Von Frank Bicker

Schon in der Grundschule wird Förderunterricht angeboten, oft eine Unterrichtsstunde in der Woche, um flüssig lesen zu lernen oder die Grundrechenaufgaben zu verinnerlichen oder andere Lernprobleme zu lösen. Dann stehen unter Umständen 5 oder 6 Kinder vor der Tür, denen innerhalb der 45-minütigen Unterrichtsstunde, individuell geholfen werden soll. Ob die Lernmotivation steigt und wie die Erfolgsquote ist, soll hier nicht thematisiert werden.

Als unangenehm sehe ich, dass ein gewisser Stempel durch „Ich gehe zum Förderunterricht“ aufgedrückt wird, weil man zum Ausdruck bringt, dass man Schwierigkeiten hat. Statt „ich gehe zum Förderunterricht“ hört sich „Ich gehe zum Schachunterricht.“ viel interessanter an. Die Zuhörer werden neugierig und bringen oft ihren Respekt zu dem Unterfangen zum Ausdruck.

Das wäre ein zusätzlicher Motivationsschub für das Kind. Wie auch im Artikel herausgestellt, wird dank des Schachspielens das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt. Der Ehrgeiz wird angestachelt, was sich positiv auf die Lernmotivation überträgt.

Der Vorteil von Schach besteht darin, dass es keiner großartigen Voraussetzungen – Geld, Raum, Ort, Arbeitsmaterialien, Gesundheit – bedarf, um Schach zu lehren. Der nachfolgende ausführliche Erfahrungsbericht zeigt, was mit welchem Aufwand erreichbar ist. Das soll Erzieher, Lehrer, Pädagogen, Psychologen, Psychotherapeuten ermutigen, Schach in ihren Instrumentenkasten aufzunehmen.


Originaltitel: „Способы использования шахмат в работе педагога-психолога в сфере образования“

Autorin: L.O. Krasilnikova

deutsche Übersetzung: Frank Bicker, PDF-Download (8 Seiten)
Quelle: Вестник практической психологии образования (2017. Том 14, № 3. С. 72–76), Direkter Link
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages: Moskauer Staatliche Universität für Psychologie und Pädagogik1

Krasilnikowa Larissa Olegowna ist pädagogische Psychologin der höchsten Kategorie2 , pädagogische Psychologin der territorialen psychologisch-medizinisch-pädagogischen Kommission am MBU „Zentrum für Information und methodische Begleitung der Bildungseinrichtungen“3 in Aluschta, Republik Krim, Methodiker am MBU „Zentrums für Information und methodische Begleitung der Bildungseinrichtungen“ in Aluschta, Leiterin der methodischen Vereinigung pädagogischer Psychologen in Aluschta.
Wissenschaftliche Interessen: psychologische Unterstützung der Bildungsteilnehmer, Förderung und Entwicklung psychologischer Fähigkeiten bei den Bildungsteilnehmern, Pädagogische Psychologie.

Zusammenfassung: Im Aufsatz werden Inhalt und Aufgaben des pädagogischen Psychologen in dem Förderprogramm „Magic Chess“ beschrieben. Das Programm wird in der Arbeit mit Kindern eingesetzt, die eine schwache Lernmotivation besitzen und/oder unter Vernachlässigung leiden, um sie intellektuell belastbar zu machen. Es beschreibt auch die Möglichkeit der individuellen Förderung der Kinder durch einen pädagogischen Psychologen, um unerwünschte Verhaltensmuster zu ändern und positive Erfahrungen zu sammeln.
Keywords: Schach, Schachspiel, Steigerung der Lernmotivation, Verhaltensänderung bei Kindern.

Die technologische Revolution, in der wir leben, verändert die Lebensweise der Menschen nach-haltig. Neue Freizeitbeschäftigungen entstehen und eine Flut von Informationen bricht über uns herein. Aber das Schachspiel ist trotz der einschneidenden Lebensveränderungen des 21. Jahrhunderts präsent und spielt zunehmend eine wichtige Rolle in der Förderung und Erziehung der Kinder.

Das Schachspiel als zusätzliche Bildung ist weit verbreitet. Autoren wie V. Grishin, E. Ilyin, D. Koma-rov, A. Zhesterev, beschreiben die praktische Anwendung des Schachspiels zur Förderung kognitiver Prozesse bei Kindern im Alter von 7-12 Jahren [2, 3]. Ich stehe dieser Position nahe, weil ich in meiner Arbeit mit Kindern das Schachspiel einsetze und die Bestätigung bekomme, dass dieses Spiel (entschuldigen Sie das Wortspiel) eine wichtige Rolle bei der Förderung des Kindes spielen kann und eine große Ressource darstellt. Der Schachunterricht fördert die Entwicklung so wichtiger Fähigkeiten eines Kindes wie Gedächtnis, logisches Denken, Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft, fördert Fleiß und praktische Fähigkeiten wie Stärkung der Willenskraft und Angefangenes zum Ende zu bringen.

