Bremen: Frühstück im Pyjama, dann gleich gegen Großmeister

Manchmal ahnt man ja gar nicht, wieso man gerade eben verloren hat. Seltener geschieht es, dass man gar nicht so recht weiß, gegen wen – falls es sich nicht gerade um ein offenes Schnellturnier handelt und der Schachpartner sich dem allg. Sittenverfall folgend nicht mit “Name plus Grußformel” bekannt gemacht hat, dabei den Gegner schüttelnd – an der Hand natürlich…

Und wer kennt schon mongolische Schachspieler? Hier im Bild im Schachkampfanzug die 2000 geborene WIM Nomin-Erdene Davaademberel  (Quelle: FIDE)

Ausgerechnet in der Stadtliga Bremen – naja, das ist die fünfthöchste in diesem gebeutelten Stadtstaat! Delmenhorst, Weyhe, Bremerhaven, Achim, Osterholz und noch einige mehr zählen zum Landesschachbund Bremen; Hamburg aber noch nicht … in jener fünfthöchsten Staffel also muss man freudig erregt darauf gefasst sein, an einem stillen Toten-Sonntag auf eine(n) von einem der gleich drei Könner der Schachfamilie Davaademberel fertig gema… also, begrüßt zu werden. Und nicht nur von denen.

   https://wiki2.org/en/Davaademberel_Nomin-Erdene

   https://ratings.fide.com/card.phtml?event=4900782

Dass dem Bremer Spielbetrieb ziemlich viele Clubs aus dem Umland angehören, hat mit der 1971er Auflösung des Schachverbandes Weser-Ems zu tun. Man einigte sich auf eine Klausel, nach der zur Vermeidung unnötiger Härten, z.B. viel zu langer Fahrten oder Beibehaltung historisch gewachsener Bindungen einige Clubs ein Wahlrecht erhielten, wohin sie nun gehören wollten. Deren Entscheidung musste von beiden Verbänden abgenickt werden.

Der Zeitrahmen war gut gewählt (oder erzwungen?), denn der allenthalben sichtbare Aufbruch 68er Folgejahre war perfekt für Veränderungen aller Art und (vor allem?) änderte die Bundesregierung die Finanzverfassung mit vielerlei Auswirkungen gerade für am Rand “von irgendwas” befindlicher Gebietskörperschaften. Der Zuschnitt der Schach-Ligen war um 1970 in Bremen recht simpel zu bewerkstelligen; in Niedersachsen hingegen musste ein äußerst kompliziertes Rätsel zwischen Distanzen, Anzahl der Clubs / Besiedelung der Fläche und manchem mehr angegangen werden. Durch die deutsche Einheit und manch andere Entwicklungen sind heute einige der damals (schachlich) dicht besiedelten Flächen schon besser gefüllt, andere aber stellen weiter eine Herausforderung für den Spielplaner dar.

Deshalb also spielt der kleine, aber Elo-glitzernde Club Kirchweyhe (2 GM, 2 IM, 3 FM, einer der FM über Zwodrei, 1 WIM – wohlgemerkt: das ist nur die ZWEITE Mannschaft, die alles wegschafft) in der Bremer Stadtliga. Für dieses Team ist der Aufstieg eindeutig geplant, sozusagen der Nachstieg zu Kirchweyhes Erster – die hat schon fast den Durchmarsch in die Bundesliga geschafft und prangt Ende November 2019 als Tabellenführer der Oberliga Nord am Bildschirm, unter den ersten neun Spielern haben die aber nur einen IM. Naja, und acht GM … Das ist im DSB offiziell noch eine Amateurliga!

https://www.schachbund.de/SchachBL/bedm.php?liga=olnw&nummer=5

Treu und brav haben auch diese tollen Spieler in der Bremer A-Klasse oder Stadtliga ihre Partien durchgezogen und – ich hab’s genau gesehen! – sogar hin & wieder einmal über ihre Züge nachgedacht. So richtig ernsthaft. Gut, ob der Schachfreund nicht doch über ein Rezept für Serbische Bohnensuppe grübelte, kann man ja nicht sehen.

