MARCUS HAUSMANN ÜBER BLINDENSCHACH UND INKLUSION

Vor fast 4 Jahren hat Marcus Hausmann sein Augenlicht verloren. Schon als Kind wurde bei ihm Mukoviszidose diagnostiziert – mit einer damals geschätzten Lebenserwartung von 8 Jahren.

Marcus Hausmann tastet das spezielle Blinden-Schachbrett beim Spielabend der Schachabteilung von Blau-Weiß Grevesmühlen ab.

Nach einer Lungentransplantation und einer anschließenden Entzündung hinter beiden Augen, mussten sie 2015 entfernt werden. Zwei Jahre später nimmt er zum ersten Mal nach seiner Erblindung an einem Schachturnier für Blinde teil und gewinnt den Baltic-Sea Braille Chess-Cup auf Anhieb. Mittlerweile ist er auch als Spielleiter im Vorstand des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbunds (DBSB) aktiv. Im Interview erzählt der 52-jährige, wie ihm Schach nach seiner Erblindung geholfen hat, von den Unterschieden zwischen einer Partie als sehendem und als nichtsehendem Schachspieler und was in punkto Inklusion im Schach noch getan werden muss.

DSB: Herr Hausmann, mit welchen Problemen hatten Sie nach Ihrer Erblindung zu kämpfen?

Als ich Anfang Juni die ersten Sehstörungen nach der Transplantation der Lunge im März bekommen habe, war ich zuerst mehr überrascht und irritiert, als mich mit möglichen Folgen davon zu beschäftigen. Allerdings merkte ich schon da, wie sehr schon diese Einschränkung des Sehens meine Alltagsfähigkeiten beeinträchtigt haben. Ein Glas Wasser einschenken, Insulin aufziehen und spritzen, MP3-Player bedienen, all dies wurden auf einmal große Hürden. Selbst bei einfachsten Dingen war ich auf einmal auf fremde Hilfe angewiesen. Diese plötzliche Abhängigkeit von anderen führte mir sehr deutlich vor Augen, wie sehr ich von meinem Sehsinn abhängig war. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt sagte ich mir, ich wäre froh, wieder auf einem Auge noch 50 Prozent sehen zu können, mein Respekt für jeden Sehbehinderten ist schon nach wenigen Tagen unglaublich groß gewesen. Mein größtes Problem war die Hilflosigkeit, die auf einmal in allen Bereichen des Lebens vorhanden war. Essen und Trinken, Zähne putzen, Medikamente einnehmen, Musik hören, telefonieren, für alles benötigte ich Hilfe.

Hinzu kam noch die Angst, die neue Lunge durch die Infektion in den Augen womöglich durch eine Abstoßungsreaktion zu verlieren, oder noch schlimmer: Die Infektion springt auf das Gehirn über. Der letztlich totale Sehverlust und die immerwährende Infektion führten dann zu der notwendigen Totaloperation beider Augen. Und spätestens da wurde mir klar, dass mein Leben 4 Monate nach der erfolgreichen Lungentransplantation wiederum eine radikale Wendung genommen hat.

Und dann begann die Arbeit: laufen lernen mit dem Stock, lesen lernen mit der Punktschrift, iPhone bedienen lernen mit Voice-Over, Schach spielen auf einem Blindenschachbrett, hören und fühlen statt sehen, Getränke einschenken und mit Messer und Gabel essen lernen, etc.

Im Prinzip bist du als Späterblindeter wie ein Neugeborenes, da unglaublich viel deines bisherigen Könnens auf dem Sehsinn bedingt ist.

Ich stellte mich dieser Herausforderung, da es auch keine Alternative gab, mit Aufgeben gewinnt man keine Partie.

Hat Ihnen das Schachspielen geholfen, mit Ihrer neuen Lebenssituation umzugehen?

Schachspielen war mir zu diesem Zeitpunkt auch eine Hilfe. Auch mein Leben musste wie nach einem überraschenden Zugs eines Gegners in der Partie neu geplant werden. Die Geduld und auch viel Strategie und Taktik habe mich in dieser Zeit durchaus weitergebracht, und auch die wöchentlichen Partien mit einem Schachfreund auf Amrum sorgten für eine gute und positive Entwicklung im der Bewältigung der Krise. Durch die herzliche Aufnahme im Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbund e.V. habe ich eine neue Perspektive für mein Schachspiel gesehen und mich auch engagiert. Mittlerweile wurde ich zum kommissarischen Spielleiter im Vorstand ernannt.