Wenn ein Kind in die Schule kommt, beginnt es, das Zeichensystem der Sprache und den Prozess des „geistigen Handelns“ zu erlernen. Das Ergebnis des „geistigen Handelns“ zeigt sich sofort in den Gedanken, aber nicht sofort in den Bewegungen oder in Worten. Man sagt dazu auch: „Diese Person ist in der Lage, einige Schritte (Züge) im Voraus zu berechnen.“ Dieser Satz kommt aus dem Schach und ist ein fast ideales Modell für die gute Entwicklung der Fähigkeit „geistig zu handeln“ [2]. Diese Fähigkeit bildet sich im Alter von 7-12 Jahren heraus. Daher ist dieses Alter am besten für das Erlernen des Schachspiels geeignet.

Die Besonderheit des Schachspiels besteht in der Notwendigkeit der Einhaltung klarer Regeln, die vollständig die „Funktion der Lerntätigkeit“ überlagert – die das Kind in die Lage versetzt, sein Verhalten den geltenden Regeln und der gesellschaftlichen Norm unterzuordnen. Das Einhalten der Regeln führt dazu, dass das Kind lernt, sein Verhalten und seinen Willen zu steuern“ [6]. Die Regeln dürfen nicht verletzt werden, weil jeder Regelverstoß zur sofortigen Niederlage führt. Dieser Ansatz unterscheidet das Schachspiel grundlegend von anderen Sportarten (einschließlich Spielen), bei denen ein Regelverstoß nur zu Strafen, nicht aber zum Spielabbruch führt. So lernen die Kinder Verhaltensregeln und -normen einzuhalten. Denn die bewusste und freiwillige Einhaltung allgemein akzeptierter Verhaltensstandards ist die Grundlage von Moral, von Ethik.

„Wenn wir das Schachspiel als ein vereinfachtes Modell menschlicher Beziehungen betrachten, so können wir wichtige Gesetzmäßigkeiten klar erkennen. Schach fördert die Fähigkeit, Ereignisse vorauszusehen, hilft bei der Suche nach dem Zusammenhang von Ursache und Wirkung, bietet reichhaltige Möglichkeiten zur Modellierung verschiedener Situationen. Es liegt in der Natur des Schachspiels, dass es diejenigen, die es spielen, sprichwörtlich dazu „verleidet“, selbständig zu agieren“ [2]. Wenn wir die Psychotherapie als eine Methode betrachten, mit der Menschen neue Erfahrungen sammeln, das Verhalten und die Überzeugungen ändern, dann wäre das Schachspiel zweifellos eine psychotherapeutische Methode. Kinder können verschiedene kognitive Strategien entwickeln, die im Spiel eingesetzt werden, auf die dann im realen Leben, außerhalb der Therapieräume, zurückgegriffen wird. Der unmittelbare therapeutische Wert des Schachspiels besteht in der Schaffung von Bedingungen zur kreativen Selbstbestimmung der Kinder, zur freien Äußerung ihrer Gefühle, im Erwerb sozialer Kompetenzen und in der produktiven Interaktion mit anderen Menschen (Erwachsenen und Gleichaltrigen) sowie in der sozialen Anpassung der Kinder und Jugendlichen.

Um es deutlicher zu sagen, Schach ist eines der Spiele, was sich am besten für die Förderung der Kinder mit sozialer und pädagogischer Fehlanpassung eignet. „Schach als eine moderne Form der Spielpsychotherapie baut auf die Mobilisierung des intellektuellen und kreativen Potentials der Person sowie auf interne Selbstregulierungs- und Selbstheilungsmechanismen der Psyche. Es wird definiert, dass Schach eine Methode der Psychotherapie für strukturierte Situationen mit genau definierten Regeln ist. Dabei werden erzieherische, pädagogische, wettkampforientierte, kreative kommunikative Elemente harmonisch miteinander verknüpft. Schach bietet genügend Spielraum für die Selbstwahrnehmung als lernende Persönlichkeit, für kreative Ausdrucksweisen, für das Gedächtnistraining, für die Lösung von Auswahlproblemen, für die Überwindung von Schwierigkeiten, für Teamarbeit. Schach ermöglicht es, einen psychotherapeutischen Kontakt mit dem Kind auf einer ihm intellektuell zugänglichen Ebene herzustellen, unter Berücksichtigung seiner allgemeinen Entwicklung, der bestehenden emotionalen Störungen und Verhaltensstörungen“ [2].

