September 25, 2021

Warum Schach Boom-Sport ist

Heiko Spaan (links) und Torsten Noldt haben den ESC mit verbesserten Trainingsangeboten für neue Zielgruppen zum Aufschwung verholfen. FOTO: BUNK

Der Elmshorner SC setzt auf Mädchen und Frauen / Mitgliederzahl innerhalb von fünf Jahren mehr als verdreifacht

Von Michael Bunk

ELMSHORN – Fünf Jahre ist es gerade her, da krebste der Elmshorner Schachclub bei 61 zahlenden Mitgliedern rum, hatte nur zwölf Kinder und Jugendliche in seinen Reihen. 2015 war negativer Höhepunkt eines schleichenden Niedergangs mit dem königlichen Spiel. Heute ist von Niedergang keine Rede mehr. Ganz im Gegenteil. Der ESC ist erstmals in seiner Geschichte mit 210 Aktiven, darunter 134 Kinder und Jugendliche, der mitgliederstärkste Schachverein Schleswig-Holsteins.

In den 73 Jahren davor hatten sich der Lübecker SV und Meerbauer Kiel an der Spitze abgewechselt. Bundesweit liegt der Club auf Rang sieben unter 2400 Schachvereinen; vergangenes Jahr war er noch 41. Bei der Jugend und den Frauen – mit 60 Mitgliedern weiblichen Geschlechts – liegt er sogar auf Platz vier. An so einen Höhenflug hatten die Verantwortlichen ganz und gar nicht gedacht, als sie vor vier Jahren sich zum Umdenken gezwungen gesehen hatten. „Ursprünglich wollten wir unseren Vereinsabend wieder beleben und die Zahl der weiblichen Mitglieder steigern“, sagte Schachwart Heiko Spaan.

Mittlerweile greift der ESC schon im Kindergartenalter  an. Doch dazu später mehr. Erste Idee war ein Schachturnier nur für Mädchen und Frauen und nur für welche aus Elmshorn. „Wir wollten

„Ursprünglich wollten wir nur unseren Vereinsabend wiederbeleben.“
Heiko Spaan ESC-Schachwart

keine Spitzenspielerinnen von anderen Vereinen, die dann die Pokale und Preise abholen“, so Spaan. Dieses Konzept ging auf, und zwar so gut, dass auch schon nur für Jungs offene Turniere gefordert wurden. „Diese Frage wurde vermutlich noch nie in Deutschland gestellt“, so Spaan angesichts eines bundesweiten Mädchen-Anteils von nur sieben Prozent aller Schachspieler. Der ESC hat schließlich auch doch keine reinen Jungs-Turniere entwickelt, aber über die seit vielen Jahren etablierten Jugend Stadtmeisterschaften hinaus Schulschach-Turniere auf die Beine gestellt. Anfangs mit etwa 20 Teilnehmern, im Dezember 2019 mit 81. Auf den vorderen Plätzen fanden sich – wenig überraschend – oft die Mädchen aus den neuen Gruppen wieder. Mehrere Schulen haben inzwischen wieder Schach-Arbeitsgemeinschaften eingeführt.

Gänzlich neu ist, dass der ESC mit seiner Trainerin Natasa Strizak, einer ehemalige Weltmeisterin, schon auf Kinder im Vorschulalter zugeht und daher den Kontakt zu Elmshorner  Kindertagesstätten gesucht hat. Die erste Gruppe umfasst derzeit sieben Mädchen und Jungen im Alter von zwei bis drei Jahren, die spielerisch die ersten Grundlagen erlernen. Dabei hilft inzwischen ein Computer mit moderner Software.

„Natasa hat zum Beispiel einen Zauberstab, mit dem sie die Figuren zieht. Das fasziniert die Kinder“, erzählt Heiko Spaan. Gefördert wird der ESC in dieser Arbeit vom Landessportverband über das Projekt Integration durch Sport, denn viele Kinder haben mittlerweile ausländische Wurzeln. Einmal am Brett sitzend, spielt das aber überhaupt keine Rolle mehr. „Wir haben festgestellt, dass
Schach das komplett ausgleicht. Die denken überhaupt nicht mehr daran, dass sie aus verschiedenen Kulturen kommen“, so Spaan. Schöner Nebeneffekt des Aufschwungs: Lag der Jugendbereich, der Anfang der 2000er-Jahremitdem Aufstieg der Mannschaft um Isaak Falke in die Jugend-Bundesliga seinen größten Erfolg verbuchte, zuletzt brach, wurde dieser automatisch wiederbelebt. 2018 zwei, 2019 vier und jetztsogarzehn Mannschaften vertreten den ESC in den verschiedenen Ligen. Und was tun, wenn es im Nachwuchsbereich so wunderbarläuft? Klarer Fall: „Jetzt kümmern wir uns um die Erwachsenen“, kündigt Spaan an. Schließlich haben alle neu hinzugewonnenen Kinder auch Eltern, die vielleicht für das königliche Spiel zu begeistern sind. „Auch in diesem Bereich werden wir 2020 neue Angebote haben“, so Spaan.


Vor fünf Jahren lag der ESC bei 61 Mitgliedern. Haben Sie damals Angst um die Existenz des Vereins gehabt?

Torsten Noldt:

Eigentlich weniger,weil diese Mitglieder wirklich zum alt eingesessenen Stamm gehörten. Die waren zum größten Teil seit 20 oder 30 Jahren dabei und sind auch immer
aktiv gewesen.Wir haben aber natürlich festgestellt, dass wir etwas machen müssen. Der Freitagabend ist für viele der Ausklang der Woche und da hat man nicht unbedingt Lust, noch groß
zu trainieren. Aber ich merke momentan auch wieder: Das einzige, das was bringt ist das Angebot von Training. Das hatten wir lange, lange nicht. Wir haben nur gespielt und hatten Mannschaftswettkämpfe. Jeder Sportler ist aber ehrgeizig und hat ein Ziel. Das wollen wir auch fördern.

Haben Sie jemals damit gerechnet, dass Sie einen Boom dieses Ausmaßes auslösen würden?

Wir wollten pro Jahr ein Mitglied mehr haben. Zum 125-jährigen Jubiläum kommendes Jahr wollten wir 125 Mitglieder haben. Jetzt sind wir 100 drüber – dann müssen wir also noch älter werden.

Wie kommt der ESC mit diesem Ansturm zurecht?

Wir haben mit Heiko Spaan und Natasa Strizak natürlich einen Glücksfall, aber ehrlicherweise weiß ich auch nicht, wie die beiden das gewuppt bekommen. Und dann müssen wir tatsächlich auch weitere Übungsleiter finden. Wir hatten in der Vergangenheit mal eine Phase mit Jugendlichen im Alter von 16 Jahren; die konnten Anfänger schon anleiten. Das müssen wir jetzt wieder hinkriegen. Man muss noch eine andere Sache bedenken: Je besser die Kinder werden–einige sind jetzt zur Sichtung für Jugend-Europameisterschaften eingeladen –, je mehr Kosten kommen auch auf uns zu. Diese können weder der Verein noch die Eltern einfach so bezahlen.

Ich wundere mich, dass kleine Kinder Schach spielen und nicht Fußball oder Football, was doch viel sexyer klingt?

Viele machen beides. Das sagen wir auch: Man muss Geistessport machen, aber auch körperlichen Sport. Wenn man nur das eine macht, ist das nicht gut.

mbu

Quelle:

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