Eigentlich habe oder hatte ich den Anspruch, den kommerzielle Seiten offenbar eher nicht haben: inhaltlich auf das Geschehen der Online-Olympiade eingehen. Aber im Halbfinale passierte zu viel, daher schaffe ich das nur ansatzweise – aber diesmal ein paar Worte zu ALLEN Partien. Insgesamt immerhin 33, da im ersten Match erneut armagedonnisiert wurde. Im zweiten Match drohte (so sehe ich es) derlei ebenfalls, es kam anders. Russland und Indien im Finale, das steht bereits im Titel. Ein Spaziergang war es dabei für die siegreichen Teams nicht, bzw. für Indien nur im für dieses Turnier ungewöhnlichen Armageddon.

Ein Problem ist immer auch: was für ein Titelbild? Ich habe mich für Alexandra Kosteniuk entschieden, da sie als einzige beide Halbfinalpartien gewann und da der zweite Sieg turnierrelevant war. Da bemühe ich immer mein Archiv, diesmal Russische Meisterschaften 2018. Und nun direkt ins Geschehen:

Indien-Polen 2-4, 4.5-1.5, 1-0: Im ersten Match entschied die polnische Doppelspitze Duda-Wojtaszek, die dann aus mir unbekannten Gründen halbiert wurde (statt Wojtaszek spielte plötzlich Gajewski). Im zweiten Match gewann Indien im Erwachsenenbereich sowohl bei den Herren als auch bei den Damen 2-0. Daher Armageddon, und da war Monika Socko gegen Humpy Koneru ähnlich chancenlos wie “eigentlich” tags zuvor gegen Mammadzada – nur diesmal bis zum Partieende.

Das erste Match:

Anand-Duda 0-1: In einem Sizilianer hatte Schwarz die c-Linie. Soweit nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich jedoch dass Weiß rein gar nichts hatte. Es dauerte einige Zeit, bis Schwarz die gegnerische Schwerfigurenfestung knacken konnte, am Ende dann im Turmendspiel mit königlicher Hilfe (74.-76. – Ke6-e5-f4-g3 und danach noch zwei Züge).

Wojtaszek-Vidit 1-0 war weniger souverän. Zwar fiel Vidit ausgangs der Eröffnung nichts ein – “wenn Dir nichts einfällt, ziehe einen Randbauern” – aber nach 17.-h5, 18.-h4 und 19.-h3 stand er besser. Das krönende 21.-Txe3!!? fand er jedoch nicht – da er 21.-Se4 a tempo spielte hatte er es wohl auch nicht erwogen. In einer Schnellpartie kann man es dabei kaum beurteilen …. . So kippte die Partie, nachdem Weiß mit 36.Sxh3 den vorigen Sargnagel entfernen konnte. Später konnte Weiß gar mattsetzen.

An den Damenbrettern Remis – mit gewissen Aufregungen bei Koneru-Socko, ohne bei Cyfka-Harika. Wer ist Karina Cyfka? Früher hieß sie Szczepkowska-Horowska, der Name war offenbar auch ihr selbst zu kompliziert (nein, es gibt wohl andere Gründe). Ihre Partie war unvollendet: Schwarz spielte 3.-a6 und 5.-h6, Weiß dann 7.h3 – aber weder im neunten Zug noch danach a2-a3.

Nihal Sarin – Janik 1-0: Einen damenindisch geopferten Bauern (theoretisch bekannt, wobei diese Variante etwas aus der Mode gekommen ist) bekam Weiß mit Zinsen zurück. Konkret wurde es, nachdem er im Endspiel weitere Mehrbauern erhielt – ungleichfarbige Läufer waren dann auch kein Remisfaktor.

Sliwicka-Deshmukh 1-0: Schwarz stand auf dem Brett gut, jedoch nicht auf der Uhr. Daher patzte sie dann übel.

Das zweite Match:

Duda-Anand 0-1: Revanche für Vishy, ebenfalls im Endspiel – mit Dank an den Gegner, der mit einem Zug zwei Bauern einstellte. Danach war es materiell ausgeglichen – positionell aber nicht, ungleichfarbige Läufer (plus Türme) halfen Weiß auch nicht.

Vidit-Wojtaszek Gajewski 1-0: im Mattangriff dank weisser weissfeldriger Dominanz. Entscheidend war 31.-gxf4? 32.De4 mit Hilfe des Lb1 (statt 31.-Dxf4 nebst wohl Damentausch und dann wohl Remis).

Socko-Koneru 0-1: 13.Sxf7! war die Rechtfertigung des weissen Eröffnungskonzepts. Da sie das nicht fand, ging es dann bergab – am Ende auch hier Matt auf dem Brett.

Harika-Cyfka 1-0: Lange war das Endspiel wohl in der Remisbreite, dann jedoch nicht mehr.

Janik-Praggnandhaa 1-0: Weiß schnappte sich einen Bauern und gewann das Endspiel. Am Ende konnte Pragg Matt für seinen König verhindern, indem er rechtzeitig (einen Zug zuvor) aufgab.

