Dezember 7, 2022

Lindores Abbey Rapid Challenge vor dem Finale

Zum laufenden Carlsen-Projekt habe ich nach wie vor gemischte Gefühle: Er nutzt seine Rolle bei chess24 und die Corona-Situation für Eigenwerbung und um reiche Spieler reicher zu machen (viele andere Schachprofis müssen dagegen derzeit auf Einnahmen verzichten und können sich das eher nicht leisten). Außerdem macht er Reklame für Schnellschach – klassische Bedenkzeit will er ja in WM-Matches gerne abschaffen, nachdem er da zweimal nicht besser war als sein Gegner. Aber gut: nur Internet-Schach ist momentan möglich, und demnach gut dass es stattfindet.

An sich war bereits nach der Vorrunde ein Bericht geplant, und dann hätte Karjakin das Titelbild bekommen – aber die Zeit vergeht. In der KO-Runde hatte er dann klar das Nachsehen gegen einen Landsmann, der sich – im Gegensatz zu Karjakin – nur mühsam für ebendiese qualifiziert hatte. Und auch im Halbfinale war für Dubov noch nicht Schluss. Das Titelbild stammt vom Kandidatenturnier in Jekaterinburg, wo Dubov kommentierte. Da ist er offenbar immer noch, diese Millionenstadt ist im Gegensatz zu Moskau keine Corona-Hochburg.

Zunächst zur Vorrunde, und erst die nackten Zahlen: Nakamura 7.5/11, Karjakin 7, Yu Yangyi, So, Carlsen, Ding Liren 6, Dubov, Aronian, Grischuk 5.5, Firouzja 4.5, Duda 4, Wei Yi 2.5. Vier von zwölf Spielern sind nicht fettgedruckt denn für sie war das Turnier nach drei Tagen vorbei.

Nur kurz „Spieler für Spieler“, allzu viel Neues gab es eher nicht: Nakamura wünscht sich vielleicht, dass die Corona-Situation noch lange andauert – denn so fallen seine Schwächen mit klassischer Bedenkzeit nicht ins Gewicht. Er gewann ab und zu und verlor gar nicht – so ging es in der KO-Runde dann nicht weiter für ihn aber es ging weiter. Karjakin zeigte, dass mit ihm noch zu rechnen ist – vielleicht die einzige neue Erkenntnis aus diesem Turnier (jedenfalls dem Rundenturnier). Zu Beginn zwar eine derbe Niederlage gegen Nakamura, aber danach ebenso viele Siege wie der amerikanische Autodidakt. Drei gleich am ersten Tag, der gegen Wei Yi durchaus glücklich: der Chinese hatte im Endspiel einen Mehrbauern aber die Verwertungsfrage kam nicht auf, da er sich einzügig mattsetzen ließ – 41.-Se1#, Springer am Rand bringt Kummer und Schand …. für den Gegner. Diese beiden Spieler hatten die Teilnahme an der KO-Runde frühzeitig abgesichtert, der Rest nicht.

Yu Yangyi begann gar mit zwei Niederlagen gegen So und Karjakin, konnte das jedoch reparieren – Siege gegen Dubov, einen gewissen Magnus Carlsen und gegen seine beiden Landsleute Ding Liren und Wei Yi (dazwischen noch eine Niederlage gegen Aronian). Wesley So ist bekanntlich Remisspieler, sporadisch klappte es nicht. Zu Beginn versuchte er vergeblich, gegen Yu Yangyi eine Gewinnstellung remis zu halten, dann gewann er – wie viele – gegen Wei Yi. Danach zeigte So Normalform – abgesehen von einem Patzer gegen Dubov.

