Januar 27, 2021

Rapport mit Effizienz und Dusel im chinesischen Internet

Das 11. Danzhou Turnier hat stattgefunden, wenn auch in anderem Format als zuvor – Schnellschach im Internet. So hat China ermöglicht, dass Ding Liren auch mal zu für ihn normalen Zeiten im Internet spielen kann. So konnten auch weitere Chinesen mitspielen, unter anderem Wei Yi, Firouzjas Vorgänger als zukünftiger Weltmeister.

Daneben hatten sie auch vier Europäer, einige mussten für Profischach-Verhältnisse früh aufstehen – Rundenbeginn um 9:30 mitteleuropäischer Zeit. Das ist Familienvater Anish Gili (sic laut Titelfoto) ja wohl gewöhnt. Außerdem Grischuk – hat er sich nicht für die russische Meisterschaft qualifiziert, oder spielt er lieber schnell im Internet als klassisch am Brett? Sowie Rapport, der sonst nicht allzu viele Internet-Einladungen bekam. Und dann auch noch Gelegenheitsspieler Topalov – der durfte vielleicht mitspielen, damit die zweite chinesische Garnitur nicht ganz alleine in der unteren Tabellenhälfte ist.

Das Titelfoto haben sie wohl irgendwie montiert, daher müssen sich die Spieler nicht an Corona-Regeln halten – seit nun fast einem Jahr gehören Hände nicht ins Gesicht!

Das kam dabei heraus: Rapport 9/14, Ding Liren 8.5, Grischuk und Giri 7.5, Wei Yi 6.5, Yu Yangyi 6, Wang Hao und Topalov 5.5. Die 14 Runden waren recht entspannt über sieben Tage verteilt, mittendrin gab es sogar einen Ruhetag. Rapport hat viermal gewonnen und gar nicht verloren. Remiskönig wurde er damit nicht, das schaffte Grischuk mit 11 Remisen. Topalov hat relativ oft Remis gespielt (neunmal), da Remis ja besser ist als verlieren. Giri hat relativ selten Remis gespielt, nur siebenmal in 14 Runden (also doch 50%). Das lag daran, dass er es an einem Tag gar nicht schaffte und am nächsten auch nur selten.

Die Europäer spielten zu Hause, die Chinesen dagegen vor Ort in Danzhou:

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Außerdem mussten sie so nur eine Internet-Verbindung stabil halten – was anscheinend auch nicht durchgehend funktionierte. Außerdem gibt es so immerhin dieses Foto – und auch noch weitere, aber dabei belasse ich es. Die Bilder stammen von irgendeiner chinesischen Quelle, für das zweite nennt chess.com den Fotografen Liang Ziming.

Nun, da Runde für Runde bei deren 14 zu viel wäre, Spieler für Spieler:

Richard Rapport hat ab und zu gewonnen und nicht verloren, beides passte nicht unbedingt zum Verlauf seiner Partien. Gegen Ding Liren war statt 1.5/2 auch 0/2 möglich, jeweils zu Beginn der Turnierhälften. In der ersten Runde fand Ding Liren das entfesselende Kf1-g1 einen Zug zu spät – ungewöhnliche Stellungen erfordern ungewöhnliche Züge. 29.Kg1 war laut Engines +3.5, 30.Kg1 war immerhin noch 0.00, aber nach 31.e4? war es dann weder gewonnen noch ausgeglichen sondern ein aus weisser chinesischer Sicht verlorenes Endspiel. Zu Beginn der Rückrunde wählte Ding Liren in gewonnener Stellung ein Dauerschach – wohl weil seine Bedenkzeit bereits knapp war, und knapper als die gegnerische.

Ansonsten gewann Rapport zweimal gegen Yu Yangyi. Das erste Mal geriet der Chinese mit Weiß ab dem 11. Zug auf Abwege. Das zweite Mal überlebte Yu Yangyi ein verlorenes Mittelspiel und erlaubte dann ein verlorenes Endspiel, das er nicht überlebte. Dann war da noch Rapports Kurzsieg in 10 Zügen gegen Topalov – da muss sich der Leser (falls er nicht Bescheid weiß) bis zum Ende dieses Artikels gedulden. Von seinen Remisen erwähne ich, abgesehen von der zweiten Partie gegen Ding Liren, nur die des letzten Tages: wilde, dabei immer ausgeglichene Komplikationen gegen Wang Hao und am Ende Patt. Und dann mit Schwarz ein jedenfalls klar vorteilhaftes Berliner Endspiel gegen Wei Yi, aber Remis reichte für den Turniersieg: auch wenn Ding Liren Rapport wieder eingeholt hätte, hätte der Ungar aufgrund des direkten Vergleichs den besseren Tiebreak.

Ding Liren begann mit der erwähnten “vermeidbaren” Niederlage gegen Rapport, aus den nächsten fünf Partien dann 4,5 Punkte – viel mehr geht nicht. Im restlichen Turnier dann viele Remisen, ein Sieg und eine Niederlage. Er gewann mal im Mittelspiel und mal im Endspiel, turnierentscheidend letztendlich die verpassten Chancen gegen Rapport.

Von den Siegen erwähne ich mal die gegen Wei Yi und Giri aus der ersten Turnierhälfte. Im chinesischen Derby (eines von vielen im Turnier) war bei reduziertem Material – jeweils Dame, Turm, Leichtfigur und drei Bauern – Wei Yis Königsunsicherheit partieentscheidend. Er hätte seinen Laden wohl irgendwie zusammenhalten können, aber die Bedenkzeit war nun einmal knapp. Gegen Giri gewann Ding Liren im Turmendspiel – im höheren Sinne partieentscheidend, dass Giri auf 32.-Kf8 verzichtete und mit 32.-b5?! die Aktivierung des weissen Turms erlaubte: 33.Te8+ usw. . Danach hatte Schwarz offenbar noch die eine oder andere Remischance, nutzte sie jedoch nicht.