Agrawal-Sliwicka 1/2: am Juniorinnenbrett waren auch zwei andere Ergebnisse denkbar, das muss als Kurzbericht zu dieser turbulenten Partie reichen.

Armageddon:

Socko-Koneru 0-1: Weiß hatte keinen Vorteil, versuchte es notgedrungen mit der Brechstange und hatte so Nachteil. Am Ende auch hier ein Matt auf dem Brett, wobei Koneru die Wahl zwischen sechs Mattzügen hatte. Alternativ gingen bei der Materialverteilung zwei Damen, Läufer und zwei Bauern gegen nur den König auch viele Pattzüge – Remis reichte ihr ja.

 

Russland-USA 3.5-2.5 und 3-3: Im ersten Match entschieden die Damenbretter, im zweiten gab es sechs Weißsiege – damit (wenn man bei der Jugend nicht nach Geschlechtern sortiert) auch unentschieden per Kategorie. Sündenbock aus US-Sicht war wohl Sam Shankland, Sündenböckin Anna Zatonskih. Umgekehrt drohte dem jungen Esipenko eventuell ein sibirisches Straflager, aber das haben seine Kollegen verhindert.

Das erste Match:

Grischuk-So 1/2 – Wesley So ist eben ein Remisspieler.

Shankland-Dubov 1-0 1/2: Das Endspiel war wohl zunächst in der Remisbreite, aber Dubov konnte das nicht beweisen. Zwischendurch konnte Shankland mit reduziertem Material und mitten auf dem Brett mattsetzen, tat es jedoch nicht. Am Ende gewann 62.Lf4+ nebst 63.c7, der Partiezug 62.c7?? (“nebst 63.Lf4+”) gewann nicht, da 62.-Txc7+ ein Schachgebot war – also Remis.

Goryachkina-Zatonskih 1-0: Mattangriff im Mittelspiel funktionierte nicht, dann eben ein Endspielsieg – am Ende eine auch laut Tablebases gewonnene Version von Turm, a- und c-Bauer gegen Turm.

Abrahamyan-Kosteniuk 0-1 im Mattangriff, eine kräftige Tracht schachliche Prügel für Weiß.

Esipenko-Xiong 1-0 1/2: Schwarz entwischte, da 29.Kf1? zu subtil war und er so im Remissinne ausreichende Kompensation für zwei Minusbauern erhielt. Besser war alles, das ebenfalls -Txg2+ verhinderte: 29.g3, 29.Kh1, 29.Lf1.

Wang-Shuvalova 1-0: Aus der Eröffnung heraus ein Spiel auf zwei Ergebnisse – Weiß hatte zunächst in offener Stellung das Läuferpaar, später einen Mehrbauern. Es wurde das richtige Ergebnis aus US-Sicht, und das falsche aus russischer Sicht (Russland konnte das per saldo verkraften).

Das zweite Match:

So-Grischuk 1-0: Soso, Wesley So hat gewonnen, warum das denn? Grischuk wurde für seine Kreativität bestraft – die Idee war dabei gut, die Umsetzung allerdings suboptimal.

Nepomniachtchi-Shankland 1-0: Shankland stand mit Schwarz gut, dann patzte er.

Yip-Goryachkina 1-0!? – die Favoritin verlor Faden und Partie.

Kosteniuk-Zatonskih 1-0 war die letzte noch laufende Partie beim Zwischenstand 3-2 für die USA. Diesmal gewann Kosteniuk im Endspiel. Es war remislich, bis Zatonskih den Moment verpasste, ihren Sh8 zu reaktivieren (45.-Sg6, nur so!). Nach 45.-Ke5? 46.Lh5! war der Springer in der Ecke eine hilflose Schnecke – vom weissen Läufer pattgesetzt. Abtausch dieser beiden Leichtfiguren ging nie, da das Bauernendspiel dann für Weiß gewonnen ist – wie auch in der Partie das quasi-Bauernendspiel mit den Leichtfiguren auf den bereits erwähnten Feldern.

Xiong-Esipenko 1-0 war eine merkwürdige Partie. Weiß blitzte wohl seine Vorbereitung herunter, erst ab dem 21. Zug investierte er Bedenkzeit, dann aber jede Menge und … er stand schlechter bis wohl verloren. Aber dann kippte die Partie komplett. Der weisse König musste sich zwar auf eine weite Reise begeben, aber nachdem er c7 erreichte hatte Schwarz kein weiteres Schachgebot, und nun konnte Weiß mattsetzen.

Shuvalova-Wang 1-0: Schwarz stand aus der Eröffnung heraus prima, aber dann kippte auch diese Partie.

 

Russland hat nicht unbedingt verdient gewonnen. Indien hat verdient gewonnen, wenn man das Match auf die eine Armageddon-Partie reduziert. Beide stehen nun im Finale am Sonntag.

Print Friendly, PDF & Email