Täglich wurden die Leser des Schachtickers über die Fortschritte (oder auch nicht) der Teilnehmerinnen in Saint Louis informiert, nun noch ein Blick auf das gesamte Turnier nachdem es vorbei ist. Einschliesslich vielleicht unbequemer Fakten und Meinungen, dafür diesmal ohne bunte Bilder.

Das Teilnehmerinnenfeld war am Ende quasi dreigeteilt, ganz gleichmässig ginge das nur bei z.B. 12 Spielerinnen. Drei spielten oberhalb ihrer Elo-Erwartung, vier im Rahmen und drei darunter. So sind sie dann auch in der Abschlusstabelle sortiert: Gunina 7/9, Kosteniuk 6.5, Krush 5.5, Dzagnidze 5, Harika und Abdumalik 4.5, Zatonskih 3.5, Khotenashvili und Sebag 3, Paehtz 2.5.

Nach fünf von neun Runden war klar, dass drei Spielerinnen den Turniersieg unter sich ausmachen würden, Stand zu diesem Zeitpunkt Kosteniuk 4.5/5, Gunina und Krush 4/5, sieben andere 50% oder weniger. Es bietet sich also an, zunächst diese drei zu besprechen – auch ihr weiteres Turnier:

Kosteniuk punktete vor allem zu Beginn – weitere Siege sollten nicht mehr folgen und dass sie ungeschlagen blieb lag vielleicht auch daran, dass Gunina im direkten Duell in der letzten Runde für den Turniersieg nur ein Remis brauchte. In der ersten Runde hatte Kosteniuk gegen Paehtz viel riskiert und wurde dafür belohnt – musste aus gegnerischer Sicht nicht sein, und das war im Nachhinein ein Fingerzeig, wohin die Reise für beide gehen sollte. Mal abgesehen davon, dass beide und acht andere durchgehend in Saint Louis blieben gilt “im Nachhinein”: zum Beispiel verlor in Wijk aan Zee Giri in der ersten Runde gegen Nepomniachtchi und am Ende konnte der Spieler, dessen Nachname auch im Pass nur vier Buchstaben hat zufriedener sein als Nepo. Zurück zu Kosteniuk: auch beim Sieg gegen Khotenashvili hat die Gegnerin mitgeholfen. Im 24. Zug konnte die Georgierin den angebotenen Turm durchaus nehmen, dann hätte Kosteniuk Dauerschach – nicht mehr und nicht weniger. Später hat Khotenashvili eine sich abzeichnende Zugwiederholung ausgeschlagen und die Gegnerin quasi gezwungen, die Partie zu gewinnen.

Gunina begann mit 2/3 und hat Kosteniuk dann durch vier Siege nacheinander ein- und überholt. Dass es so lange dauerte lag u.a. daran, dass sie in Runde 2 eine totale Gewinnstellung gegen Krush nicht gewinnen konnte. Spektakulär dann ihr Angriffssieg gegen Marie Sebag – dass Computern das weisse sizilianische Angrifskonzept anfangs eher nicht gefiel, sei’s drum. Tags darauf gewann sie dann im Stil von Carlsen: gegnerische Fehler im Endspiel ausnützen. Freundliche Mithilfe kam von Elisabeth Paehtz, und das war für Kollege Franz Jittenmeier ein Beweis dafür, dass Frauen attraktives Schach spielen. Frauen mögen attraktiv sein (persönlich gefällt mir Guninas derzeitige Frisur eher nicht, aber das ist ihre Sache), relativ niedrige Remisquote liegt wohl auch an der höheren Fehlerquote.

Und das liegt an den Elozahlen, Männer vergleichbaren Niveaus produzieren auch mehr Partien mit Sieger und Verlierer – nur wird über derlei Turniere kaum berichtet. Derzeit läuft ein nahezu vergleichbares Normturnier im dänischen Aarhus, demnächst Batavia Chess in Amsterdam. Warum ausgerechnet dieses Turnier “gegen das Remisproblem kämpft” – nun, sie wollen wohl mehr Aufmerksamkeit für ihre international ziemlich unbekannte Veranstaltung. Ich vertiefe das mal nicht, sondern verlinke den Artikel auf chess.com.

Zu Gunina gehört auch, dass sie aus glatten Verluststellungen entwischt, in diesem Turnier wartete sie damit bis Runde 8 gegen Abdumalik. So behielt sie vor der Schlussrunde einen halben Punkt Vorsprung auf Kosteniuk, und dann das direkte Duell. Kosteniuk hatte Weiß und landete allmählich in einer schlechten bis verlorenen Stellung – nicht weil sie “Alles oder Nichts” spielte, sondern weil sie nach und nach überspielt wurde. Statt “nur” Turniersieg war auch Dominanz (1,5 Punkte Vorsprung auf den Rest) für Gunina drin – Remis wurde es vielleicht auch, weil ihr ein Remis reichte.

Krush hatte bei Halbzeit auch Chancen auf den Turniersieg, verlor dann allerdings in Runde 7 und 8 zweimal nacheinander. Wie bereits erwähnt, die erste Niederlage war eigentlich bereits in Runde 2 gegen Gunina “fällig”. Glück hatte sie auch in Runde 4, Gegnerin Anna Zatonskih schoss ein ausgesprochen kreatives Eigentor in zuvor ausgeglichener Stellung. Insgesamt hat allerdings auch die zweite Amerikanerin im Turnier ihre Rolle als Elo-Aussenseiterin nicht akzeptiert.