In ähnlicher Weise sind am anderen Ende Bremens die SF Lilienthal (1 IM, 2 FM, 1 WGM) am Schrauben. Die Lilienthaler schlossen sich mit dem weit entfernt liegenden Großverein Eiche Horn und mit dem knapp vor Hamburg, also nicht gerade ums Eck, situierten TV Wilstedt zusammen, um in der Bremer Stadtliga ein bisschen Schach zu spielen. Der Name Wilstedt geht auf den sagenumwobenen Bischof Willehad, achtes Jahrhundert, zurück. Der spielt jetzt aber nicht mehr mit. Seitdem ist in der Gegend, so weit man das von Bremen aus sagen kann, sowieso nicht mehr viel passiert. Vielleicht war auch das ein Grund, sich vor einigen Jahren dem Landesschachbund Bremen anzuschließen.

Du sitzt also am – immer viel zu frühen – Sonntag am Brett, hältst vorher noch eine Klönschnack mit alten Bekannten über einen überraschenden Sieg der Ausnahmekicker des spinatgrünen Werder-Ensembles gegen den Tabellen-Achzehnten der Bundesliga, hockst Dich mit Deinem soliden 1600er Rating ans Holz … und darfst froh sein, für die so gar nicht georderte Trainerstunde mit GM Michael Zeitlin, nur 2246, keinen Cent zahlen zu müssen. Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit wird Dich durchstrahlen … oder war das nur der Kaffee? Wer (und vor allem warum) diese hochdekorierten Spieler aus fernen Regionen finanziert, ist im Einzelfall nicht ganz klar; nur im Falle Kirchweyhes ist das großzügige Engagement von Peter Orantek jedermann bekannt.

Insgesamt handelt es sich offenbar um eine Art Experiment, ob man von ganz unten nach ganz oben gelangen kann, ohne den Fahrstuhl zwischendrin allzu lange halten zu lassen; ja, es scheint zu gehen. Wenig überraschend. Aber in der Oberliga Nord-West wurden bisher ja erst zwei Runden abgehakt bzw. zwei Ecken abgerundet. Der SK Hellern schrieb einen schönen Artikel über die Lage: https://schach-hellern.de/2019/08/03/die-neue-oberligasaison-2019-20-eine-vorschau/

In Bremen gibt es in den unteren Ligen diesen oder jenen, die das Ganze “unfair” finden – was es deutlich nicht ist. Natürlich ist es ein wenig beklemmend, wenn man in den unteren Ligen (und in Bremen gibt es nur untere Ligen!) schon vor dem ersten Zug weißt, heute eins übergebraten zu erhalten, aber das ist in den ersten Runden starker Open ja auch so. Unsereins bündelt im CH-System dann eben seine dürren Kräfte, um in der letzten Runde “aus der Tiefe des Raumes” kommend (das ist das Brett neben dem WC) so richtig aufzudrehen!

Jedenfalls ist es für viele interessant, was sich in Bremen auch jensseits der Schachbundesliga schachlich so tut. Ach ja, wie viele Clubs aus Niederstsachsen spielen doch gleich in dieser Spielklasse, die ich persönlich für eher überflüssig halte? Über den SV Werder Bremen, den Delmenhorster SK und die Bremer Schachgesellschaft, vulgo: BSG, schrieb ich ja noch gar nicht. Und ich fand es ganz hübsch, einmal diesen Profis bei der Arbeit zuschauen und mich kurz mit diesem oder jenem unterhalten zu können (ja! Die antworten auch … nette Leute, wie Schachspieler eben so sind).

Ralf Mulde, Bremen, unser Senioren-Reporter direkt vom Ochtum-Deich

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