Auch Platz 2 war in der vorletzten Runde plötzlich gefährdet, aber Ding Liren überlebte mit Minusfigur (zuvor gar Minusturm) gegen denselben Giri.

Grischuk ist als nächster dran, da er durch den direkten Vergleich nach Tiebreak vor Giri landete. Aber allzu viel kann man zu seinem Turnier nicht schreiben, ich beschränke mich mal auf “Schwarzsieg gegen Giri nach Najdorf-sizilianischen Komplikationen”. Einmal fand Weiß da nicht den richtigen Zug, und schon war es auf Dauer hoffnungslos.

Giri war mal wieder belebender Faktor im Turnier, und das obwohl er sich auf Twitter in Schweigen hüllte. Der Turniersieg schien – bei Grischuk nie der Fall – möglich, aber er hatte einen schlechten Tag – Pech für ihn, dass das einer der beiden Tage mit drei Runden war. Er begann mit 3/4, dann 0/3, dann wieder 2.5/3 und dann endlich eine Remisserie. Die Niederlagen gegen Ding Liren und Grischuk hatten wir bereits, zuvor hatte er am Pechtag auch gegen Wei Yi das Nachsehen. Gerade hatte er da Oberwasser, und dann hat er mit 27.Se5?? nicht nur einen Bauern eingestellt, sondern Stellung und Partie – welche Idee dahinter steckte, dazu passe ich.

Gewonnen hat er ja auch. Zuerst gegen Wang Hao mit einem simplen aber hübschen taktischen Motiv – aus dem Nichts heraus wobei man ihm schon Absicht unterstellen kann, aber der Gegner musste es nicht erlauben. Dann gegen Topalov in für ihn (Giri) klar vorteilhaften taktischen Verwicklungen. Dann kam der Tag mit langer Rochade, und danach gewann er auf andere Art und Weise: in Endspielen. Turm und Läufer gegen Turm ist nur dann Remis, wenn sich die schwächere Seite richtig verteidigt – Wang Hao scheiterte gegen Giri, wie zuvor Vidit. Das Turmendspiel gegen Topalov war dagegen klar gewonnen.

Der Showdown tags darauf gegen Rapport begann vielversprechend, aber dann wiederholte Giri die Züge. Auf der Uhr stand er schlechter, auf dem Brett laut Engines besser – aber das wusste er eben nicht (jedenfalls das Computerurteil kannte er nicht). Das Najdorf-Schwarzremis gegen Wei Yi ist wohl eröffnungstheoretisch relevant. Zwar war schon 13.a3 neu, aber Wei Yi hatte womöglich die gesamte Partie vorher auf dem Brett oder Monitor, einschließlich der Schlusspointen ab dem 26. Zug – am Ende hatte er mehr Bedenkzeit als vor dem ersten Zug. Die womöglich verpasste Chance gegen Ding Liren hatten wir bereits.

Die drei anderen Chinesen relativ kurz und knapp: Wei Yi konnte durch Schwarzsiege gegen Giri und Ding Liren in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, aber nur indirekt. Yu Yangyi hat auch indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingegriffen, durch zwei Niederlagen gegen Rapport. Gewonnen hat er gegen Landsleute, Wang Hao und Wei Yi, zum Schluss hat er dann gegen Ding Liren und Wang Hao verloren. Wang Hao: auf der Habenseite der bereits erwähnte Sieg gegen Yu Yangyi sowie zuvor ein Endspielsieg gegen Topalov, der dabei mitgeholfen hat.

Und dann noch Topalov: Nun ja, Schnellschach war nie seine Stärke, und er war ja schon vor Corona weitgehend inaktiv. Sein einziger Sieg in der zweiten Partien gegen Wang Hao. 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d3 kann es eigentlich nicht sein, und aus dieser Eröffnung heraus stand er auch mit Weiß schlechter. Aber irgendwie wurde daraus ein für Weiß gewonnenes Endspiel.

Diese Partie kostete offenbar viel Energie, daher hat er in der nächsten Runde 9.-Dd8xd1+ nicht hinbekommen. Die schwarze Dame landete auf d2. Rapport spielte das drittbeste 10.Dxd2 (Engines bevorzugen Lxd2 oder Kxd2), und Topalov gab auf. So konnte auch er indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, zwei Niederlagen gegen Giri waren diesbezüglich am Ende irrelevant.

Wie geht es weiter? In Moskau wird immer noch Schach gespielt – vielleicht freie Internet-Partien von Grischuk und anderen, jedenfalls die russischen Meisterschaften am Brett. In der zweiten Januarhälfte wird dann – nun offiziell bestätigt – in Wijk aan Zee Schach gespielt. Auf vieles verzichten sie – Ausflüge an andere Orte in den Niederlanden, Challenger-Gruppe und Amateurturniere. Aber 14 Spieler können so – mitten im Beereich, in dem sonst hunderte Amateure spielen – Corona-Abstände einhalten. Giri und Caruana wurden offiziell angekündigt, Vachier-Lagrave sagte selbst dass er spielen wird. Generell werden es wohl angesichts von Reisebeschränkungen in den Niederlanden nur Spieler mit EU- oder Schengen-Staatsangehörigkeit (Caruana hat noch einen italienischen Pass) oder -Wohnsitz. Carlsen könnte mitspielen (Norwegen gehört zur Schengen-Zone), Firouzja könnte mitspielen (wohnt in Frankreich). Allenfalls Kramnik (wohnt in der Schweiz, auch Schengen-Zone) könnte Russland vertreten. Ob Tata Steel Chess tatsächlich stattfindet wissen wir, wenn es soweit ist.

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