Onlineschach: Viel positives, aber bei weitem nicht alles

6 Antworten

  1. Vereinsintern weiß ich, wer sich hinter Pseudonymen verbirgt – in einem mittelgroßen Verein kann man das ohnehin nicht auf Dauer verbergen: man kennt sich, kennt die ungefähre Spielstärke, kennt die Eröffnungsvorlieben, … . Bei der Jugendgruppe (offen für Spieler anderer Vereine) bestehe ich darauf, dass jedenfalls ich als Teamleiter Bescheid weiß – ein Spieler reagierte mal überrascht und hat eher widerwillig seinen Klarnamen verraten.

    Bei externen Turnieren ist ja auch der Klarname mitunter nichtssagend. Vor kurzem spielte ich ein Turnier in Nürnberg, bei dem sich in vier Vorrunden 16 Spieler für die KO-Phase qualifizierten – die mussten dann ihren Klarnamen verraten. So erfuhr ich ihn im Nachhinein für drei meiner Vorrundengegner, wobei er nur bei ChainsOfFantasia (anderswo Shelling Ford) “aussagekräftig” war.

    Ich selbst verrate immer meinen Klarnamen – dass man zu meinem Allerweltsnamen dann noch “recherchieren” muss, dafür kann ich nichts.

  2. Roland Schmitt sagt:

    Die Anonymität ist, wenn man so will, mit den Online-Spielplatformen gekommen (nicht nur im Schach). Das war schon vor 20 Jahren beim angesprochenen International Chess Club (ICC) so. Nur dass damals viele Spieler ihren richtigen Namen in ihr Profil geschrieben haben, aber längst nicht alle. Möglicherweise waren es prozentual wesentlich mehr als heute auf Lichess. Aber da liegen 20 Jahre dazwischen und die Welt hat sich weiter gedreht und verändert – sehr verändert!
    Die Anonymität hat sich massiv verstärkt und wie es scheint, hat keiner etwas dagegen. Ich kann schon verstehen, dass dies nicht schön ist. Aber diejenigen, denen das ein Dorn im Auge ist, sind wohl in einer kleinen Minderheit. Viele andere wiederum, die die mangelnde Transparenz ebenso stört, spielen trotzdem mit, denn sie haben ja keine Wahl – oder nur sehr begrenzt. Der einzige Server, bei dem anonym spielen nicht oder nur sehr eingeschränkt geht, ist jener der FIDE. Auf ihrer Online-Areana muss man bei der Registrierung die FIDE-ID angeben. Wenn man keine hat, wird eine vergeben. Möglicherweise gibt es da ein Schlupfloch, doch so weit ich es beobachten konnte, haben die allermeisten neben ihrem Phantasienamen immer auch ihren richtigen Namen dabei stehen. Gleichwohl ist der FIDE-Server nicht sehr attraktiv, was aber sehr wahrscheinlich nicht an der fehlenden Anonymität liegt. Wer schon mal auf dem Server gespielt hat, weiß was ich meine.

    Das Notizbuch ist natürlich eine gute Möglichkeit, etwas Klarheit reinzubringen. Aber nichts hält einen davon ab, das auch heute zu tun. Das mache ich auch, nur ohne Papier. Digital kann ich dann leicht nach Benutzernamen und richtigen Namen wechselnd sortieren, wie ich das gerade brauche oder haben will.

    Was ich nicht verstehe: Gerade im eigenen Verein kann man doch problemlos als Bedingung für die Teilnahme, die Offenlegung der richtigen Namen einfordern. Wer das nicht macht, hat kein Zutritt zum Verein bzw. Team, so wie das auf Lichess heißt). Es ist nur eine Frage, wie man das organisiert. Auf Freiwilligkeit setzen ist da freilich etwas naiv.

    Außerdem: Wer mit Gleichgesinnten online spielen will, kann sich doch austauschen und jeder weiß dann gegen wen er spielt. Jeder kann ein Turnier erstellen zu jedem Zeitpunkt. Es ist halt nur die Frage, wer damit anfängt.

  3. Dirk Paulsen sagt:

    Der Kommentar wurde auf Facebook veröffentlicht!!

    Exakt meine Ansicht, lieber Franz Jittenmeier. Der Hauptgrund, warum ich nun praktisch gar nicht mehr online spiele. Anfangs machte es mir nur Stress und nervte mich, aber ich hielt das für “normal”. Nach einer Weile merkte ich: der Stress will nicht weichen, der Spaß stellt sich nicht ein. Der Grund wurde mir mehr und mehr klar: dadurch, das ich keine Ahnung habe, wer mein Gegner ist, wie er aussieht, wie er heißt, wo er herkommt, sein Erscheinungsbild, seine Ansichten über das Spiel, sein Verständnis davon und, zu guter Letzt auch seine Reaktion auf den Partieausgang, einschließlich der Unmöglichkeit (oder macht das etwa jemals einer von euch?) die Partie im Anschluss durchzuschauen, in netter und entspannter Atmosphäre, was alles so entfällt, sprich die Erkenntnis: daran liegt es und es wird vermutlich auch in näherer oder fernerer Zukunft keinen Spaß machen.
    Als libby1 (unser “Teamchef”; die Vorsitzende des Schachclubs Kreuzberg) bei Chessbase anfing, Turniere zu veranstalten, mit dem Versprechen, dass sich die Teilnehmer dort persönlich und (hoffentlich) mit Klarnamen anmelden und man also zumindest wüsste, wer der Gegner wäre, entpuppte sich als Farce. Im ersten Turnier erhielt man noch stückweise Informationen, im zweiten entfiel auch dies gänzlich. Alles nur Phantasienamen und sämtlichst mir unbekannt. DIe einzige Konsequenz: der Rückzug auch von diesen Aktivitäten.

    • Roland Schmitt sagt:

      Wenn ich das richtig sehe, ist das die Meinung von Martin Wolff, nicht von Franz Jittenmeier.

    • Daniel Hendrich sagt:

      Verstehe das Problem nicht. Wir (Wormser Schachverein) haben auch eine Gruppe bei Lichess für die vereinsinternen Turniere. Wir sind ca. 30 Mitglieder dort, von denen jede Woche mindestens 10 an den Turnieren teilnehmen. Bedingung für die Teilnahme ist die Nennung des Klarnamens, der dann in den Gruppenchat geschrieben wird. Das funktioniert ohne Probleme, und bei unseren Turnieren (bis jetzt 13 Stück) hat noch nie ein “Unbekannter” mitgespielt.