Carlsen kommt jetzt erst, da er neben Stärken auch Schwächen zeigte – beides an sich bekannt. Seine Stärken sind u.a. gegnerische Fehler – Aronian machte den entscheidenden gegen ihn bereits im 15. Zug: wenn man Carlsen freundlich und eindringlich bittet, kann auch der Norweger angreifen. Hinterher hieß es mal wieder „bei Carlsen sieht es so einfach aus“ – es war einfach. Taktisch ist Carlsen dagegen verwundbar. Gegen Yu Yangyi hatte er eine vielversprechende Angriffsstellung, aber einfach genug war es nicht – also in ein Endspiel abwickeln. Das war immer noch klar vorteilhaft, aber dann hat er gegnerische Möglichkeiten total unterschätzt und landete in einem Mattnetz. Das war aber auch gemein vom Chinesen: ein typisches Carlsen-Endspiel bedeutet in etwa ausgeglichener Stellung ohne Risiko endlos hin und her ziehen und auf gegnerische Fehler warten. Auch gegen Duda wurde Carlsen Opfer seiner Endspielsucht: früher Damentausch war der Anfang vom Ende, später taumelte er wieder in einem Mattnetz. Erstaunlicher war, dass Dubov dann Carlsen mit Schwarz und mit Philidor (sein neuestes Eröffnungshobby) strategisch überspielte – wobei Carlsen vermutlich entwischte aber dann einfach so eine Figur einstellte. Auf der Habenseite für Carlsen noch Siege gegen Grischuk, Wei Yi und Firouzja.

Ding Liren konnte seine Qualifikation erst mit Siegen in Runde 8 und 9 absichern, zuvor befand er sich in der Gefahrenzone (50% oder weniger). Der „Zug des Turniers“ war vielleicht sein simpler Dameneinsteller gegen Grischuk.

Dubov begann mit 1/5 – so sehen Sieger eher nicht aus. Dann profitierte er davon, dass So, Grischuk und am Ende auch Carlsen gegen ihn patzten – 50% bei guter Wertung und er blieb dem Turnier erhalten. Und das war, wie sich dann herausstellte, gut so. Übrigens machte ich es gestern bei einem Turnier in Nürnberg ähnlich: nach 1/4 am Ende 8/13 und das war Platz 7. Pro Turnier (es gab vier Vorrunden) qualifizerten sich nur die besten drei und der beste Jugendliche für die KO-Runde der letzten 16 – ich bekam damit nicht die Chance zu zeigen, was ich wirklich kann. Spaß beiseite, ich war zufrieden – einige Siege quasi á la Dubov, wobei die niedrigere Qualität sicher nicht nur an der kürzeren Bedenkzeit (3+2) lag.

Aronian konnte sich trotz seines c-Bauern qualifizieren – gegen Carlsen war 15.-c4? der entscheidende Fehler, gegen Nakamura dann 35.-c5?. Er kompensierte das davor und danach durch Siege gegen Firouzja (aus Verluststellung) und Yu Yangyi. Grischuk war der Pechvogel – ebenfalls 5.5/11 aber schlechteste Wertung und damit ausgeschieden. Sein Pech hatte er sich durch seinen Patzer gegen Dubov ehrlich verdient.

Bleiben drei weitere, die klar ausschieden: Firouzja ist eben kein Weltklassespieler, auch wenn kommerzielle Schachseiten das behaupten. Was in ein zwei Jahren ist wissen wir in ein zwei Jahren. Duda konnte auf höchstem Niveau mitunter mithalten, diesmal nicht. Wei Yi, Firouzjas Vorgänger als zukünftiger Weltmeister, hat immerhin fünfmal nicht verloren.

Die anschliessenden Matches auch nur im Schnelldurchlauf – es gab mindestens zwei, ein drittes wenn es danach 1-1 stand:

Nakamura-Aronian 2-0 (3-2 und 3-1): Es lag letztendlich vor allem daran, dass Aronian seine neue Eröffnung Russisch noch nicht beherrscht – ich frage mich ohnehin, ob sie zu seinem Stil passt.

Ding Liren – Yu Yangyi 2-1 (2-3, 2.5-1.5, 2.5-2.5 Vorteil Ding): Knapp war es, da sie viel Remis spielten. Die erste Armageddon-Partie war total AU (absoluter Unsinn): Zeitüberschreitung von Ding Liren in totaler Gewinnstellung, Yu Yangyi hatte noch 2 Sekunden – am Ende war Schach völlige Nebensache. Auch nach dem 60. Zug kein Inkrement, da man das im Internet nicht programmieren kann oder nicht will. Ist das die Zukunft des Schachs? Hoffentlich nicht, aber es ist Teil der Gegenwart. Beim zweiten Armageddon hatte Ding Liren seine Lektion gelernt, spielte betont schnell und hielt eine Endspielfestung mit Turm und Springer gegen Dame – da er Schwarz hatte reichte das.

