen Nina gewann er in der 6. Runde.

Rundum zufrieden ist Turnierdirektor Thomas Brand: «Alles lief perfekt, und kleinere technische Probleme konnten wir jeweils schnell lösen.» Besonders freute ihn und Schiedsrichter Thomas Kraus, «dass wir keinerlei Verdachtsmomente hatten, dass die Fairplay-Regeln nicht eingehalten wurden.»

Trotz der erfolgreichen Online-Premiere – die übrigens nicht für die Führungsliste des Schweizerischen Schachbundes (SSB) und des Weltschachbundes (FIDE) gewertet worden ist – freut sich Thomas Brand jedoch, «wenn wir das Zürcher Weihnachts-Open 2021 wieder in normalem Rahmen durchführen können.»

Auf der Tornelo-Plattform finden Sie die Resultate und können alle Partien nachspielen: https://tornelo.com/chess/orgs/z-rcher-weihnachtsopen/events/44-zurcher-weihnachtsopen-allgemeines-turnier/lobby

Website Zürcher Weihnachts-Open: http://www.weihnachtsopen.ch/

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