Sie haben schon als Sehender mit 12 Jahren das Schachspiel erlernt. Gibt es Unterschiede wie man eine Partie erlebt zwischen Sehenden und Blinden?

Die Unterschiede vom sehenden zum nicht sehenden Schachspieler geworden zu sein, sind unglaublich.

Früher offensichtliche Drohungen des Gegners mit Gabeln, Spießen, oder mehr zügigen einfachen Kombinationen, die man früher schon im Vorbeigehen erkannt hat, müssen jetzt schwer erarbeitet werden, mit Tasten und gedanklicher Vorstellungskraft ist dies zwar durchaus möglich, kostet aber deutlich mehr Zeit und ist viel anstrengender. Selbst einfache Zwischenzüge müssen aufwendig überprüft werden, um nichts zu übersehen.

Auch das Positionsspiel ist viel anstrengender geworden. Früher habe ich gerne schwierige Stellungen am vollen Brett herbeigeführt, die jetzt schwer zu verarbeiten sind, das heißt, ich muss für mich einfachere Stellungen herbeiführen, und meine Spielweise dahingehend anpassen. Auch habe ich gemerkt, dass ich mit Schwarz an meinem Eröffnungsrepertoire arbeiten muss, um mehr Sicherheit zu haben und komplexe Stellungen zu vermeiden. Der Sehbehinderte muss mit anderen Worten seine Partien deutlich härter erarbeiten.

Problematisch sind auch die Notation und die Zeitnahme. Momentan schreibe ich die Züge in Punktschrift auf, was auch deutlich aufwendiger und schwieriger ist, als die Schwarzschrift. Die Zeitüberprüfung geht auch nicht mehr mit einem Blick, sondern ich muss einen Knopf drücken für die Zeit meines Gegners oder meine eigene ansagen zu lassen. Auch für meine Gegner ist es deutlich anspruchsvoller, da diese jeden eigenen Zug deutlich ansagen müssen und auch meine angesagten Züge wiederholen müssen. Dazu kommt noch, dass durch das Zweibrettspiel der Gegner auf seinem Brett sowohl meine als auch seine eigenen Züge ausführen muss. Dies ist vor allem für ältere Spieler schwierig.

Sie wurden in den Vorstand des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Schachbunds gewählt. Bei welchen Themen wünschen Sie sich Verbesserungen für blinde und sehbehinderte Schachspieler?

Ich habe noch nicht so viele Erfahrungen gemacht, bitte also diese Ausführungen nur rein privat zu werten.

Ich stelle bisher fest, dass die Akzeptanz des Mehraufwands für den sehenden Spieler nicht immer sehr hoch ist. Zum Beispiel passiert es häufig, dass der Gegner das Brett verlässt und ich es nicht mitbekomme. Sage ich dann meine Züge an, bekomme ich natürlich keine Reaktion. Zudem sind die Regeln für das Zweibrettspiel dehnbar und damit auch interpretierbar. Hierbei wünsche ich mir, dass die Belange des Sehbehinderten bzw. Blinden im Vordergrund stehen, nicht ein vielleicht zügiger Ablauf oder eine einfache Klärung. Viele machen sich von den Einschränkungen, die wir haben keine Vorstellung. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, einen Assistenten einzusetzen, aber viele Schachspieler haben so einen Assistenten eben nicht zu Hause rumstehen. Da wünsche ich mir ein Entgegenkommen von Turnierleitern oder Schiedsrichtern. Günstig wäre in Fällen einer Teilnahme eines oder mehrerer sehbehinderter Spieler ein Vorgespräch mit Turnierleitung oder Schiedsrichtern.

Haben Sie ein paar abschließende Worte?

Schach ist seit über 30 Jahren eine große Leidenschaft von mir und wird es auch weiterhin bleiben.

Ich möchte vor allem diejenigen ermutigen, sich dem Spiel weiterhin oder wieder zu widmen, die im Laufe ihres Lebens mit Einschränkungen zu tun haben. Nicht nur beim Sehen, auch beim Hören, Laufen, bei allen Einschränkungen. Inklusion gehört auch hier groß geschrieben und ich werde mich dafür einsetzen, vor allem blinde und sehbehinderte Schachspieler wieder mehr ans Brett und auch in den DBSB zu holen. Wir haben nämlich ein Nachwuchsproblem, und dem will ich mich widmen.

Weiterhin möchte ich jeden bitten, sich in die Verhältnisse seines Gegenübers hineinzuversetzen und sich zu überlegen, wie würde es mir mit diesem Handicap gehen und was würde ich erwarten?

Text und Interview: DSB

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