Dubov-Karjakin 2-1 (3-0, 2-3, 3-0): zwei ähnliche Matches und dazwischen ein anderes, nur an einem Tag fand Karjakin ein Rezept gegen Dubovs dynamisch-chaotisches Schach. An diesem zweiten Tag schien Dubov im Armageddon klar auf der Siegerstraße und verlor diese Partie dann noch.

Carlsen-So 2-0 (2.5-0.5, 2.5-0.5): So konnte nur sporadisch Remis spielen, gewinnen konnte er gar nicht.

Damit blieben vier übrig, die sich auch bereits für das nächste Turnier qualifiziert haben – eine gute Nachricht für Dubov, die drei anderen mussten sich wohl ohnehin keine Sorgen machen (Carlsen sowieso nicht).

Dubov – Ding Liren 2-0 (2.5-1.5, 2.5-0.5): Auch der Chinese wurde von Dubov phasenweise schwindlig gespielt, einmal gewann Dubov dabei auch im Stil von Carlsen: der Gegner patzte im Remisendspiel.

Nakamura-Carlsen 2-1 (0-3, 2.5-1.5, 3-2): Ausgerechnet Carlsen wurde Opfer des von ihm erfunden Formats, in dem der insgesamt bessere Spieler ausscheiden kann. Im Tennis gibt es mitunter Ergebnisse wie 0-6, 7-6, 7-6, im Schach ist das „eine neue Ära“. Das erste Match verlief so einseitig, dass man es nicht beschreiben muss – so kennt man Nakamura gegen Carlsen. Auch das zweite Match schien nach Wunsch für den Norweger zu beginnen, schon nach 13 Zügen stand Nakamura mit Weiß klar schlechter. Es gab aber ein Problem: es war eine dynamische Stellung, das beherrscht Carlsen eher nicht. Statt seine Schwäche zu akzeptieren und später Dauerschach zu geben, ließ er sich noch auskontern – 0-1 statt 1-0. Carlsen konnte das nicht mehr kompensieren, nur in der zweiten Partie hatte er Ausgleichschancen.

Im fälligen dritten Match ging Nakamura in Führung, da Carlsen den offenen Spanier entkorkte (nicht sein übliches Repertoire) und sich in einer Nebenvariante nicht auskannte. Ausgleich für Carlsen, da Nakamura in der nächsten Partie wieder wie am ersten Tag spielte und im 16. Zug brav patzte. In der letzten Partie glaubten wohl beide an ihre Armageddon-Chancen – Remis ohne große Aufregungen. Im Armageddon stand Carlsen mit Weiß zunächst auf Gewinn, konnte aber den Sack nicht zumachen. In dann ausgeglichener Stellung hat er einen Turm eingestellt – eher nicht mehr turnierrelevant, denn Remis wäre für den Weißspieler ja auch zu wenig gewesen.

Das war’s bis auf das Finale, zum Schluss noch ein Dubov-Foto:

Diesmal nicht alleine und 1,5m Abstand wird auch nicht eingehalten, das war nach der Schnellschach-WM 2018 in St. Petersburg. Dubovs Sieg damals wurde tendenziell weniger gewürdigt als Silber für Firouzja anno 2019, warum eigentlich?

Unabhängig davon: ich hoffe, dass es irgendwann wieder Turniere am Brett geben wird, einschließlich Spielerzitaten (eventuell auch mal eigene) nicht nur aus Liveübertragungen. Es gibt allerdings auch Stimmen, dass Nahschach nun überflüssig sei und klassische Bedenkzeit auch nicht mehr zeitgemäss. Aber was gut ist für Nakamura und womöglich auch Carlsen ist nicht unbedingt gut fürs Schach.

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