Ansonsten überspringe ich die Spielerinnen auf Platz vier bis neun und bespreche Elisabeth Paehtz ausführlicher da sie Deutsche ist. Es lief nicht für sie, soviel steht fest. Chancen hatte sie durchaus – in Runde 1 gegen Kosteniuk und vor allem in Runde 7, wo sie im Duell um/gegen den letzten Platz auf Marie Sebag traf. In Saint Louis war auch die Niederlage gegen Gunina “vermeidbar”, zuvor hatte sie in Wijk aan Zee ihre Chancen vor allem gegen Keymer und Bareev. Aber wenn man/frau auch bessere bis gewonnene Stellungen nicht gewinnt, bleibt man eben sieglos … . Die Ankündigung vorab, dass sie angreifen und erneut die Damen top10 anstreben würde, war vielleicht eher hemmend – das weiss allenfalls sie selbst.

Betrifft top10: nur weil jemand da vorübergehend vertreten ist “gehört” er/sie nicht unbedingt dazu – Beispiele bei den Männern wären Movsesian (inzwischen nicht mehr top100) und Eljanov (danach öfters im Bereich Platz 15-30, momentan Nummer 64). Soooo “schlecht” ist Paehtz bei den Damen sicher nicht, ihren aktuellen Platz 34 in der Live-Liste “kennt” sie durchaus – zuletzt im zweiten Halbjahr 2015. War der Cairns Cup ein Zeichen schlechter Form, oder auch eine Standortbestimmung unter der (erweiterten) Damen-Weltelite?

Für alle (oder fast alle, Ausnahmen Carlsen und das unterste Ende des Elo-Spektrums) ist die Elozahl die Summe von Ergebnissen gegen schwächere, etwa gleichwertige und stärkere Gegner. Wenn man Ergebnisse von Paehtz zuletzt unter die Lupe nimmt, war sie gegen schwächere Gegner sehr effizient – durch insgesamt 18.5/20 bei Mitropa Cup, griechischer und spanischer Liga erreichte und übertraf sie die damen-magische Elo 2500. Geegen stärkere Gegner lief es danach auf der Isle of Man (Remisen gegen Karjakin, Howell und Gelfand), in Wijk aan Zee in der Summe nicht. Gegen etwa gleichwertige Gegnerinnen lief es in Saint Louis auch nicht.

Damen-spezifisch anno 2018 auf hohem Niveau: die Europameisterschaft war am Ende erfolgreich, dabei “Schweizer Halbgambit”: durch Remisen früh im Turnier hatte sie lange Gegnerinnen mit Elo unter 2400, in den letzten beiden Runden wollten weder sie noch ihre Gegnerinnen Gunina (die schon wieder, souveräne Europameisterin) und Ushenina noch etwas riskieren. Was in derlei Duellen früher im Turnier passiert wäre wissen wir nicht. Heraus kam so der geteilte zweite Platz mit deutlich schlechtester Wertung. Die Olympiade war dann ein Flop – drei Niederlagen, nur die gegen Kosteniuk mehr oder weniger einkalkuliert oder “akzeptabel”. Wenn man vor allem Ergebnisse gegen starke Damen berücksichtigt, wo steht sie dann im Vergleich? Sicher nicht in der top10, eher im Bereich Platz 20-30 den sie im Laufe der Jahre meistens hatte.

“Wie geht es weiter?” diesmal in vielerlei Hinsicht: in Saint Louis zunächst Schaukämpfe im Schnell- und Blitzschach, dann Rundenturniere (Spring Cup), dann die US-Meisterschaften. Also volles Programm – wohl deshalb mussten sie Cairns Cup direkt nach Gibraltar ansetzen. Im Damenbereich als nächstes das Kandidatinnenturnier. Wie geht es weiter mit dem Cairns Cup, gibt es ihn nochmals und bekommen sie dann das bereits diesmal angestrebte Feld mit vielen top10 Spielerinnen? Das wird sich herausstellen – Hou Yifan bekommen sie wohl allenfalls wenn sie nicht $$$ bieten sondern $$$$$$. Durch die sehr kurzfristige Ansetzung hatten diesmal offenbar viele Spielerinnen Visa-Probleme – einige waren dann diesbezüglich erfolgreich, andere vielleicht nicht oder sie versuchten es nicht ernsthaft.

Und wie geht es mit Elisabeth Paehtz weiter? Laut Zeitungs-Interview hat sie viele Pläne, welche wurde da nicht verraten. Das Kandidatinnenturnier gehört nicht dazu. Vielleicht gehören schwach besetzte Mannschaftsmeisterschaften dazu, eventuell gut für die Elozahl und jedenfalls wohl gut für das Bankkonto – ob sich Antrittsgelder im Bereich der 5000$ bewegen, die sie in Saint Louis dann bekam, dazu kann ich nicht recherchieren.

Wie geht es nun direkt mit mir weiter? Selbst Schach spielen, also Ende dieses Beitrags.

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