Die Idee für das Förderprogramm „Magic Chess“ kam mir in den Jahren 2002-2013, als ich in Dnepropetrowsk im Zentrum für soziale und psychologische Rehabilitation von Waisenkindern, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, arbeitete. Viele Kinder wurden vernachlässigt: Bei ihnen ist die Lernfähigkeit und das Wissen über die Welt um sie herum schwach ausgeprägt, einige blieben in ihrer geistigen Entwicklung zurück – sie zeigten Spracharmut, rigides Denken, starke intellektuelle Beeinträchtigungen. Während der Förderstunden mit dem Psychologen begann ich Schach zu unterrichten und stellte fest, dass die kognitive Entwicklung in spielerischer Form schneller und effektiver vorankam. Die Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren interessierten sich für mein angebotenes Schachtraining. Das ermöglichte kognitive Prozesse, aber, was aus Sicht der Persönlichkeitsentwicklung noch wichtiger ist, das eigene Potenzial wurde gesteigert, die Kinder bekamen Selbstvertrauen. Auch vergrößerten sich die Möglichkeiten, mit anderen Kindern zu kommunizieren, sie waren in Lage, bei einer Niederlage im Spiel Gefühlsausbrüche zurückzuhalten.

Nach zehn Jahren der Anwendung des Schachspiels in der Arbeit mit schwierigen Kindern achtete ich auf die Langzeitwirkung des Spiels. Waisenkinder, die in andere soziale Einrichtungen wechselten, trafen sich mit Mitarbeitern unseres Rehabilitationszentrums und erzählten, dass sie weiterhin Schach spielen. Sie nutzten ihre positive Erfahrung mit diesem Spiel und waren in den Schachkämpfen mit anderen Kindern erfolgreich. Darauf waren sie stolz und es steigerte ihr Selbstwertgefühl. Es bereicherte das Repertoire zum Nachdenken anregender Freizeitbeschäftigungen.
Seit 2015 verwende ich als pädagogische Psychologin das Förderprogramm des Autors „Magic Chess“ in der Arbeit mit Kindern der Grundschulklassen und der 5. Klassen der allgemeinbildenden Schulen in Aluschta (Krim). Meine Erfahrung mit dem Programm zur Korrektur und Förderung im Gruppenunterricht bestätigt ebenfalls, dass Schach eine der wirksamen Methoden zur Förderung der Kinder im Alter von 7-14 Jahren ist. „Denn die Spieltherapie eines Kindes ist oft die einzige Möglichkeit, jenen zu helfen, die die Welt der Erwachsenen und ihre Regeln nicht verstehen, die noch von unten nach oben auf die Welt der Erwachsenen schauen“ [6].

Das Ziel des Förderprogramms „Magic Chess“ ist es, Bedingungen für die soziale Anpassung von Kindern im Schulalter zu schaffen, emotionale Störungen und Verhaltensstörungen vernachlässigter Kinder zu korrigieren und die geistige Entwicklung zu fördern.

Die Aufgaben im Programm „Magic Chess“ sind:

  • die Entwicklung von Kommunikationsfähigkeiten, die Fähigkeit zu partnerschaftlichen Beziehungen und zur Teamarbeit;
  • die Entwicklung emotionaler Flexibilität und der Fähigkeit, in unerwarteten Situationen angemessen zu reagieren;
  • das Üben, die Folgen der eigenen Handlungen vorherzusehen;
  • die Steigerung des Selbstwertgefühls des Kindes und die Schaffung eines adäquaten Selbstbildes;
  • die Entwicklung von Fähigkeiten zum Planen und Erreichen von Zielen
  • Steigerung der Motivation, sich zu entwickeln und in der Schule zu lernen;
  • Förderung der kognitiven Flexibilität, der Konzentrationsfähigkeit und der Aufmerksamkeit, die Stärkung des visuellen Gedächtnisses;
    die intellektuelle Freizeitbeschäftigung.

Die Bildung einer Unterrichtsgruppe für das Programm ist bei Interesse und auf Wunsch der Kinder möglich. Die Anzahl der Gruppemitglieder liegt bei 4-6 Personen. Der Unterricht hat erzieherischen und fördernden Charakter.

Es ist sehr wichtig, einen sicheren psychologischen Raum zu schaffen. Dieser Unterricht wird als informelle Kommunikation des Psychologen mit den Kindern durchgeführt. Dass die Kommunikation effektiv verläuft, sollte sich der Psychologe an folgenden Prinzipien der Unterrichtsorganisation halten:

  • Das Prinzip der positiven Einstellung – Schaffung eines positiven emotionalen Klimas, einer freundlichen Atmosphäre während des Unterrichts, verschiedene Varianten der Zusammenarbeit suchen
  • Das Prinzip des Interesses – zu versuchen, den Unterricht für Kinder interessant, mitreißend und passend zu gestalten;
  • Das Prinzip der Unterstützung – die Teilnahme der Kinder an verschiedenen Arbeiten mit ermutigenden Worten unterstützen; auch die kleinsten Erfolge der Kinder im Spiel hervorheben; die Kinder nicht untereinander vergleichen, sondern mit den eigenen Leistungen des Kindes vergleichen;
  • Das Prinzip der Erziehung und Förderung – den Kindern helfen, anderen Menschen zuzuhören und sie zu verstehen, dem Gegner Respekt entgegenbringen, die Äußerungen der anderen Kinder aufnehmen, diese analysieren, indem man dem Kind offene Fragen stellt wie: „Was denkst du?“, „Wie kann man es noch machen?“, „Was folgt auf diese Entscheidung?“, „Welches Ziel verfolgst du?“
  • Das Prinzip der Akzeptanz – den Kindern Verständnis und Wertschätzung für ihre Handlungsmotive entgegenbringen.

Das Programm ist auf 17 Stunden ausgelegt, wobei der Unterricht 2 Mal pro Woche stattfindet.

Das Programm läuft in mehreren Phasen ab.

Phase I – Anfängerphase. Dauer – 7 Unterrichtseinheiten. Diese Phase dient der Informati-on und der Diagnose. Im Unterricht werden die Möglichkeiten der Meinungsäußerung eines jeden Kindes im intellektuellen, emotional-volitionalen und kommunikativen Bereich deutlich sichtbar. Dies ermöglicht die individuelle Förderung der Kinder.

Phase II – die Hauptphase, die Schach mit dem Leiter der Gruppe und mit den Gruppenmitgliedern beinhaltet – 8 Unterrichtseinheiten.

Phase III – Kontroll- und Unterstützungsphase -2 Unterrichtseinheiten. Durchführen von Schachwettbewerben, eines Schach-Quiz. Diese Phase ist das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen. Zum Abschluss findet in der letzten Unterrichtseinheit ein Schachturnier statt – die Kinder spielen jeweils mehrere Partien mit jedem Gruppenmitglied. Der Gruppenleiter notiert die Partieergebnisse (1 Punkt – Sieg, 0 Punkte – Niederlage, 0,5 Punkte – Unentschieden) und kontrolliert das Spiel, ob die Regeln eingehalten werden. Durch Addieren der Punkte wird der Gewinner, der mit den meisten Punkten, ermittelt. Am Ende des Turniers werden die drei Erstplatzierten ermittelt. Nach Beendigung des Kinderschachturniers werden schwierige oder einfache Situationen, die während des gemeinsamen Spiels auftraten, besprochen und wie man sie besser meistert. Das Turnier endet mit dem obligatorischen Teetrinken und der Siegerehrung. Es ist wichtig, nicht nur die Gewinner, sondern jeden einzelnen Turnierteilnehmer zu erwähnen. Denkbar ist die Auszeichnung mit Urkunden für Beharrlichkeit, Ausdauer, Siegeswillen, gezeigte Anstrengungen usw.

Die Themen des Programms „Magic Chess“ sind in Tabelle 1 dargestellt.

Phase Ziel Unterrichtsthema Inhalt Stundenzahl
1 eine positive Einstellung zum Erlernen eines neuen geistig anspruchsvollen Spiels schaffen, ein ernsthaftes Interesse an Schach fördern Kennenlernen des Schachspiels. Das Schachbrett. Kennenlernen der Figuren: Bauer, Turm, Läufer, Springer, Dame und König. Geschichte über den Ursprung des Schachspiels.
Vertraut machen mit dem Schachbrett, mit den Begriffen „Vertikale“ (Linie), „Horizontale“ (Reihe), „Diagonale“, mit der Bezeichnung der Felder. Schachbrett basteln (Papier, Farbe). Kennenlernen der Schachfiguren, der Gangarten der Figuren; Besonderheiten der Schachfiguren, Basteln von Schachfiguren (Teig, Pappmaché, etc.)
7
2 Voraussetzungen schaffen, um Erfahrungen mit Schach zu sammeln Schachregeln Eröffnung, Entwicklung. Gambit. Einfache Mattstellungen. Endspiele 8
3 Kenntnisprüfung zu den Schachregeln Schachturnier Wettbewerbe, Schach-Quiz, Schachturnier 2

Tabelle 1: Übersicht zu den Unterrichtsthemen des Programms „Magic Chess“

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